Fahrzeugmangel und wenn ja wie viele

Mindestens für das kommende Jahr zeichnen sich Lieferschwierigkeiten für neue und gebrauchte Nutzfahrzeuge sowie Ersatzteile ab. Das kann zu fehlenden Fahrzeugen in den Flotten der KEP Dienste führen. Zur Einschätzung der Risiken sollten sich Unternehmen bezogen auf ihre Flotten mit den Entwicklungen im Autohandel, bei Miet- und Leasingfahrzeugen sowie im Werkstattbereich auseinandersetzen. Frühzeitige Bestellung von Fahrzeugen kann in der Regel vor Lieferengpässen und unerwarteten Kostensteigerungen schützen. Der Verband empfiehlt, ähnlich wie bei der Liquiditätsplanung eine fuhrparkbezogene langfristige Verfügbarkeits- und Kostenplanung über die kommenden 18-24 Monate. Die Nachkalkulation von Aufträgen kann notwendig werden. Regelmäßigerer und engerer Kontakt als normalerweise üblich zum Handel sowie den Miet- oder Leasinganbietern hilft dabei, die Entwicklungen realistisch einzuschätzen. Planung und Ausbau alternativer Zustellkonzepte, neue Kooperationen mit anderen Marktteilnehmern oder Direktkontakte zu neuen Kunden können bei der Bewältigung von Engpässen helfen. Die zu erwartenden Engpässe sind Risiko und Chance gleichzeitig. Gute Vorbereitung ist die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen die Situation besser meistern als unvorbereitete Unternehmen und gestärkt aus ihr hervorgehen.

Fahrzeugmangel und wenn ja wie viele
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Aktuelle Situation und mögliche Auswirkungen

Aktuell sind die KEP-Flotten i.d.R. noch ausreichend bestückt. Deshalb und auch wegen des aufwändigen Jahresendgeschäftes sowie wegen anderer, aktuell drängenderer Engpässe ist das Szenario für viele Marktteilnehmer bisher wenig präsent. Es ist für die meisten auch schlichtweg unvorstellbar. Viele Indikatoren weisen jedoch auf eine solche Entwicklung hin. Wir freuen uns, wenn sie nicht eintritt. Trotzdem sollten sich KEP Dienste mit dieser Situation beschäftigen. Dann sind sie vorbereitet und können besser als nicht vorbereitete Unternehmen agieren.

Ausgehend von einer durchschnittlichen Nutzung der KEP Fahrzeuge über drei Jahre, wird jährlich 1/3 des Fahrzeugbestandes ausgetauscht. Bei schätzungsweise 135.000 in der KEP Branche eingesetzten KEP-Nutzfahrzeuge – PKW und leichte Nutzfahrzeuge – betrifft das im kommenden Jahr rund 45.000 Fahrzeuge. Beim Ersatz dieser Fahrzeuge sowie bei Ausbau von Flotten können Lieferschwierigkeiten auftreten. 

Folgende Auswirkungen sind zu erwarten:

  • Auslaufende oder defekte Nutzfahrzeuge können nicht rechtzeitig ersetzt werden und fehlen dadurch ersatzlos
  • sinkende Planungssicherheit bzgl. verfügbarer Fahrzeuge
  • Aufträge können nicht oder nicht in der nötigen Qualität abgewickelt werden.
  • Kundenverluste
  • Fahrpersonal kann nicht beschäftigt werden
  • Kosten steigen und führen zu sinkenden oder negativen Deckungsbeiträgen
  • Liquidität verschlechtert sich
  • Zusätzliche Verstärkung der Risiken bei Sonderfahrzeugen

Wie stark die Auswirkungen sind, hängt maßgeblich vom Mix, den Vertragsbedingungen und der Strategie bei der Fahrzeugbeschaffung – Miete, Leasing und Kauf – ab. Bei Sonderfahrzeuge bspw. im GDP-Bereich verstärken sich die Risiken tendenziell.

