Das Münchener Start-up Smartlane setzt sich das Ziel Transportprozesse mithilfe von KI zu digitalisieren und effizienter zu machen: Kosten um 30%, Planungszeit um 90%, CO2-Emissionen und Feinstaub um 21% zu reduzieren. In unserem Interview erklärt Dr. Mathias Baur, Mitgründer und Geschäftsführer, warum es für Kunden die wohl größte Herausforderung ist ihre gewohnten Prozesse umzustellen und warum Smartlane in Zukunft eine noch größere Rolle bei der Automatisierung der gesamten Transportlogistik spielen wird.

Natalia Jakubowska, Trans.INFO: Womit genau beschäftigt sich ihr Unternehmen?

Dr. Mathias Baur, Mitgründer und Geschäftsführer von Smartlane:

Wir sind ein Software-as-a-Service-Anbieter für die Logistikbranche.  Unsere „Smartlane Transport Intelligence“ ist eine neuartige, selbstlernende und cloudbasierte Technologie zur vollständigen Automatisierung der Planung von Straßentransporten mit dem Fokus auf Stückgut- und Teilladungsverkehr. In einfachen Worten, unterstützt unsere Smartlane Transport Intelligence vor allem Speditionen und Stückgutlogistiker beim Management und der Planung ihrer Logistikprozesse sowie bei der Auslieferung von Gütern auf der letzten Meile. Das bedeutet, mehrere Stückgüter (das können u.a. Paletten, Packstücke, Fässer oder Gitterboxen sein) müssen an mehrere Empfänger ausgeliefert werden. Wir digitalisieren, automatisieren und optimieren diesen gesamten Planungsprozess. 

Sie erwähnten den Fokus auf Teilladungen und den Stückgutverkehr – Warum ist die Optimierung des Straßentransports gerade in dem Bereich so ein wichtiges Thema?

In der Stückgutlogistik werden Sendungen zwischen wenigen Kilogramm und mehreren      Tonnen abgewickelt. Da Stückgut-Sendungen, in der Regel, die Nutzlast eines Transportmittels nicht vollständig ausschöpfen, werden sie zusammen mit anderen Stückgut-Sendungen oder Teilladungen transportiert, dies erfordert sehr viel Planungsaufwand. 

Die wesentliche Aufgabe eines Disponenten besteht darin, dieses breite Portfolio an Sendungen zu managen und die Verteilung der Güter sowie die Auslastung der Fahrzeuge und das notwendige Personal zu koordinieren – natürlich immer mit dem Zeit- und Kostendruck im Nacken. Diese Planungsprozesse laufen bei der Mehrzahl der Logistikunternehmen aktuell noch vollständig manuell ab, was wie bereits erwähnt einen enormen Dispositionsaufwand mit sich bringt. Der Disponent muss sich die Daten aus vielen heterogenen Systemen ziehen (Lagerverwaltungssystem, Transportmanagementsystem, ERP-System usw.), um den Transport der Güter planen zu können. Dabei muss er unzählige Parameter beachten, wie die Verfügbarkeiten der Waren, des Personals, der Fahrzeuge, besondere Kundenwünsche und vieles mehr. Viele Parameter hängen inhaltlich voneinander ab und bedingen sich gegenseitig. Erschwerend kommen sprunghafte Schwankungen von Transportmengen von Tag zu Tag und beständige Kostensteigerungen (Maut, Treibstoff usw.) hinzu. All diese Parameter muss der Disponent manuell verarbeiten und bei der Erstellung der Tourenpläne berücksichtigen. Der Mensch ist einfach nicht dafür gemacht, hunderte Faktoren gleichzeitig zu betrachten. Unsere eigens entwickelte Transportoptimierungs-Software kann über 200 Parameter berücksichtigen und erspart dem Disponenten enorm viel manuelle Arbeit, das betrifft sowohl Standardprozesse als auch Spezialfälle. 

Was ist einzigartig an Ihrer Idee?

Die wohl größte Herausforderung für unsere Kunden, ist es ihre gewohnten Prozesse umzustellen. Dafür ist im laufenden Betrieb oft viel zu wenig Zeit. Das Einzigartige an unserem Produkt ist die Flexibilität – wir holen den Kunden da ab wo er aktuell steht, und binden unsere Software an bereits bestehende Systeme an. Dafür haben wir nicht nur technische Schnittstellen geschaffen, sondern auch einen Stufenplan entwickelt, welcher für jeden Kunden abhängig vom Status Quo und dem Ziel eine schrittweise, begleitete Einführung von Smartlane Transport Intelligence in den operativen Betrieb ermöglicht. Insbesondere, was die automatisierte Abbildung der Besonderheiten in der Stückgutdisposition angeht, sehen unsere Kunden den herausragenden Mehrwert, den nur Smartlane am Markt bietet.

