Schätzungsweise fahren 25 Prozent aller Lastwagen, die in Europa Frachten befördern, leer. 50 Prozent transportieren nur Teilladungen. Wirtschaftliche Verluste und unnötige CO2-Emissionen sind die Folgen. Im Jahr 2016 beliefen sich die Kosten für die ungenutzte Kapazität in Westeuropa auf 100 Milliarden Euro. Dies ist ein bedeutender Betrag, besonders wenn man bedenkt, dass sich der Branchenumsatz auf 300 Milliarden Euro belief und die Margen vor Zinsen und Steuern laut BCG die historischen Tiefststände von zwei bis drei Prozent erreichten. Obwohl US-Transportunternehmen rentabler sind, stehen sie vor ähnlichen Herausforderungen. Plattformen – die Marktplätze des 21. Jahrhunderts – können helfen. Sie passen das Angebot an die Nachfrage an, bündeln, steigern die Kaufkraft und bieten verschiedene Services an.

Auf Plattformen werden Daten entsprechend strukturiert, was die Voraussetzung für holistische Digitalisierung und Integration entlang der gesamten Lieferkette ist. Unternehmen können dank den auf Plattformen vorhandenen Angaben ihre Geschäftsanalysen und Planungsprozesse verbessern. Alle diese Vorteile versprechen, dass die Digitalisierung bedeutende Wertpotenziale entlang der Lieferketten freisetzen kann. McKinsey schätzt, dass Lieferketten durchschnittlich einen Digitalisierungsgrad von 43 Prozent aufweisen, was das niedrigste Niveau von fünf Geschäftsbereichen, die von dem globalen Beratungsunternehmen analysiert wurden, bedeutet.

Full-Stack-Lösung

Plattformen vereinen verschiedene Softwarearten innerhalb eines benutzerfreundlichen Portals. Die Vorteile von Plattformen gehen jedoch weit über Software-Lösungen hinaus. Sie können helfen: 1. Daten zu strukturieren, 2. Datentransparenz zu erhöhen, 3. Datensätze zu verbessern, 4. Daten zu verdeutlichen und interpretieren sowie 5. Kommunikation und Zusammenarbeit entlang der Lieferkette zu standardisieren und zu optimieren. Mithilfe von Plattformen durch den Anschluss an vorhandene Marktplätze und durch den Gebrauch von allen ihren Tools und Services können Firmen digitalisiert werden. So eine Plattform umfasst Dokumentenmanagement, Routenoptimierung, Tracking und Lösungen zur Sicherung der Transparenz.

 

Die Chancen der Logistik

Risikokapitalgeber sehen potenzielle Chancen. Die Investitionen in Lieferketten und Logistiktechnologien stiegen laut Pitchbook von 3,3 Mrd. USD im Jahr 2017 auf 7,8 Mrd. USD im Jahr 2018. Ein erheblicher Teil der Finanzmittel fließt in den Straßengüterverkehr. Der Transportmarkt bewegt sich allmählich in Richtung der Digitalisierung und testet moderne Technologien. Der von Transport Intelligence (Ti) veröffentlichte Global Freight Forwarding-Bericht 2019 ergab, dass 49 Prozent der befragten Verlader bereits eine digitale Frachtplattform verwendet haben. Der Bericht prognostiziert, dass 18,7 Prozent des Volumens bis 2023 online gebucht werden.

Erfolge anderer Unternehmen replizieren

Uber Freight, Amazon und viele andere Frachtplattformen zielen darauf ab, das zu replizieren, was z. B. in der Taxi- oder Einzelhandelsbranche erfolgreich funktioniert hat. Plattformen sind Aggregatoren, die auf stark fragmentierten Märkten am besten funktionieren. In Westeuropa besteht der Transportmarkt laut BCG aus 300.000 Frachtführern. Darunter gibt es Unternehmen, die Milliarden Euro wert sind bis hin zu kleinen inhabergeführten Firmen. Die Rolle und das Ziel von Online-Marktplätzen besteht darin, alles unter einen Hut zu bringen, Ineffizienzen zu reduzieren und gleichzeitig die Kapazitätsauslastung zu erhöhen.

Entlang der Lieferkette

In der maritimen Industrie hat Singapur Calista eine offene Logistikplattform implementiert, die andere Häfen und Logistikunternehmen zum Beitritt einlädt und über den bestimmten Hafen hinausgeht, um den Wert des vollständigen Logistikprozesses und -systems zu erfassen. APM Terminals startete eine Online-Plattform, die solche Services wie Termin- und Slotbuchung sowie die Verarbeitung von Zahlungen und Rechnungen anbietet. Diese Plattform ging im Hafen von Khalifa Bin Salman (KBSP) in Bahrain an den Start. Der Rotterdamer Hafen bietet PRONTO, eine App, mit der Reedereien, Terminalbetreiber und andere Dienstleister ihre Aktivitäten während eines Hafenaufenthalts dank dem standardisierten Datenaustausch ausführen können. Beispielsweise ist PRONTO mit dem Hamburger Schiffskoordinierungszentrum (HVCC) vernetzt, um Informationen über Hafenanläufe auszutauschen. Antwerpen investierte in NxtPort, eine Datenplattform, die eine Reihe von Hafendiensten anbietet, beispielsweise in Bezug auf Daten über Containergewicht und Zollinformationen.

