Erfolgreiche Startup-Investitionen in unsicheren Zeiten

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Erfolgreiche Startup-Investitionen in unsicheren Zeiten

„Auf dem Weg ins Jahr 2021 beobachten wir, wie es auf dem Finanzierungsmarkt zu einer Spaltung kommt: während sich die Frühphasenfinanzierung verlangsamt, erlebt die Spätphasenfinanzierung so etwas wie einen Mini-Boom”, schreibt Chris Smith, Managing Partner bei Playfair Capital.

Covid-19 hat eine Menge Veränderungen mit sich gebracht und es bedarf junger Unternehmen die sich den neuen Anforderungen widmen. Das eröffnet Chancen für Investoren. Die Krise hat allerdings auch Startups und Scaleups belastet. Vor welchen Herausforderungen stehen die Investoren heute und wie können sie ihren langfristigen Erfolg sichern? Was erschwert und was erleichtert das Leben der Investoren? Wie ist die aktuelle Situation und was sollte getan werden? Was sind die strategischeren Optionen, die von Investoren in Betracht zu ziehen sind? In einer Zeit, in dem Staaten bestrebt sind, Innovationen zu beschleunigen und Großunternehmen, aber auch immer mehr Mittelständler ihre digitale Transformationsreise durch Kooperation mit und Investitionen in Startups und Scaleups vorantreiben oder zumindest unterstützen, werden die Antworten auf diese Fragen immer relevanter, wenn nicht sogar zukunftsentscheidend.

Erfolgreiches Investieren von Risikokapital in junge Unternehmen ist keineswegs das Ergebnis von Intuition, sondern das Resultat eines soliden, bewährten Prozesses und einer unternehmerischen Denk- und Handlungsweise. Hervorzuheben ist, dass die aktuellen Investitionsbedingungen besser sind, als man vielleicht denkt. Es gibt demnach vielversprechende Perspektiven für diejenigen Investoren, die schnell und entschlossen handeln und ein paar Grundregeln beachten. Die Wahl des falschen Ziels bringt uns auf die Route der Verzweiflung. Aber die Anwendung des Denkens von Großunternehmen auf Startups kann auch große negative Folgen mit sich bringen. Die Optimierung des Bestehenden in etablierten Unternehmen und die Gestaltung der Zukunft durch Startups sind zwei entgegengesetzte Pole des Spektrums der Unternehmenskultur. Das erste braucht Fokus und Disziplin, das zweite Kreativität und Flexibilität. Die Kunst der Risikokapitalbeteiligung (auch Venture-Capital-Investition) besteht für Corporate Investoren darin, die Spannung zu managen, um beide Welten erfolgreich zu verbinden. Gelingt dies nicht, zerstört es Werte und setzt wahrscheinlich einigen Startups und Scaleups ein schnelles Ende, besonders in den herausfordernden Zeiten von Covid-19. Dies auch deshalb, weil sich die Frühphasenfinanzierung verlangsamt doch erheblich verlangsamt hat.

Die Gewinner von heute

Nicht jeder ist von dem Ausbruch des neuen Coronavirus gleich betroffen. Auf das richtige Pferd zu setzen, ist eine Frage von Prozess, Recherche und Weitblick. Die Pandemie hat viele der bisherigen Trends, wie Digitalisierung und E-Commerce, beschleunigt. Covid-19 hat auch neue Entwicklungen hervorgebracht, wie zum Beispiel das Arbeiten von zu Hause aus. Aber war das wirklich unerwartet oder auch nur eine Frage der Zeit?

Unser Zuhause ist zum neuen Lebensmittelpunkt geworden, von Familie, Freizeit und Arbeit, mit großen Auswirkungen auf die Lebensgestaltung sowie die Unternehmensorganisation. Zudem hat dies den E-Commerce beflügelt. Die Menschen sind dabei, ihre Arbeits- und Lebensweise neu zu organisieren. Und dies nachhaltig. Das wird sich auf dem Wohnimmobilienmarkt bemerkbar machen und die Nachfrage nach Büroflächen bremsen. Die Lagerhaltung in der Logistik boomt aufgrund des E-Commerce Wachstums und der Schließung des Einzelhandels, was den Bedarf an Lagerfläche antreibt. Fabriken werden durch Zwangsschließungen und räumliche Distanzierung belastet. Demgegenüber erleben Lebensmittelgeschäfte und viele Technologieunternehmen ein rasantes Wachstum. Laut eMarketer verzeichnete der weltweite E-Commerce-Umsatz im Einzelhandel im Jahr 2020 eine Wachstumsrate von 27,6 %. Lieferketten rückten in den Mittelpunkt, und Transparenz wurde zu einem der Schlagworte des Jahres.

