Obwohl LKW-Fahrer in letzter Zeit von allen Seiten als „Helden“ des Alltags bejubelt werden, ihr Beruf als systemrelevant gilt und ohne sie alles zusammenbrechen würde, ist die Realität in Zeiten der Corona-Krise für sie noch härter geworden als zuvor.

Der Chefredakteur des Magazins „Fernfahrer“ Markus Bauer hat jüngst einen offenen Brief an die Autohofbetreiber verfasst, in dem er die Zustände an Raststätten kritisiert:

Während die Raststätten von Tank & Rast den Fahrern weiter, wenn auch teils etwas eingeschränkt, eben diese Grundversorgung noch bieten (müssen), erreichen uns zunehmend Anrufe und Zuschriften von Fahrern, die genau das auf vielen Autohöfen nicht mehr auffinden. Auch einige Verlader verweigern den Fahrern den Zutritt zu sanitären Anlagen, dafür stehen verdreckte Dixi-Klos auf dem Hof. Dabei geht es nicht um ein eingeschränktes Angebot und etwas weniger Luxus. Es geht wirklich um absolute Grundlagen. Dass Fahrer ihre Speisen nicht mehr im Restaurant verzehren dürfen, sondern gegebenenfalls in ihre Kabine ausweichen müssen, mag noch erträglich und verständlich sein. Es darf aber nicht sein, dass ihnen der Gang auf die Toilette oder zur Dusche verwehrt wird. Ein Fahrer berichtet gar, dass man nicht einmal seinen Wasserkanister auffüllen wollte.Dazu kommt, dass an Autohöfen trotz der teils extrem eingeschränkten Leistungen noch die volle Parkgebühr verlangt wird.Kein Zugang zu Hygieneeinrichtungen, volle Parkgebühren, eingeschränkte Versorgung mit Speisen und das ausgerechnet für Fahrer? Das kann nicht sein! so Bauer.

 Nicht besser soll die Situation bei den belieferten Firmen sein, in denen den Kraftfahrern oft der Zugang  zu Firmentoiletten verweigert wird. 

Manchmal steht nur ein dreckiges Mobilklo da. Wir dürfen nicht mehr auf die Firmentoiletten, sagt ein LKW-Fahrer dem Stern gegenüber.

Der Grund dafür soll die Furcht vor der Einschleppung des Virus sein.

Auf das Problems des manglenden Zugangs zu Sanitäranlagen machen mittlerweile auch die Branchenverbände aufmerksam:

LKW-Fahrern muss erst recht in Krisenzeiten möglich sein, auf Autobahnraststätten zu essen, zu duschen und auf Toilette gehen zu können. Warme Speisen und Körperhygiene müssen auch außerhalb der von den Ländern wegen des Coronavirus verfügten Schließzeiten für Restaurants sichergestellt werden. Wenn ich höre, dass Fahrern der Zugang zu Toiletten und Waschräumen verwehrt wird, geht mir die Hutschnur hoch. Kurzfristige Hilfen garantieren nicht nur unsere Versorgungssicherheit, sondern sind für die Branche überlebenswichtig, fordert GVN-Präsident Mathias Krage.

Genauso sieht es der Hauptgeschäftsführer des Verbands und fordert daher mehr Handlungsbedarf seitens der Politik:

Dass es in der aktuellen Corona-Krise volle Regale in den Geschäften gibt, ist maßgeblich ein Verdienst der Mitarbeiter der Transportunternehmen. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, diejenigen bestmöglich zu unterstützen, die durch ihren Einsatz die Aufrechterhaltung der Lieferketten und die logistische Grundversorgung der Bevölkerung gewährleisten. Es gibt Länder, die sich mit vergünstigtem Essen an Raststätten und sauberen Sanitäranlagen für die LKW-Fahrer einsetzen, damit sie ihre wichtige Arbeit auch in der Corona-Krise erfüllen können. Das sollte für alle Länder ein Vorbild sein, so Benjamin Sokolovic.

Die zahlreichen Fällen, in denen LKW-Fahrer von Verladern und Empfängern nicht mehr auf die Toilette gelassen werden, bezeichnet der Verband Verkehrswirtschaft und Logistik NRW als Unding.

Bei allem Verständnis für die Sorge um das eigene Personal ist es aus unserer Sicht schon immer ein absolutes Unding, einem Menschen die Grundbedürfnisse zu verweigern. Gerade jetzt ist so etwas jedoch eine brisante Fehlentscheidung, die die Gesundheit aller gefährdet, schließlich geht es nicht nur um die Notdurft. Die LKW-Fahrer müssen sich die Hände waschen können – in Zeiten von Corona muss man doch wirklich nicht mehr erklären, wie wichtig Handhygiene ist, mahnt Horst Kottmeyer, Vorsitzender des Verbandes Verkehrswirtschaft und Logistik NRW.

Was den Logistik-Verband besonders aufregt: Gerade jetzt, wo es um volle Regale in den Geschäften trotz erhöhter Nachfrage geht, ist der Druck für die Beschäftigten in der Logistik immens, die Fahrer stehen dabei mit an vorderster Front. Statt sie gebührend für ihren Einsatz zu feiern, werden sie an einigen Stellen schlecht behandelt.

Lasst die Fahrer nicht im Stich, fordert Kottmeyer.

 

 Auch der LBS – Landesverband Bayerischer Spediteure e.V appelliert an Empfänger und Versender von Waren, den Fahrerinnen und Fahrern, die ohnehin schon unter Hochdruck arbeiten, die Arbeitsbedingungen nicht noch schwerer zu machen und einen Zugang zu Toiletten und Waschräumen zu ermöglichen.

Während vielerorts den Fahrerinnen und Fahrern – wie unter normalen Umständen auch – eine Gelegenheit zum Besuch von Toiletten oder Waschräumen gewährt wird, häufen sich Berichte darüber, dass ihnen der Zugang verwehrt wird, berichtet Sabine Lehmann, Geschäftsführerin des LBS.

Immer öfter kommen auch Situationen, in denen bestellte Waren in Unternehmen nicht angenommen werden oder die Beladung verweigert wird, weil die Fahrer nicht in Schutzkleidung gehüllt seien.

Ein solches Verhalten können unsere Mitgliedsunternehmen und die betroffenen Fahrer in Zeiten, in denen es um die Aufrechterhaltung der Lieferketten geht, nicht verstehen. Es ist durch und durch kontraproduktiv, wenn wegen solch künstlicher Barrieren wichtige Sendungen nicht zum Empfänger gelangen, so die LBS-Geschäftsführerin, sagt Lehmann.

Ihrer Meinung würde mehr Sinn machen, wenn sich Dienstleister und Empfänger vorher über ein Verfahren verständigen, bei dem z.B. der Fahrer gleich in seiner Kabine bleiben kann.

Es sei verständlich, dass die angefahrenen Unternehmen besondere Sicherheits-Standards setzen, so Lehmann, aber es passe nicht zusammen, auf der einen Seite die Dringlichkeit funktionierender Lieferketten zu betonen und auf der anderer Seite jenen, die sie sicherstellen, ein Minimum an Entgegenkommen bei menschlichen Grundbedürfnissen zu gewähren – vielmehr noch: Sie wie vermeintliche Risiko-Träger zu behandeln. Die öffentlichkeitswirksam gefeierten ,Helden der Straße‘ fühlen sich in solchen Momenten im wahrsten Sinne des Wortes als ,schmutzig‘ und nicht willkommen, sagt sie abschließend.

Foto:iStock

 

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