Im Straßengüterverkehr

Beim Straßengüterverkehr gibt es Plattformen für die mittlere Meile, d. H. für Komplettladungen (FTL) und Teilladungen(LTL) sowie für den Transport der ersten und letzten Meile. Marktplätze unterstützen nicht nur Verlader und Frachtführer, sondern auch Spediteure und helfen ihnen, freien Kapazitäten in Lagern sowie verfügbare Lastwagen, Flugzeuge, Züge, und Schiffe oder umgekehrt Frachten für ihre leeren Kapazitäten zu finden. Auch die traditionell etablierten Unternehmen in der Logistik- und Transportbranche starten oder investieren in Plattformen. Im Jahr 2017 gründete J.B. Hunt einen Marktplatz, auf dem Daten verwendet werden, um Frachten des Versenders mit den Transportkapazitäten abzugleichen, sowie eine auf Frachtführer ausgerichtete Plattform, mit der kleine Flotten und Eigentümer-Betreiber Geld sparen und mehr Zeit zum Fahren finden können.

Auf dem Weg zur digitalen Spedition

Im Speditionsbereich hat Kühne + Nagel MyKN implementiert, eine zentrale Anlaufstelle für Kunden, um Frachten online zu planen und abwickeln zu können. Registrierte Kunden können Versandoptionen unter anderem über die erweiterte digitale Plattform Sea Explorer erkunden und sich einen Überblick über die Frachten verschaffen, einschließlich Finanzdaten und vertraulicher Dokumente. Agility wird von Shipa Freight angeboten, einem integrierten Frachtservice, dank dem Angebote eingeholt und Kapazitäten gebucht sowie See- und Lufttransporte bezahlt und verfolgt werden können.

Neuen Konkurrenten

Zu den Konkurrenten der etablierten Unternehmen gehört Flexport. Diese digitale Spedition verbindet innerhalb ihrer Online-Plattform Importeure, Exporteure, Frachtführer, Reedereien, Fluggesellschaften, Zollbehörden und Hafenterminals. Kunden können auf aktuelle Aktualisierungen und Warnungen zugreifen und so entsprechende Anpassungen in Echtzeit entlang der Wertschöpfungskette vornehmen, um die Erwartungen von Logistik, Handel und Kunden jederzeit zu erfüllen. Mit Tradeshift, einer offenen Plattform für die Zusammenarbeit vernetzt mit Apps von Drittanbietern, können Unternehmen direkte und indirekte Ausgaben verwalten. Plattformen helfen Unternehmen viele wichtige Geschäftsprozesse – von Beschaffung, Inventar, Cashflow und Kundenbeziehungen bis hin zu Compliance und Steuerplanung – besser und effektiver zu kontrollieren.

Ist das eine Bedrohung?

Zu Recht können Spediteure Plattformen als Bedrohung betrachten. Andererseits verstehen sich einige Plattformen wie z. B. Zuum und Quicargo eher als Partner, die digitale Tools anbieten, um das Leben von Vermittlern und Disponenten zu vereinfachen. Spediteure können dabei profitieren, eigene Kapazitäten wirksam einsetzen oder den Zugang zu Ressourcen und Infrastruktur innerhalb und außerhalb ihres eigenen Versorgungsbereichs nutzen, um Lücken zu schließen oder ihre Reichweite zu erhöhen. Unternehmen können ihre eigenen Plattformen aufbauen oder andere Systeme mithilfe ihrer Transportmanagementsysteme (TMS) einsetzen. Leichter gesagt als getan. Eine Plattform zum Leben zu bringen, ist ein komplexes Projekt und erfordert technologische Teams sowie Branchenkenntnisse. Die Unternehmen Zuum und Quicargo haben entsprechende Algorithmen entwickelt, um die Effizienz und Kapazitätsauslastung für Teilladungsverkehre zu verbessern.

Ein Blick in die Zukunft

Keine der heutigen digitalen Plattformen deckt alle Knoten im gesamten Nachfrage- und Angebotsnetz ab. Wenn Spediteure aufgefordert werden, Plattformen zu abonnieren, müssen sie sich bei mehreren Anbietern anmelden, oft hohe Abonnementgebühren zahlen und dennoch hohe Kosten dafür tragen, alles zusammen mit ihren internen Planungs-, Design-, Handelsmanagement- und Abrechnungssystemen zu vernetzen. Eine zutreffende Bemerkung, von Kris Kosmala, einem Branchenexperten.

Die Gewinner werden diejenigen sein, die in der Lage sind eine vollständige Integration durchzuführen. Dabei sollen Anwenderanpassung und Legacy-Integration berücksichtigt werden. Analog zu bleiben ist keine Option. Ohne Prozesse zu digitalisieren und digitale Marktplätze zu nutzen, kann es für Verlader, Spediteure und Frachtführer sehr schwer sein, wettbewerbsfähig zu bleiben. Die heutigen Lieferketten sind offene Netzwerke, in denen Daten in alle Richtungen hin und her fließen. Das Experimentieren und die Zusammenarbeit mit digitalen Frachtplattformen ist möglicherweise nicht nur die Mühe wert, sondern auch eine Voraussetzung dafür, um im voll entfalteten digitalen Zeitalter erfolgreich zu sein.

Foto: Wolfgang Lehmacher

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