Alle Instrumente der Lean Logistik, von 5S bis zur Wertstromanalyse (in alphanumerischer Reihenfolge), dienen den beiden Hauptzielen von Lean Logistics: Minimierung der Bestände und Optimierung der Nutzung interner und externer Transportmittel. Ein großer Teil der Unternehmen hat bereits gelernt, die jeweiligen Instrumente an ihre Bedürfnisse anzupassen und ihre Logistikprozesse entsprechend zu optimieren. Es ist jedoch das Coronavirus aufgetaucht, das es zumindest für einige dieser Unternehmen notwendig macht, ihre Prozesse, Methoden und geplanten Ergebnisse zu überprüfen.

Warum ist die gegenwärtige Situation so außergewöhnlich? Zunächst einmal hat die anhaltende Krise keine Region der Welt verschont. Die Pandemie breitet sich auf der ganzen Welt aus, indem sie Geschäftsmöglichkeiten stoppt oder beschränkt. Wichtiger ist jedoch, dass die Krise sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite betrifft. Auf der Angebotsseite ergibt sich daraus natürlich das Risiko der Sicherung der Kontinuität der Versorgung oder sogar des Versorgungsengpasses und erhöhter Transportkosten aufgrund von Beschränkungen in diesem Bereich. Auf der Nachfrageseite gibt es eine enorme Schwankung der Kundennachfrage, die in einigen Sektoren um ein Vielfaches höher ist und in anderen Bereichen auf Null zurückgeht.

In einer Wirtschaft, deren Funktionieren wir als veränderlich, aber normal bezeichnet haben, kennen wir die Lösung jedes dieser individuellen Probleme. Auf Versorgungsprobleme regieren wir mit Diversifizierung. Änderungen der Transportpreise kompensieren wir durch Änderung der Transportart, des Spediteurs, durch Verkürzung der Lieferkette oder wir setzen fertige Lean-Logistik-Tools wie Milk Run, Backhauling usw. ein. Nachfrageschwankungen bewältigen wir mit einer ganzen Reihe von Lean-Management-Techniken, wobei die Planung auf der Grundlage der MTO-Strategie und des Pull-Flows am beliebtesten sein wird.

Macht Lean Logistics angesichts dieser Häufung von Problemen und Bedrohungen Sinn? Ich verstehe die Zweifel, die dabei aufkommen. Wie sollen wir Lagerbestände abbauen, wenn wir unsicher sind, ob es morgen eine Lieferung geben wird? Warum sollen wir die Transportkosten optimieren, anstatt uns zu freuen, dass der Transport überhaupt noch möglich ist? Oder vielleicht können wir den Kunden davon überzeugen, dass er froh sein sollte, dass wir ihm überhaupt noch irgendetwas anbieten können?

Lean Logistik immer noch effektiv

Aber Lean Logistik ist mehr als nur eine Reihe von Instrumenten. Wenn wir die Lean Logistik als eine Toolbox behandeln, aus der wir 1 oder 2 auswählen, die wir ohne einen umfassenden Ansatz nutzen wollen, dann wird diese Herangehensweise angesichts der gegenwärtigen Krise zum Scheitern verurteilt. Sollte sich ein Produzent von Tiefkühlfrüchten für die Make-to Order-Produktion entscheiden? Ich hoffe, dass niemand jemals versuchen wird, ihn davon zu überzeugen. Er muss Obst während der Saison kaufen, es verarbeiten, lagern und in sechs Monaten verkaufen. Kann es sich ein Kfz-Montagewerk leisten, auf JIS zu verzichten? Theoretisch wahrscheinlich ja, aber wird es profitabel sein?

Jedoch wenn wir Lean als eine ganzheitliche Vorgehensweise, als eine Philosophie behandeln, dann wird es nicht nur immer noch wirksam sein, sondern in einem so schwierigen Umfeld sogar die einzig richtige Lösung darstellen. Achten wir auf die Grundlagen von Lean Management (einschließlich der Lean Logistik): durchdachte, erprobte und in der Praxis bewährte Optimierung, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten, gegenseitige Hilfe bei der Lösung von Problemen.

Das CPRF-Konzept (Collaborative Planning, Forecasting and Replenishment), das in der gesamten Lieferkette angewendet wird und die Lieferkette durch den vollständigen und ungestörten Informationsfluss vom Endkunden bis zum ersten Glied entlastet, passt hier perfekt. Dies ist ein Ansatz, der unter normalen Betriebsbedingungen sehr gut funktioniert und es ermöglicht, einen Unterschied in theoretisch bereits optimierten Prozessen zu erzeugen. Zugleich ist es die einzige Methode, die es uns angesichts der gegenwärtigen Krise erlaubt, weiterhin zu managen, anstatt uns auf das Schicksal zu verlassen. Vollständige Zusammenarbeit, Transparenz der Aktivitäten, dynamische Kommunikation und Austausch aller Informationen, die für eine ordnungsgemäße Planung der Aktivitäten in der gesamten Lieferkette erforderlich sind, sind das Wesen von Lean Logistics.

Suche nach Win-Win-Lösungen

In der gegenwärtigen Situation, in der sich die Kundennachfrage sehr dynamisch ändert und die Lieferanten nicht produzieren können oder nur über begrenzte Kapazitäten verfügen, ermöglicht uns nur ein solcher Informationsfluss, der die Kundennachfrage, die Lagerbestände auf jeder Stufe der Lieferkette und die aktuelle Produktionskapazität der einzelnen Werke abdeckt, sowohl den Produktionsprozess als auch alle logistischen Abläufe auf dem besten Niveau zu optimieren, das wir derzeit bieten können. Auch wenn es nicht perfekt ist. Besondere Aufmerksamkeit verdient natürlich das VMI-Tool (Vendor Managed Inventory, d.h. Lieferantengesteuerter Bestand), das es natürlich wert ist, überall wo möglich eingeführt zu werden (was aber aufgrund seines eher formalisierten Charakters und der rechtlichen Schwierigkeiten nicht immer möglich ist oder nicht gerne gesehen wird).

Unsere eigenen Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit Lieferanten, unabhängig von Zeit und Ort, zeigen, dass die einzig richtige Strategie darin besteht, eine „Win-Win”-Lösung zu finden. Die Nutzung eines momentanen Vorteils mag verlockend und kurzfristig gewinnbringend sein, aber angesichts anderer Probleme kann sie eine zu große Belastung darstellen, um ein positives Ergebnis zu erzielen. Deshalb, selbst in der gegenwärtigen Situation, die für viele Parteien sehr schwierig ist, war der Grund für die Einstellung der Produktion in meinem Unternehmen nicht das Problem mit den Lieferanten, sondern eine bewusste Entscheidung aufgrund eines Auftragsrückgangs. Dies wiederum löste eine sofortige Nachricht an die Lieferanten aus, alle möglichen Lieferungen zu stoppen und damit das „Einfrieren” von Kapital, die Erweiterung des Lagerraums usw. anzuhalten.

Ja, im Kontext zunehmender Globalisierung müssen Lieferketten funktionieren, sie müssen optimiert, aber rational, komplex, aber flexibel, straff und gleichzeitig robust sein.

Foto: Pixabay/geralt/iXimus

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