Die EGS-Bewegung (Environmental Social and Governance) erfuhr deutlichen Rückenwind im Jahr 2020. Unternehmen mit starken Werten und einem nachhaltigen Ansatz, d.h. einer ausgewogenen Berücksichtigung ökonomischer, ökologischer und sozialer Aspekte des Wirtschaftens, schnitten in 2020 besser ab als solche, die rein auf Profit ausgerichtet waren. Aber auch dies ist die Fortsetzung eines langfristigen Trends. Im Juni 2020 berichtete die Financial Times, dass die Mehrheit der ESG-Fonds über 10 Jahre hinweg besser abgeschnitten haben als der breite Markt. Alles deutet darauf hin, dass sich die Welt eher beschleunigt als in großem Masse verschiebt. Dies unterstreicht die Wichtigkeit und Bedeutung einer soliden Vision, und die Investoren sollten die Veränderung des Tempos berücksichtigen. Das Erfassen des „Zeitgeistes” und die Fähigkeit daraus Schlüsse für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen sind von größter Bedeutung. Recherche und tiefe Einblicke sind auch im Jahr 2021 das A und O. Investoren, die auf Basis einer soliden Vision investiert haben, sind wahrscheinlich in diesem zweiten Covid-19-Jahr damit beschäftigt ihren Startups und Scaleups bei der Bewältigung der neuen Möglichkeiten zu helfen.

Die Schnellen „fressen“ die Langsamen

Covid-19 hat die Konzern- und die Startup-Landschaft auf unterschiedliche Art und Weise beeinflusst. Auf der einen Seite erfreuen sich viele Technologieunternehmen an steigendem Interesse und Umsatz. Auf der anderen Seite sehen sich die Investoren mit einem Höchstmaß an Unklarheit in Bezug auf die Zukunft und immer noch hoher Volatilität konfrontiert. Die SARS-CoV-2-Pandemie hat zusätzliche Risiken in eine Wirtschaft gebracht, die bereits durch protektionistische Maßnahmen geschwächt war. Digitalisierungs- und Umweltrisiken sind zwei weitere Zeitgenossen, die zu einer Besorgnis in weiten Teilen der Wirtschaft beitragen. Dies betrifft Startups und Scaleups ebenso wie Großunternehmen.

Unabhängig davon, ob junge Unternehmen unter Druck stehen oder von der Situation profitieren, stellen Investoren in einer Krise sicher, dass die Unternehmen schlank, agil und ausreichend kapitalisiert sind. Dies, um die Fortführung der Geschäfte, aber auch strategische Manöver zu ermöglichen. „Nachdem wir fast fünfzig Jahre lang jeden Geschäftsabschwung überstanden haben, haben wir eine wichtige Lektion gelernt – niemand bereut es, sich schnell und entschlossen an veränderte Umstände anzupassen”, schrieb Sequoia Capital in einem Memorandum, das an seine Portfoliounternehmen geschickt und am 5. März 2020 auf Medium veröffentlicht wurde. Aber die Investmentfirma betont auch die enorme Chance. „Viele der ikonischen Unternehmen wurden in schwierigen Zeiten geschmiedet und geformt”, heißt es weiter in der Kommunikation.

Diese Mitteilung von Sequoia, die nicht so mitreißend ausfällt wie das R.I.P.-Good-Times-Memo von 2008, zeigt gut, wie erfolgreiche Investoren in der Krise agieren. Sie kommunizieren regelmäßig und klar. Sie geben konkrete Anleitungen und Empfehlungen, worauf die jungen Unternehmen achten sollten, wie z.B. die Mitarbeiterzahl und die Kosten für die Kundenakquise, um die Ausgaben zu senken, ohne dem Geschäft zu schaden. Was 2008 und 2020 galt, hat auch 2021 seine Gültigkeit.