Auch wenn heute einige KEP Unternehmen durch geschickte und rechtzeitige Maßnahmen das Risiko fehlender Nutzfahrzeuge reduziert haben, werden die verfügbaren Fahrzeuge nicht für den gesamten Markt reichen. Ähnlich einer Tischdecke, die für den Tisch zu klein ist. Wenn sie auf eine Seite gezogen wird, fehlt auf der anderen Seite umso mehr.

Verfügbarkeit von Nutzfahrzeugen

Parallel zu den sinkenden Produktionszahlen an Neufahrzeugen steigen schon heute die Lieferzeiten der Fahrzeuge deutlich auf bis zu 10 oder mehr Monate. Das haben Abfragen bei Herstellern und im Autohandel ergeben. Ursprünglich avisierte Lieferzeiten verlängern sich immer wieder nachträglich deutlich.

BdKEP-Mitglieder haben über den Kooperationspartner KEP Wirtschaftsdienst GmbH Zugriff auf eine Übersicht zu im Autohandel verfügbaren Nutzfahrzeugen. Dazu werden bundesweit über 1.000 Autohändlern regelmäßig befragt.

Der BdKEP hat das Thema Lieferzeiten mit Thomas Geldmacher (KEP Wirtschaftsdienst GmbH) diskutiert.

Die Aufzeichnung ist hier zum „Nachhören“ abrufbar.

Die Anzahl an vorrätigen Lagerfahrzeuge ist bei Händlern um 90% und mehr gesunken. Ersatzfahrzeuge sind nicht oder nur sehr begrenzt verfügbar. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt sind ebenfalls nur geringe Mengen zu steigenden Preisen verfügbar.

Offen ist, welche Vertriebsstrategie Autohändler fahren. In der KEP Branche werden Fahrzeuge oft mit hohen Rabatten abgegeben. Händler könnten sich entscheiden, Fahrzeuge an profitablere Kunden als KEP Unternehmen zu verkaufen.

Die Verfügbarkeit von Nutzfahrzeugen ist zusätzlich davon abhängig, in welches Segment die Hersteller knappe Ressourcen lenken. Es zeichnet sich ab, dass zuerst höherwertige Fahrzeuge, als Nutzfahrzeuge es sind, produziert sowie die produzierten Nutzfahrzeuge zuerst an Großkunden mit hohem Nachfragevolumen verkauft werden. Diese Großkunden sind über ihrer starken Finanzkraft in der Lage, einen großen Anteil der verfügbaren Fahrzeuge auch zu höheren Preisen aufzukaufen.

Branchenkenner gehen davon aus, dass Hersteller knappe Ressourcen in die Produktion von Elektrofahrzeugen lenken werden. Diese Entwicklung geht ebenfalls zu Lasten traditioneller Nutzfahrzeuge mit Verbrennungsmotor.

Eine zuverlässige Prognose der Lieferzeiten ist vor dem Hintergrund der vielen Einflussfaktoren nicht möglich. Der BdKEP fragt in Kooperation mit seinem Kooperationspartner KEP Wirtschaftsdienst GmbH regelmäßig die Lieferzeiten bei Händlern oder Herstellern ab und informiert über die Entwicklung. Informationen zu einzelnen Marken und Modellen können beim Verband abgerufen werden.

Kostenentwicklungen

Die Beschaffung neuer Fahrzeuge wird sich deutlich verteuern. Hersteller werden sowohl die teilweise großzügigen Rabatte deutlich zurückfahren als auch Listenpreise erhöhen. Allein von 50% auf 25% zurückgehende Rabatte würden bei gleichbleibendem Listenpreis die Fahrzeuge im Einkauf um 50% verteuern.

Offen ist, welche Vertriebsstrategien Autohändler fahren. Händler könnten sich entscheiden, Fahrzeuge an profitablere Kunden, als die KEP Unternehmen es sind, zu verkaufen.

Der BdKEP hat die Situation im Autohandel mit Mario Astrath (Flottenzentrum Ruhrdeichgruppe ) diskutiert.

Die Aufzeichnung ist hier zum „Nachhören“ abrufbar.

