Mit jedem weiteren Tag der Coronavirus-Pandemie kommen neue Informationen über Veränderungen nicht nur in den Lieferketten hervor, sondern allgemein in Verhältnissen  zwischen Lieferanten und Kunden. Mehrere führende Einzelhändler (z.B. Empik und LPP), die ihre Geschäfte in groβen Einkaufszentren angebracht hatten, erklärten neulich die Absicht, einen Teil ihrer Läden in den Einkaufszentren zu schlieβen und sich stärker auf den Internethandel zu konzentrieren. Vielleicht ist dies nur ein psychologisches Spiel, das darauf abzielt, eine Welle ähnlicher Entscheidungen anderer Mieter von Einkaufszentren auszulösen und damit Druck auf Mietpreissenkungen auszuüben. Dennoch ist es ein weiteres Anzeichen dafür, dass nichts mehr so sein wird wie vorher.

Allgemeiner betrachtet kann dies als der Beginn eines gewissen breiteren Trends betrachtet werden, d.h. einer noch stärkeren Verringerung des Geschäftsrisikos für große Marktteilnehmer.

Ich bin gespannt, wie die Risikominderung im Lagerungsteil der Lieferkette erfolgen wird. Eines der neuen Phänomene auf dem Logistikmarkt könnte ein zunehmendes Interesse an VMI-Lagern auf Kosten der traditionellen Lagerhäuser werden. Der Begriff „VMI” stammt vom englischen Begriff Vendor Managed Inventory ab und bezeichnet ein Lager, in dem ein Lieferant Produkte für einen bestimmten Endkunden lagert und abwickelt, der bestimmte Produkte seinen Bedürfnissen entsprechend aus dem Lager bestellt.

Dieses Modell unterscheidet sich von einem traditionellen Lager dadurch, dass die Verantwortung für die Größe des Lagerbestands, den Lagerbetrieb und alle damit verbundenen Kosten beim Lieferanten liegt, über den Lagerbestand verfügt jedoch der Kunde und nicht der Lieferant. VMI-Lager werden häufig in der Produktionslogistik verwendet, insbesondere bei der Herstellung von elektronischen/ elektrotechnischen Artikeln. Die so abgewickelten Produkte sind Komponenten und Unterbaugruppen, die für die Herstellung von Endprodukten notwendig sind. Eine besondere Art von VMI-Lagern sind so genannte Lieferantenparks (Englisch: Supplier Park) in der Automobilindustrie.

 

Unterschiede zwischen einem Lieferantenpark und einem VMI-Lager

Es gibt einige wichtige Unterschiede zwischen einem Lieferantenpark in der Automobilindustrie und einem klassischen VMI-Lager. Im Allgemeinen liegt die Verantwortung für die Aufstellung und die Abwicklung des klassischen VMI-Lagers beim Lieferanten. Er muss das Lager sowohl in Bezug auf die Lagerfläche selbst als auch auf die Aufrechterhaltung des Lagerbestands organisieren. Er kann all diese Elemente selbst bereitstellen, aber er kann auch mit der Lagerabwicklung einen externen logistischen Dienstleister beauftragen. Wichtig für den Endkunden ist nur, dass er Zugang zu Informationen über den Lagerbestand hat und Komponenten nach seinem aktuellen Bedarf bestellen kann.

In der  Automobilindustrie  ist es ein bisschen anders. Ein typischer Automotive Lieferantenpark befindet sich entweder direkt auf dem Gelände des Autoherstellers oder in dessen unmittelbarer Nähe. Der Standort ist von großer Bedeutung, damit Lieferungskontinuität und damit die Kontinuität der Produktion im Automobilwerk  gewährleistet wird, da die Komponenten aus dem Lieferantenpark direkt an die Automontagelinie geliefert werden.

Bei Lieferungen vom Lieferantenpark in die Produktionshalle ist kein Platz für ein Zwischenlager, in dem die Komponenten gepuffert und zu einem späteren Zeitpunkt an die Produktionsstätten geliefert werden können. Z.B. Stoßstangen, Lampen, Verkabelung usw. werden direkt an diesen Ort in der Produktionshalle geliefert, wo die Komponente ins gerade hergestellte Auto eingebaut wird. Die Anlieferung von Komponenten aus dem Lieferantenpark erfolgt in einem vom Takt der Montagelinie bestimmten Zeitplan, und das Lieferungszeitfenster beträgt in etwa mehrere Dutzend Minuten.

Da es keinen Platz für die Lagerung gröβerer Anzahl von Komponenten in unmittelbarer Nähe der Produktionslinie gibt, erfolgen die Lieferungen neuer Komponenten in einem kontinuierlichen Rhythmus von mehreren – mehreren Dutzend Stück und werden im Laufe des Tages viele Male wiederholt. Damit die Belieferung der Montagelinie aus dem Lieferantenpark reibungslos abläuft, ist es wichtig, dass der Lieferantenpark nicht nur möglichst nah vom Produktionswerk liegt, hier wird die Entfernung von der Montagehalle gefragt.

Autohersteller stellen Lieferantenparks für viele Zulieferer an einem Ort, d.h. in einem Gebäude oder einer Lagerhalle auf. Daher liegen die Kosten logistischer Flächen  im Lieferantenpark praktisch immer beim Autohersteller und nicht bei den Lieferanten. Die Lieferantenparks werden in der Regel auch von einem vom Autohersteller benannten Logistikunternehmen abgewickelt, damit Synergien erreicht werden können. .

