Testphasen geraten gerne mal zu kurz. Und das kann fatal enden. Häufig gibt es nach einem Go-Live kein Zurück mehr (technisch bedingt, Aufwand zu hoch). Und dann muss die Organisation ggf. über Monate mit einer schlechten Lösung arbeiten. Die Akzeptanz sinkt, das Projekt wird negativ bewertet, selbst wenn schlussendlich alles doch irgendwann funktioniert.

Die Arbeit an den Tests beginnt am besten direkt nach der Verabschiedung der Pflichtenhefte mit einer Risiko- und Prioritätsbetrachtung der sich ändernden Prozesse. Auf dieser Grundlage sind dann die Testfälle zu beschreiben und deren Häufigkeit festzulegen.

Da die Entwickler von Software die Testfälle kennen sollten, ist eine intensive Zusammenarbeit von Auftragnehmer- und Auftraggeberseite sehr wichtig. Die Beschreibung der Testfälle umfasst idealerweise die vereinbarten Prozesse und Funktionen plastischer als das Pflichtenheft.

Tests sind in Phasen zu unterteilen. Entwicklertest, FAT (factory-acceptance-test), Integrationstest, Systemtest, Backup and Recovery-Test. Und bei Bedarf sind weitere Tests erforderlich, um benötigte Hardware (z.B. W-LAN-Verfügbarkeit) zu prüfen, und um vor einer Umstellung den Zeitbedarf für die Migration von Daten zu ermitteln (hier drohen aufgrund der riesigen Datenmengen oftmals bei nicht für diesen Fall optimierter Schnittstelle große Überraschungen am Umstellungswochenende).

Für alle diese Testphasen sind für den Übergang von einer in die nächste Phase Quality-Gates zu definieren. Diese sollten mit weiterem Fortschreiten im Test von einfacher zu höherer Komplexität immer anspruchsvoller werden. Die Gates dürfen nicht zu locker, aber auch nicht zu eng gehalten werden. Bei ersterem droht die Gefahr, dass zu viele Fehler in den nächsten Phasen nicht mehr behoben werden können. Beim letzteren geht es „nur“ um die Verzögerung durch Behebung auch der kleinsten Fehler, die bei der nächsten Phase ohne Probleme mitbehoben werden.

Testet man neue IT-Systeme, steht mit dem späteren Praxis-System erst einmal eine geeignete Testumgebung zur Verfügung. Aber was ist nach dem Go-Live? Auch wenn zusätzliche Testumgebungen weitere Kosten verursachen – Umstellungen direkt in Praxis befindlicher Systeme können schnell zu großen Ausfällen führen, die weitaus höhere Kosten verursachen, als sie ein Sandkasten für all die Spielchen bedeutet hätte.

Und Testen ist nicht nur eine Aufgabe für das Projektteam oder die IT. Systeme u./o. Technik müssen sich in der Praxis bewähren.

Phase 4 Testen – funktioniert die Technik?

Neben den funktionalen Tests sind für das Gelingen eines Investitionsprojektes mit komplexer Materialflusstechnik und übergeordneten IT-Systemen die Leistungs- und Verfügbarkeitstests von großer Bedeutung. Schon in der Ausschreibungsphase sollte daher genau überlegt werden, wie der Hersteller hinterher die Leistungsfähigkeit der gesamten Anlage und die Qualität der gelieferten Technik nachweisen kann.

Die überlagerten IT-Systeme beeinflussen die Systemleistung enorm, je nach Zusammenstellung der Transportaufträge können sie für einen reibungslosen Ablauf oder den völligen Stillstand sorgen. Daher ist das Zusammenwirken gerade bei unterschiedlichen Lieferanten für Software und Technik sehr wichtig. Aber wie die Verantwortung schneiden, wie verhindern, dass bei Problemen in der Leistungsfähigkeit „der schwarze Peter im Kreis herumgeschoben“ wird?

Komponententests zeigen recht schnell die Leistungsfähigkeit der Technik an sich, diese können auch bei Volllast oder während des Verfügbarkeitstests immer zur Bestätigung der Ergebnisse wiederholt werden. Für den Systemtest jedoch sind genaue und reproduzierbare Parameter (Verteilungen und Häufigkeiten) notwendig, die in der Praxis kaum oder nur mit enormen Aufwand dargestellt werden können. Hier braucht es im Vorfeld Kriterien, an denen der Auftraggeber erkennt, dass die erforderlichen und vereinbarten Leistungen erreicht worden sind.

Bei der Verfügbarkeit ist ebenfalls schon frühzeitig abzustimmen, was in die Ausfallzeiten eingerechnet wird, welche Störungen in die Verantwortung des Lieferanten fallen, wie die Störungsbehebung erfolgt und welche Eingriffe durch den Lieferanten erlaubt werden. Wie werden die Zeiten festgehalten? Was ist mit Wegezeiten? Letztendlich ist ein gemeinsam abgestimmtes Modell erforderlich, das die Rechengrundregeln für dieses System darstellt. Sinnvoll ist hier die Vereinbarung einer Richtlinie (VDI oder FEM), nie die Gültigkeit aller! Denn dann kann sich der Lieferant das jeweils günstigste Teilelement heraussuchen.

Letztlich ist ebenso wichtig zu klären, was das Ergebnis für den späteren Betrieb bedeutet. Mit welchen Gesamtverfügbarkeiten (also inkl. der betrieblichen Störungen durch Bedienfehler oder schlechtes Fördergut) kann ich in der Produktionssteuerung planen. Sind die Verfügbarkeitsmodelle und die Störungsmeldungen automatisch auswertbar und können sie als Service Level der Instandhaltung herhalten?

Viele offene Fragen, die zur rechten Zeit beantwortet werden müssen – zu früh oder zu spät und schon ist die Übung nichts mehr wert.

Foto: Pixabay/geralt

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