Vorteilhafte Investitionsbedingungen

Während das Risiko im Portfolio gesenkt wird, suchen Investoren nach Chancen, die die Krise mit sich bringt. „Nachdem erste Maßnahmen zur Erholung und Stabilisierung ergriffen wurden, können sich die Portfoliounternehmen auf Wachstum vorbereiten. Im letzten Abschwung hatten viele Portfoliounternehmen Erfolg, indem sie mehr investierten als ihre Konkurrenten”, schreibt die Beratungsfirma McKinsey in ihrem „Covid-19 response playbook”. „Während und nach dieser Krise werden PE-Firmen einzigartige Investitionsmöglichkeiten haben – es ist wichtig, bereit zu sein, zu handeln”, lautet die Kernaussage eines Slide Decks, das Bain & Company am 15. März 2020 Private-Equity-Führungskräften und den CEOs ihrer Portfoliounternehmen präsentierte. Was für Private-Equity-Firmen (PE) relevant ist, gilt auch für Venture-Capital-Unternehmen (VC) und die Startup-Investoren

Finanzmittel sind vorhanden. Die Private-Equity- und Venture-Capital-Unternehmen sitzen auf rekordverdächtig hohen Investorengeldern – „Dry Powder”, wie es in der Branche heißt. „In Bezug auf das Fundraising, seit Jahresbeginn hier im Vergleich zum letzten Jahr, sind wir auf dem Weg zu einem Rekordhoch beim Fundraising für VC. Die Investitionen, die in den Innovationssektor fließen, liegen auf dem Niveau von 2019, was unglaublich ist, wenn man darüber nachdenkt”, sagte Michael Descheneaux, Vorstand der Silicon Valley Bank, die sich stark der Private-Equity-, Venture-Capital- und Startup-Gemeinschaft zuwendet, im „Earnings Call“ der Bank für das dritte Quartal im Oktober 2020. Zusätzlich zu dem rekordhohen Dry Powder sehen wir, dass viele Unternehmen in Not sind und preisgünstig werden, und so sind die Finanzierungen. Die Deal-Preise und Bewertungen fallen. Das bietet große Chancen für alle, die investieren wollen, einschließlich strategischer Investoren und ihren Corporate Venture Capital (CVC)-Teams.

Über die reinen Investitionen in solide Startups hinaus können Groβunternehmen und Scaleups auch notleidende Vermögenswerte und Unternehmen erwerben, um ihre Kompetenzen zu erweitern. Zusätzliche Vorteile bieten Partnerschaften und Fusionen, um Fähigkeiten zu erweitern und die eigene Marktposition zu stärken. Zeiten der Unsicherheit können Momente der Offenheit sein, die Optionen, die vorher unerreichbar waren, plötzlich realisierbar machen. Natürlich sind sich Investoren der Tatsache bewusst, dass Unternehmen die aufgenommenen Kredite und Investitionen zurückzahlen müssen. Aber: „Verschwende niemals eine gute Krise”, sagte Winston Churchill. Wirkliche Unternehmer werden ihren Weg finden. Durch eine gute Mischung aus Tatkraft und Disziplin.

Ein Unternehmen kann nur dann erfolgreich skalieren, Vermögenswerte integrieren oder gar eine Fusion managen, wenn das Fundament robust ist. Dazu gehört ein finanzielles Monitoring und Reporting, das sich auf die wichtigsten Treiber konzentriert. Die Leistungs- und Produktbereitstellung soll zuverlässig und idealerweise weitgehend digitalisiert sein – eine Anforderung, die in Zeiten von Covid-19 besonders wichtig wurde, da das Reisen weitgehend eingeschränkt ist. Und ein Kundendienst, der in Zeiten, in denen die Menschen unter extremem Druck stehen, schnelle und professionelle Kommunikation und Antworten sicherstellt.

Über die Unterstützung beim Fundraising hinaus sind dies Beispiele für Bereiche, in denen erfahrene Investoren wertvolle Hilfestellung leisten können. Sie können beim Aufbau und der Festigung des Fundaments helfen und gleichzeitig die Unternehmer ermutigen und unterstützen, damit diese das höhere Tempo und die Extrameile gehen können, was in einer so weitreichenden Krise wie Covid-19 unabdingbar ist.

