Gründerinterview: Die Revolution der Fördertechnik ist hexagonal, modular und basiert auf umgedrehten Fußballrobotern

Das 2017 in Bremen gegründete Start-up Cellumation entwickelt und baut intelligente modulare Technologien für automatisierten Materialfluss auf kleinster Fläche. Das junge Unternehmen ist Gewinner der diesjährigen Premiere des „Start-up-Contests der Länder 2021“.

Gründerinterview: Die Revolution der Fördertechnik ist hexagonal, modular und basiert auf umgedrehten Fußballrobotern
Dr. Hendrik Thamer, Co-Founder und CEO der Cellumation GmbH

Natalia Jakubowska, Trans.INFO: Womit genau beschäftigt sich Ihr Startup?

Dr. Hendrik Thamer, Co-Founder und CEO der Cellumation GmbH: Wir haben das erste modulare und softwaregetriebene Fördersystem für Produktion, Industrie und Logistik entwickelt. Unsere celluveyor Technologie (Kurzform für cellular conveyor – zellenbasierte Fördertechnik) besteht aus einer hexagonalen Zelle mit jeweils drei omnidirektionalen Rädern, die unabhängig voneinander durch eine Software angesteuert werden und Pakete somit zum richtigen Ziel bewegen können. Die Zellen können zu beliebigen Größen und Layouts zusammengefügt werden, dabei bestimmt die intelligente Software die Funktion, sodass mit der gleichen Technologie unterschiedliche Förderfunktionen erfüllt werden können.

Diese Neuentwicklung ist notwendig: Fördertechnik basiert seit über 100 Jahren auf der gleichen Technologie. Pakete bewegen sich auf Kilometern von Rollenförderern und werden unterschiedliche mechanische Komponenten sowie komplexe Wegeführung bewegt, ausgerichtet und sortiert. Ansteigende und dynamische Transportvolumina sowie Kostensteigerungen der Flächen bringen das bisherige System an seine Belastungsgrenze. Der celluveyor löst das Problem, indem er auf kleineren Flächen, automatisiert und objektschonend Produkte, Pakete und Güter bewegen kann. Gleichzeitig macht die intelligente Steuerung möglich, dass bisher unautomatisierbare Förderprozesse automatisierbar werden.

Was ist einzigartig an Ihrer Idee?

Jeder celluveyor basiert auf der gleichen modularen Hardware. So können Fördersysteme im Baukastenprinzip zusammengestellt werden. Die intelligente Software erweckt die Zellen zum Leben und bestimmt die Funktion. Ein intelligentes Visionsystem erkennt die Geschehnisse auf dem celluveyor und reagiert individuell auf die einfahrenden Güter. Hierdurch kann die Integrationszeit verkürzt und Handlungsvielfalt ermöglicht werden. Zudem sind die hexagonalen Zellen in unter 5 Minuten, auch von ungelernten Technikern, austauschbar. Das verkürzt Stillstände.

Unsere Lösung erhöht die Flexibilität im Vergleich zu klassischen Rollenförderern und minimiert den Platzbedarf bei gleichbleibender oder besserer Leistung. Gleichzeitig ergeben sich neue Einsatzmöglichkeiten z.B. auf der letzten Meile: Dort ist intelligente Konsolidierung und Sortierung auf kleinsten Flächen möglich.

Mit dem Boom des E-Commerce wächst der Paketmarkt weltweit jährlich. Die Corona Pandemie wirkt hierbei wie ein Brandbeschleuniger. Die Belastung der Distributionszentren kann durch Automatisierung und die Nutzung intelligenter Software gelöst werden. Der celluveyor eröffnet neue Möglichkeiten in der Intralogistik und revolutioniert Förderprozesse mit starker Leistung, hoher Prozesssicherheit sowie hoher Bewegungsvielfalt.

Wann und wie sind Sie auf Ihre Gründungsidee gekommen?

Unser Ideengeber und Co-Founder Claudio Uriarte hat ein Roboterfußballspiel beobachtet und sich die Frage gestellt: „Was passiert, wenn diese Fußballroboter nicht sich, sondern umgedreht und zu einer Fläche zusammengefügt Objekte bewegen?“. Das war die Geburtsstunde des celluveyor. Die Idee ist also simpel: Wir haben Fußballroboter auf den Kopf gestellt.

Gemeinsam haben wir uns dann auf den Weg gemacht, ein erstes Patent 2012 angemeldet und 2017 wurde cellumation gegründet. Heute arbeiten rund 64 Menschen am Standort Bremen Hand-in-Hand und bringen die celluveyor in die Welt.

Woher kam das Kapital für Ihr Unternehmen?

Nach einer Exist-Gründerförderung für das Gründerteam ist bereits früh ein erster spanischer Investor eingestiegen. Im Mai 2020 haben wir eine umfangreiche Förderung des europäischen Innovationsrates: EIC erhalten und wurden somit als eines der innovativsten StartUps Europas ausgezeichnet. Im Herbst diesen Jahres ist die Arkadien Finanz GmbH als zusätzlicher Kapitalgeber eingestiegen.

Was waren die größten Hindernisse bei der Gründung Ihres Start-ups?

Mit einer technischen Neuentwicklung muss man immer Wege beschreiten, die vorher niemand gegangen ist. Wir haben eine komplett neue Produktgattung geschaffen. Somit haben wir gerade am Anfang sowohl technische Herausforderungen mit einem tollen Team gemeistert, als auch Kunden und Partner gefunden, die uns unterstützen und den celluveyor erfolgreich im Einsatz getestet haben.

Was war der Wendepunkt, als die ersten Kunden auftauchten und Sie zu glauben begonnen haben, dass dies funktionieren würde?

Unsere Community liebt Youtube Videos und immer, wenn wir auf unserem Kanal ein neues Video zu einem neuen Produkt oder einem Blick hinter die Kulissen veröffentlichen, dann hört das Telefon nicht auf zu klingeln. Celluveyor scheinen überall auf der Welt gebraucht zu werden.

Was hätten Sie rückblickend in der Startphase anders gemacht?

Wir haben uns am Anfang über jede Rückmeldung und Anfrage gefreut und somit im Rahmen von Projekten sehr aufwendig maßgeschneiderte celluveyor entwickelt. Heute haben wir Produkte definiert, die in möglichst vielen Branchen Anwendung finden, sodass sich unsere Produktwelt systematisch weiterentwickeln kann.

Welche Tipps würden Sie anderen Startup-Gründern geben, die gerade erst anfangen?

  1. Fokussiert euch und macht euer Ding.
  2. Don’t hire for skills – hire for attitude.
  3. Nutzt euer Netzwerk, um euch Tipps zu holen und besser zu werden.

Was ist die größte unmittelbare Herausforderung für Ihr Unternehmen und wo sehen Sie sich selbst in 5 Jahren?

In fünf Jahren sind wir fünf Jahre näher an unserem Unternehmensziel: Wir wollen, dass in Zukunft jedes weltweit ausgelieferte Paket eine celluveyor Zelle berührt hat.

Dabei ist aktuell die größte Challenge die Liefersituation technischer Bestandteile sowie die Pandemie. Unser Glück sind ein gewiefter Einkauf und eine papierlose, völlig digitale Arbeitsweise miteinander.

Was würden Sie tun, wenn Sie kein Startup-Unternehmen gründen würden?

Ich möchte nichts anderes tun.

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