Leasing

Leasingverträge sind in der Regel auf 2-3 Jahre geschlossen. Die Beschaffung und Bestellung der Fahrzeuge erfolgt durch das KEP Unternehmen, dem späteren Leasingnehmer, über den Autohandel. Im Verkaufsprozess übernimmt dann eine Leasingbank die Finanzierung sowie das Eigentum am Fahrzeug. Unterschieden wird dann in Kilometer- oder Restwertleasing.

Auslaufende Leasingverträge

Bei auslaufenden Kilometer-Leasingverträgen konnten die Fahrzeuge bisher i.d.R. bei gleichbleibender Rate so lange verlängert werden, bis neue Anschlussfahrzeuge ausgeliefert wurden. Nun besteht das Risiko, dass der Leasinggeber das Fahrzeug entweder zum Leasingende einzieht und einer anderen Verwertung zuführt oder die Leasingrate bei Verlängerungen deutlich steigt. Erste Steigerungen sind am Markt erkennbar. Es zeichnet sich ab, dass die Steigerungen 100% und mehr betragen können.

Beim Restwertleasing sind Restwerte i.d.R. ein Richtwert und nicht verbindlich vereinbart. Es besteht das Risiko, dass der tatsächliche Übernahmepreis über dem kalkulierten Restwert liegt. Folgen sind steigende Kosten und damit sinkende Deckungsbeiträge und Liquidität bei den KEP Unternehmen.

Leasingkosten bei Fahrzeugbeschaffung

Leasingraten für Neufahrzeuge steigen entsprechend der Preissteigerungen im Fahrzeugeinkauf. Auch hier sind erhebliche Steigerungen absehbar.

Der BdKEP hat die Situation auf dem Leasingmarkt mit Dirk Kohtzer (Athlon Germany GmbH) diskutiert.

Die Aufzeichnung ist hier zum „Nachören“ abrufbar.

Miete

Die Beschaffung von Nutzfahrzeugen durch Fahrzeugvermieter kommt schon heute ins Stocken. Lieferzusagen von Herstellern werden zurückgezogen oder nicht mehr bzw. in sehr geringem Umfang gegeben. Bisher vorhandene starke Integrationen in Bestellsysteme von Herstellern werden zurückgefahren. Vermieter müssen entscheiden, ob sie die eigenen Fahrzeuge länger halten können. Parallel auslaufende Sonderkonditionen für den Fahrzeugeinkauf, höherer Verschleiß und steigendes Reparaturaufkommen bei älter werdenden Fahrzeugen verteuern die Mietraten deutlich und verschlechtern die Verfügbarkeit.

Auch hier hängen Verfügbarkeit und Kostensteigerung von der Strategie des vermietenden Unternehmens ab. Zahlungskräftigere Kunden könnten ggü. der KEP Branche vorrangig bedient werden. Da auch Fahrzeugvermieter bei wegfallenden Einnahmen unter Kostendruck stehen, ist diese Vorgehensweise realistisch.

Günstige und planbare Langzeitmieten werden nicht mehr abgeschlossen. Fahrzeuge werden tages-, wochen- oder monatsweise zum Tagespreis vermietet.

Der BdKEP hat die Situation auf dem Leasingmarkt mit Jens Hilgerloh (Bundesverband der Autovermieter Deutschlands e.V.) erörtert.

Die Aufzeichnung ist hier zum „Nachören“ abrufbar.

Werkstattservice

Fehlende oder verzögert verfügbare Ersatzteile führen zu langen Standzeiten defekter Fahrzeuge. Steigende Reparaturanfälligkeit bei länger als üblich genutzten Fahrzeuge verstärken das Dilemma und beanspruchen zusätzliche Werkstattkapazität. Kostensteigerung für Reparaturleistungen und Ersatzteile belasten das Budget. Werkstattersatzwagen sind nicht oder unzureichend verfügbar. Der einbrechende Neufahrzeugverkauf kann zu Schließungen bei Autohändlern führen. Dadurch gehen die Werkstattkapazitäten in der Branche zurück.