Corporate Investor

PE- und VC-Investoren sind bestrebt, den Wert zu steigern. Ihr Ziel ist es, mit dem bestmöglichen Return on Investment (ROI) auszusteigen. Sie verkaufen an andere Investmentfirmen, aber auch an strategische Investoren. Sie investieren oft gemeinsam mit Unternehmen. Konzerne sind strategische Investoren. Zu den Gründen, warum Groβunternehmen in Startups und Scaleups investieren, gehören die Behebung betrieblicher Probleme, der Erwerb einzigartiger Technologien zum Aufbau von Wettbewerbsvorteilen oder die Schaffung eines zukünftigen Wettbewerbers. Die meisten Investitionen in Startups zielen darauf ab, Innovationen zu unterstützen, um die gegenwärtige Position zu schützen, aber noch wichtiger, um die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Eine solide Investitionsbegründung hilft auch, in einer Krise gute Entscheidungen zu treffen, weil der Investor weiß, warum die Investition überhaupt getätigt wurde und welche Bedeutung sie für die Gegenwart und/oder Zukunft des Unternehmens hat.

Gute Investitionen durchlaufen einen Prozess. Ein systematischer Ansatz kann damit beginnen, dass man sich die aktuellen Schmerzpunkte und Lücken im Unternehmen ansieht, um zu verstehen, wo Innovation nützlich sein kann, zum Beispiel bei einem als zu lang empfundenen Order-to-Cash-Zyklus oder einer hohen Out-of-Stock-Rate. Oder bei einer Lücke im Serviceangebot. Unternehmen haben in der Regel drei Optionen, um derartige Probleme zu lösen: „make”, „buy” oder „partner”. Mit anderen Worten: Unternehmen können entweder interne Ressourcen nutzen, um Lösungen selbst zu entwickeln. Oder sie können fertige Produkte kaufen und externe Dienstleister mit der Entwicklung einer maßgeschneiderten Lösung beauftragen. Die dritte Option ist eine Partnerschaft, und zwar mit denjenigen, die bereits eine passende Lösung entwickelt haben; das kann ein etablierter Player oder ein Startup oder Scaleup sein. Die Partnerschaft kann durch eine vertragliche Vereinbarung oder eine CVC-Investition oder eine Kombination aus beidem zustande kommen.

Prozess und Grundlagen

Partnerschaften schlieβen und Investitionen tätigen erfordert ein gutes Verständnis der zur Wahl stehenden Optionen. Weltweit werden jährlich über 300.000 Startups gegründet. Es kann erwartet werden, dass diese Zahl mit Covid-19 noch deutlich ansteigen wird. Die Identifizierung der besten Optionen erfordert ein umfassendes Mapping des Ökosystems. Das Ergebnis dieses Mapping wird zu einem großen Teil durch die DNA eines Unternehmens vorbestimmt. Warum? Unternehmen mit operativen Genen suchen nach den etablierten Anbietern und wählen denjenigen mit dem besten ausgereiften Fit, um die Lücke mit einer soliden bewährten Lösung zu schließen. Stattdessen sehen Unternehmen mit innovativen Genen in jeder Lücke eine Chance, über sich hinauszuwachsen und auf die Überholspur zu gehen. Während sich Innovatoren auch um die Lösung gegenwärtiger Probleme kümmern, ist ihr primäres Ziel, die Zukunft zu gestalten oder neu zu erfinden.

Deshalb beziehen Innovatoren nicht nur etablierte Anbieter, sondern auch Startups und Scaleups in das Mapping ein. Manchmal auch Erfinder. Dadurch erhalten sie ein ganzheitlicheres Bild von dem, was es auf dem Markt gibt und in welche Richtungen die Entwicklungen gehen. So können sie ihr ideales „Heute” mit dem möglichen „Morgen” abgleichen. Der Vorteil des Innovator-Ansatzes ist, dass sich neue Perspektiven ergeben können. Die unbekannten Unbekannten können bekannt werden. Dies kann zu überraschenden neuen Lösungen führen. Wenn die gefundenen Ideen noch nicht ausgereift oder die Lösungen noch nicht erprobt sind, bleiben die Innovatoren dennoch in Kontakt und beobachten die Entwicklung.