Interessanterweise bezahlen die Komponentenzulieferer für die Dienstleistungen eines externen Logistikanbieters, obwohl der logistische Dienstleister  vom Endkunden, d.h. in diesem Fall vom Autohersteller benannt wird. Die Rollen vom Lieferanten und Kunden im Falle eines Lieferantenparks sind also im Vergleich  mit dem klassischen VMI-Lager vertauscht. Nur die Hauptprinzipien werden beibehalten – die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Lagerbestands auf einem bestimmten Niveau und für den laufenden Lagerbetrieb, einschließlich ihrer Kosten, liegt bei den Lieferanten. Bestellungen von Produkten aus dem Lieferantenpark liegen in der Verantwortung des Autoherstellers.

Das Funktionieren von VMI-Lagern in einer solchen Formel, d.h. mit der Verantwortung der Lieferanten für die Aufrechterhaltung der Lagerbestände auf dem entsprechenden Niveau, wird durch entsprechende Produktionspläne bedingt. Die Lieferanten müssen über die Werkzeuge zur Berechnung der entsprechenden Lagerbestände verfügen. Die Hersteller stellen den Zulieferern in der Regel einige Wochen im Voraus vorläufige Produktionspläne zur Verfügung, die anschließend  genauer bestimmt und einige Tage vor ihrer Umsetzung endgültig definiert werden.

VMI-Lager im Einzelhandel

Kann das VMI-Modell auch in anderen Branchen als der Fertigungsindustrie eingesetzt werden? Ich kann es mir vorstellen, dass man im Einzelhandel (im logistischen Jargon „Retail“) auf ein VMI-Lager umsteigt.

In einer typischen Supply Chain im Einzelhandel ist eine Einzelhandelskette der Kunde, der in seinem Angebot  Produkte von Hunderten oder sogar Tausenden von Lieferanten hat, obwohl er selbst keine Produkte herstellt. In einem typischen Verkäufer-Käufer-Verhältnis  liegt die Verantwortung für die Produktion und Lieferung an einen bestimmten Ort beim Verkäufer. Im Einzelhandel wurden die Kompetenzen dieser Lieferanten durch die Verwendung von Handelsmarken und durch die Verlagerung der Transportverantwortung für Lieferungen an die Zentral- oder Regionallager schon vor langer Zeit teilweise eingeschränkt.

Ich bin weit davon entfernt, die Lager der Einzelhandelsketten mit denen der Automobillieferantenparks zu vergleichen, obwohl die Lager einiger Einzelhandelsketten relativ leicht in Lager umgewandelt werden können, die dem klassischen VMI-Modell näher liegen, insbesondere für Produkte, die besondere Transport- und Lagerbedingungen erfordern, wie z.B. Frisch- und Tiefkühlprodukte. Wegen sehr strenger Temperaturbedingungen und (im Falle von Frischprodukten) der kurzen Haltbarkeitsdauer, sind die für diese Produkte vorgesehenen Handelsflächen in den Supermärkten  streng begrenzt, und die Anzahl der Lieferanten und ihrer Produkte ist relativ klein. Die Verwaltung eines begrenzten Produktpools mit einer festen Anzahl von Lieferanten, deren obere Bestandsgrenzen durch die Größe der Supermarktregale und Kühltheken definiert sind, lässt vermuten, dass es relativ einfach wäre, das Risiko der Lagerhaltung auf den Lieferanten zu übertragen.

Der Lieferant verfügt auch über spezifische Instrumente zur Förderung des Verkaufs seiner Produkte in den Supermärkten der Kette. Der Hersteller als Lieferant fördert seine Produkte auf dem Markt durch spezifische Marketingmaßnahmen, wie Werbung und Sonderangebote. Theoretisch sind alle Werkzeuge verfügbar. Ein Hersteller, der Marketingaktivitäten und Werbeaktionen plant und die verfügbare Verkaufsfläche kennt, die ihm in den Geschäften einer bestimmten Kette zur Verfügung steht, kann den Lagerbestand  der Kette so planen, dass die Produkte immer in der richtigen Menge in den Regalen verfügbar sind. Erinnern wir uns aber daran, dass eine solche Lösung vorerst eher nur im System der Versorgung von Zentral- oder Regionallagern der jeweiligen Handelsketten funktionieren kann.

Lieferkette neu definiert

Gegenwärtig ist es ziemlich schwierig, sich VMI-Lager vorzustellen, in denen die Lieferanten für die Bestandsplanung auf der Ebene eines einzelnen Geschäfts oder Supermarktes verantwortlich wären. Der Grund dafür ist ihre Anzahl. Erinnern wir uns, dass die Verantwortung für den Lagerbestand auch die Verantwortung für unverkaufte oder veraltete Produkte bedeutet.

Ob VMI-Lager im Einzelhandel eingesetzt werden, ist noch schwer vorherzusagen. Die gegenwärtige Situation ist mit sehr tiefgreifenden Veränderungen in Handel, Lieferkette und Produktion verbunden. Wir wissen nicht, was passieren wird, wir wissen aber, dass viele Elemente des Geschäfts, die bisher fixiert zu sein schienen, für immer neu definiert werden.

Fot. wikimedia.org

Romuald Jaworski – unabhängiger Supply-Chain-Berater, Franchise-Partner des Unternehmens Log-hub, das Anwendungen zur Optimierung von Vertriebsnetzen anbietet. Autor des der Kontraktlogistik gewidmeten Blogs www.contractlogistics.pl.

 

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