Gegenmaßnahmen / Lösungsansätze

Viele KEP Unternehmen haben eine sehr kurzfristige Fahrzeugplanung und warten bis zur letzten Sekunde oder länger mit der Bestellung. Frühzeitige Bestellungen sind die Grundlage dafür, dass man überhaupt irgendwann Fahrzeuge ausgeliefert bekommt. Es empfiehlt sich eine ähnlich der Liquiditätsplanung eine langfristige Fahrzeug-Verfügbarkeitsplanung aufzusetzen. Daraus leiten sich Zeitpunkte für Fahrzeugbestellungen und andere Maßnahmen ab.

Die Verlängerung von Miet- und Leasingverträgen kann Fahrzeugengpässe vermeiden. Dazu sollte schon heute Kontakt mit den Vertragspartnern aufgenommen werden, um die Verlängerung und Konditionen rechtzeitig bestätigt zu bekommen.

Gleiches gilt bezogen auf den Autohandel. Es empfiehlt sich engen Kontakt zum Autohandel zu pflegen. So hat man eine gute Übersicht über die Lieferfähigkeit und Kostensituation und kann sich u.U. dringend benötigte Fahrzeuge sichern.

Kooperationen eingehen

Aufgrund der traditionell sehr guten Fahrzeugverfügbarkeit konnten Flotten bisher nur teilweise ausgelastet und exklusiv betrieben werden. Um Serviceversprechen erfüllen zu können, kann es sinnvoll sein mit anderen Marktteilnehmern zu kooperieren bzw. zusammenzuarbeiten. Denkbar sind folgende Ansätze:

  • Direkteinspeisung durch Versender in der Region und gebündelte Zustellung
  • Bündelung von Sendungsmengen verschiedener Systeme auf der letzten Meile
  • „Carsharing“ mit anderen Flottenbetreibern

Ausbau alternativer Zustellkonzepte

Neben den Maßnahmen beim Einsatz von Nutzfahrzeugen bieten diese Szenarien auch die Möglichkeit, alternative Zustellkonzepte umzusetzen. Diese sind bereits bekannt und werden seit Jahren diskutiert jedoch nicht oder nur zögernd umgesetzt.

  • Abholung und Zustellung von Sendungen mit Lastenrädern,
  • Einsatz von Fahrzeugmodellen neuer Hersteller
  • Fußzustellung von gebündelten (Paket)Sendungen über Mikrodepots in Stadtteilen
  • Einbeziehung des Einzelhandels in Zustellkonzepte
  • Ausbau der Paketboxinfrastruktur

Fazit

Zusammenfassend sind folgende Aktivitäten zu empfehlen:

  • Fahrzeugverfügbarkeitsplanung für 24 Monate aufsetzen
  • frühzeitige Bestellungen von Neufahrzeuge
  • engen und regelmäßigen Kontakt zu Leasinganbietern und Autovermietern sowie in den Autohandel aufbauen
  • Aufträge bzw. Angebote nachkalkulieren und ggfs. neu verhandeln
  • Kooperationen eingehen
  • Ausbau alternativer Zustellkonzepte
  • Anschaffung wartungsärmerer Elektrofahrzeuge

Die beschriebenen Szenarien wirken auf der einen Seite sehr düster und schwer zu bewältigen. Auf der anderen Seite können Sie dazu führen, dass völlig neue Konzepte besonders auf der ersten und letzten Meile umgesetzt werden. Es liegt an uns, den mittelständischen KEP Unternehmen , neue kreative alternative Wege zu finden. Die letzten zwei Jahre haben gezeigt, dass bisher Unmögliches möglich ist. Das Wissen und die Ressourcen sind vorhanden. Sie beherzt einzusetzen und mutig voranzugehen ist nun die Aufgabe. Wenn wir es nicht machen, machen es andere. Denn auch in der beschriebenen Situation werden Lieferketten weiter funktionieren und hinterher anders aussehen als vorher.

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