Eine Möglichkeit, in engem Kontakt zu bleiben, ist ein Proof-of-Concept-Projekt (PoC). Dies kann dem Startup helfen, schneller voranzukommen und dem Corporate Investor sich den Partner zu sichern. Im Falle einer einzigartigen Technologie birgt dies die Möglichkeit für den Corporate Investor, der Konkurrenz voraus zu sein oder gar gemeinsam einen neuen Industriestandard zu schaffen. Während das PoC-Projekt voranschreitet, können beide Parteien voneinander lernen, sich kennenlernen und an Partnerschaftsstrategien arbeiten, während das CVC-Team wertvolle Einblicke gewinnen kann, um eine mögliche Investition abzuwägen. Der PoC kann zu einer Geschäftsbeziehung oder einer CVC-Investition führen, aber auch zu einer innovativen strategischen Partnerschaft, um Lösungen und Produkte für das etablierte Unternehmen zu entwickeln. Ein Beispiel ist adidas. Im Jahr 2015 ging die Sportbekleidungsmarke eine Partnerschaft mit Spotify ein, um 'adidas go' zu entwickeln, eine App, die mit dem Smartphone eines Läufers zusammenarbeitet, um seine Lieblingsmusik auf sein Training abzustimmen. Partnerschaften mit Startups und Scaleups eröffnen viele Wege zu Innovation und Wertschöpfung.

Die Beseitigung von Schmerzpunkten und das Schließen von Lücken ist ein guter Grund, in ein Startup oder Scaleup zu investieren. Ein anderer Weg, um Venture-Capital erfolgreich zu investieren, führt über eine Marktthese. Über Annahmen, die beschreiben, wie beispielsweise die Branche in ein paar Jahren aussehen könnte. Oder die möglichen Lösungen und Geschäftsmodelle der Zukunft. Dieses Bild von Zukunftsszenarien hilft zu verstehen, was ein Unternehmen brauchen könnte, um in den kommenden Jahren erfolgreich im Wettbewerb zu stehen. Dieses Verständnis kann dann in konkrete Investitionsziele und Vorhaben umgesetzt werden, in Long- und Short-Lists, in Finalisten und Deals.

Unternehmensinterne Inkubatoren können bei der Ideenfindung und dem Prototyping helfen. Ein weiterer Schritt kann das legendäre Spin-In von Cisco sein. Ein internes Team von Ingenieuren mit einer vielversprechenden Idee wird losgeschickt, um ein neues Projekt zu starten, um eine Lösung zu entwickeln. Dies in Form einer Ausgliederung. Diese wird von der Muttergesellschaft finanziert, manchmal in Partnerschaft mit anderen Investoren. Das ultimative Ziel des Investors ist es, das Startup im Laufe der Zeit schrittweise einzugliedern. Mit dem Erreichen von vordefinierten Meilensteinen steigt schrittweise der Kapitalanteil des initiierenden Unternehmens am Startup, bis die Ausgliederung wieder vollständig eingegliedert ist.

Unabhängig davon, welcher Weg schlussendlich gewählt wird, können Investoren die jungen Unternehmen dabei unterstützen, einen ehrgeizigen, aber erreichbaren Wachstumsplan zu erstellen. Dabei kann es sich um eine Roadmap handeln, die den Fokus und die Maßnahmen ganz konkret auf die kritischen Bereichen wie Produktentwicklung und Kommerzialisierung ausrichtet. Die Planung umfasst auch die Indikatoren und Kennzahlen, die es ermöglichen, den Fortschritt zu erfassen, und um bei Bedarf Korrekturmaßnahmen kurzfristig einleiten zu können. Erfolgreiches Investieren ist das Ergebnis eines Prozesses, der sich vom Mapping über die Auswahl, die Verhandlungen und das Onboarding bis hin zur Skalierung und möglicherweise dem Exit erstreckt. Erfolgreiche Investoren werden sich wenn immer möglich an ihren Prozess und ihre Regeln halten, während sie den jungen Unternehmen Raum und Autonomie geben, damit diese weitgehend uneingeschränkt wachsen können. Aber was sind diese Regeln?

Eine Reihe von Grundregeln

Unabhängig davon, ob der Wunsch besteht, betriebliche Abläufe zu verbessern und Produktlücken zu schließen, oder ob es darum geht, die Geschäftsmodelle oder Gewinner der Zukunft zu schaffen, gibt es einige Grundregeln, die zu beachten sind, um die Chancen zu erhöhen, Venture-Capital erfolgreich zu investieren. Sie helfen dabei, den Investment Case zu validieren und zu untermauern und den Wert nach Abschluss des Investment Deals zu extrahieren. Fünf Lektionen führen zu erfolgreichen Unternehmensinvestitionen.

Die erste Regel ist, dass Groβunternehmen darauf achten müssen, worauf sie sich einlassen und warum. Wenn etablierte Unternehmen geistiges Eigentum (Englisch: intellectual property, IP) und Talente erwerben, ist eine schnelle Integration der richtige Weg; auch wenn es sein kann, dass die Denkweise der Personen nicht in die Umgebung eines großen Unternehmens passt. Wenn dagegen ein Konzern in ein Unternehmen investiert, das auf der Suche nach seinem Produkt/Markt-Fit, seiner Go-to-Market-Strategie und dem skalierbaren Geschäftsmodell ist, und der Investor möchte, dass das Startup wächst, ist die Bewahrung der Startup-Kultur von größter Bedeutung. Eine formale oder faktische Integration würde Wert zerstören. Unternehmungen im Wachstumsmodus brauchen ein Ausmaß an Autonomie, welches Groβunternehmen mit ihren strikten Abläufen kaum bieten können.

Die zweite Grundregel ist, dass es erforderlich ist, einen unabhängigen Venture-Capital (VC)-Arm zu schaffen. Viele Gesellschaften neigen dazu, aus der Bilanz heraus zu investieren. Dies hat zur Folge, dass diese Investitionen den strategischen Prioritäten und dem operativen Geschehen verpflichtet sind. Dieser Ansatz behindert Startups darin, notwendigen Schritte zu unternehmen und Risikien einzugehen. Sie spielen in diesem Fall immer nur die zweite Geige gegenüber dem Mutterschiff. Dynamische Unternehmungen brauchen ausreichend Raum und Bewegungsfreiheit, damit diese ihre Lösungen skalieren und zur Reife bringen können.

Die dritte Lektion ist, dass die besten Investitionen das bestehende Geschäft transformieren oder ein paralleles neues Geschäft entwickeln. Viele Corporate-Venture-Capital-Fonds (CVC-Fonds) wurden gegründet, um von den Innovationstrends, den neuesten Marktentwicklungen und dem, was im breiteren Eco-System vor sich geht, zu „lernen”. Das Lernen über Veränderungen ist sicherlich ein wünschenswertes Ziel, aber es sollte ein Ergebnis der Investition sein und nicht der Grund dafür. Eine solide Begründung basiert auf einem guten Business Case oder einer starken, konkretisierten Vision.

Die vierte Lektion ist, dass es bei Investitionen in Startups und Scaleups um Innovationen in die Zukunft geht. Viele Unternehmen investieren in das, was ist, und nicht in das, was sein könnte. Ein Grund dafür mag der Mangel an Blue-Ocean-Denken sein. Oder die Angst, sich selbst zu stören. Aber wenn wir uns nicht selbst stören, wird es jemand anderes tun. Bosch Ventures investiert weit über Bereiche hinaus, die für Bosch direkt relevant sind, um neue Möglichkeiten zu erkunden.

Die fünfte Regel ist, dass die meisten jungen Unternehmen Begleitung brauchen. Die Bereitstellung von Kapital allein reicht nicht aus. Unternehmer brauchen günstige Bedingungen und Unterstützung, um erfolgreich zu werden. CVCs sollten das Vehikel sein, das die Investoren, aber vor allem die jungen Unternehmen in die gewünschte Zukunft bringt. Die Priorität liegt darin, das Wachstum der Unternehmungen zu unterstützen, auch wenn der Neuzugang anfängt, das eigene Geschäft aufzufressen und das „Mutterschiff” bedroht. In der Tat sollte die Disruption als der ultimative Erfolg einer Investition in neue Projekte, Startups und Scaleups begrüßt werden.

Die zwei Welten managen

Startups werden nach einer anderen Logik geführt als Groβunternehmen. Sie können ein Jahrzehnt lang Kapital absorbieren. Sie machen eine Menge Fehler. Startups sind weit davon entfernt, perfekt zu sein. Aber das ist auch nicht ihr Ziel. Ihr Ziel ist es, den Weg in die Zukunft zu finden. Das Unternehmen der Zukunft kann ganz anders aussehen als das, was der etablierte Investor heute repräsentiert. Die unterschiedlichen Missionen und Unternehmeskulturen erzeugen Spannungen, die zu bewältigen sind. Eine Krise wie Covid-19 ist ein riskanter Moment für Startup-Investitionen, die nicht auf einer soliden Grundlage fußen. Schnell kann diesen ein unverdientes Ende gesetzt werden.

Wir können Startupinvestitionen nicht im Stile der Großunternehmen managen; Unternehmer haben mit Bürokratie, schwerfälligen Planungsprozessen und langsamen Entscheidungsprozessen zu kämpfen, was Startups und Scaleups fremd ist. Junge Unternehmen können oft nicht das bezahlen, was in groβen Gesellschaften als notwendig erachtet wird, wie z.B. die Finanzberichterstattung und umfangreiche Rechtsberatung. Startups sind in der Regel auf externe Finanzierung angewiesen. Diese Mittel werden für die Produktentwicklung, die Kommerzialisierung und das Wachstum benötigt. An dieser Stelle können Corporate Investoren helfen. Sie können die Dienstleistungen bereitstellen, die aus ihrer Sicht noch zusätzlich erforderlich sind, oder eine Ausnahme für die Startups schaffen, da diese sich wirklich erheblich vom Mutterschiff unterscheiden.

Wenn Gesellschaften eine Mehrheitsbeteiligung an einem Startup haben, können sie auch anbieten, von ihren internen oder externen Partner-Acceleratoren zu profitieren. Sie können – für einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten – Mentoring, Branchen- und Marktkenntnisse, Kunden- und Partnerkontakte anbieten, die bei Produktentwicklung, PoCs und Kommerzialisierung helfen können. Unternehmer nehmen solche Unterstützungsangebote gerne an, sofern sie ihre Autonomie behalten.

Einige abschließende Überlegungen

Startups and Scaleups sind wie „Jugendliche”, „Kinder” und „Babys”. Gute Elternschaft ist keine leichte Aufgabe. Das „Groβziehen“ eines Unternehmens ist ebenso eine Herausforderung wie eine Verantwortung. Externe Experten können Corporate Investoren dabei helfen, einen systematischen Investitionsprozess aufzusetzen und die Investitionsvehikel einzurichten. Aber noch wichtiger ist, dass Investitionsexperten die Lücke zwischen den etablierten Unternehmen und den Innovatoren, zwischen den Mutterschiffen und den Schnellbooten überbrücken helfen können. Dies ist wichtig, um den Wissenstransfer und eine für beide Seiten nutzenbringende Beziehung sicherzustellen. Diese Fähigkeit ist nicht nur für die Zusammenarbeit mit eigenen Ventures, sondern für die Kooperation mit Startups, Scaleups und anderen Wegbereitern generell von Bedeutung. Denn mit der Vierten Industriellen Revolution brach auch das Jahrhundert der Kooperation an.

Wenn es um Innovation geht, „haben große Unternehmen so viel von Startups zu lernen”, schreibt Patrice Caine in der Arabian Business. „Ja, sie haben vielleicht Kapazitäten, um massiv in Forschung und Entwicklung (F&E) zu investieren und die besten Ingenieure auf ihrem Gebiet einzustellen. …Aber das reicht nicht aus, und zwar aus einem einfachen, statistischen Grund: Es wird immer mehr Bahnbrecher außerhalb Ihres Unternehmens geben als innerhalb. Und die Vorstellung, dass Startups aufgrund der hohen Einstiegskosten keinen Zugang zur Raumfahrt-, Verteidigungs-, Sicherheits-, Transport- oder Luftfahrtindustrie finden, ist einfach falsch”, so der Chairman und CEO von Thales.

Das Mutterschiff ist wichtig, mit all seinem Wissen und seinen Ressourcen. Aber entscheidend sind die Schnellboote. Sie sind die Zukunft. Im Jahr 1958 betrug die durchschnittliche Lebensdauer der im Standard & Poor’s 500 (S&P 500) gelisteten Unternehmen 61 Jahre. Heute ist diese Zahl auf 18 gesunken. Experten schätzen, dass ein typisches Unternehmen etwa zehn Jahre überlebt, bevor es aufgekauft, fusioniert oder liquidiert wird. Daher sollten das Erreichen operativer Exzellenz und der Aufbau neuer Geschäfte zwei fundamentale Säulen jeder Unternehmensstrategie sein. Die Nutzung der Vorteile und Stärken beider Welten sichert eine lange Unternehmensexistenz. Darüber hinaus werden Unternehmen, die den Wertbeitrag beider Welten zu schätzen wissen, auch relativ leicht durch herausfordernde Zeiten, wie Covid-19, navigieren können, da die Entscheidungen größtenteils die Fortführung und Konsequenz der ursprünglichen Investitionsgründe und des Scaleup-Plans sein sollten. Das Festhalten an der Strategie wird es ihnen auch ermöglichen, die von Covid-19 gebotenen Chancen zu erkennen und zu nutzen.

Foto: Wolfgang Lehmacher

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