Was uns zudem von anderen Lösungen unterscheidet ist die KI-basierte Technologie, die in unserer Software steckt. Unsere Software, die über 200 Parameter in der Optimierung berücksichtigt – von ERP- und Fahrzeugdaten bis hin zu spezifischem Wissen der Mitarbeiter – wird dank selbstlernender Prozesse im Einsatz kontinuierlich besser.

Unsere Smartlane Transport Intelligence hebt nicht nur das Optimierungspotential, sondern gibt Logistikern auch Einsicht in die Prozesse und zeichnet sich durch eine einfache Implementierung und intuitive Bedienung aus.  Außerdem deckt Smartlane den gesamten Transportprozess ab – von der Disposition (Planung) über das Management bis hin zur Überwachung/ Steuerung. Wettbewerber decken nur Teilprozesse ab und optimieren mit Heuristiken.

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Warum sollte jemand daran interessiert sein, mit Ihnen zu kooperieren oder in Sie zu investieren?

Smartlane basiert auf modernster wissenschaftlicher Expertise und führenden Investoren. Unsere Smartlane Transport Intelligence hilft schon jetzt Logistikanbietern wie Metro, Cargoline und anderen, für die Zukunft gerüstet zu sein. Gerade die aktuelle Corona-Krise hat klar gezeigt, wie wichtig digitale Lösungen sind.

Unsere Smartlane Transport Intelligence optimiert Kosten um 30%, Planungszeit um 90%, CO2-Emissionen und Feinstaub um 21%. Die Servicequalität kann in vielen Fällen um bis zu 100% gesteigert werden, da Zeitfenster besser eingehalten werden und die Kunden vollautomatische Updates zum Lieferstatus erhalten. Kein anderer Anbieter analysiert hunderte von Parametern, um Kosten, Zeit oder CO2-Reduktion zu optimieren. Das Produkt setzt einen neuen Standard in der Logistikbranche und ermöglicht es unseren KMUs, mit Giganten wie Amazon und Uber Freight mitzuhalten.

Wann und wie sind Sie auf Ihre Gründungsidee gekommen?

Die Idee zu Smartlane entstand aus unserer universitären Forschung an der Technischen Universität München – an der Schnittstelle zwischen Verkehrstechnik und Informatik. Wir konnten in der Mobilitätsforschung, und durch unsere mehrjährige Präsenz am Markt, hautnah verfolgen wie sehr der Bedarf nach völlig neuen technologischen Ansätzen im Bereich Verkehr und Logistik gestiegen ist.

Auf Basis der gesammelten Erkenntnisse und unserer Expertise im Bereich Datenanalyse und Geodatenverarbeitung hat sich die einzigartige Chance geboten, unsere fachliche und technologische Expertise in ein Produkt umzusetzen, das das Potenzial hat, die Branche auf ein neues Level zu bringen. Somit fließen in Smartlane’s Software die Erkenntnisse jahrelanger Forschung am TUM Lehrstuhl für Verkehrstechnik mit ein.  Gegründet haben wir Smartlane im Jahre 2015. 

Mit inzwischen insgesamt mehr als 25 Jahren Erfahrung in der Spitzenforschung im Bereich Verkehr und Datenanalysen haben wir es uns zum Ziel gemacht, die wachsenden Anforderungen in den Bereichen Logistik und Mobilität der Zukunft mit einer einfachen und intelligenten Lösung zu adressieren. 

Woher kam das Kapital für Ihr Unternehmen?

Wir haben vier Unterstützer aus unterschiedlichen Bereichen, die in bestimmten Unternehmensphasen dazu gestoßen sind und uns weiterhin begleiten. Knapp über ein Jahr nach der Gründung kam auch der erste zahlende Kunde dazu und der Kundenstamm wächst seitdem erfreulicherweise kontinuierlich. Seit August 2019 ist auch Frank Thelen mit Freigeist Capital als Investor mit an Bord. Uns war es bei der Kapitalsuche immer sehr wichtig, dass unsere Investoren auch persönlich gut zu uns passen. 

Was waren die größten Hindernisse bei der Gründung Ihres Unternehmens?

Durch unsere jahrelange Forschung an der TUM, wussten wir, dass wir sehr gut fachlich aufgestellt sind und das nötige Handwerk beherrschen, um unser Produkt perfekt auf den Markt auszurichten und weiterzuentwickeln. Unser Produkt hat stets höchste Priorität, daher besteht unser Team heute noch zu 60% aus Software-Entwicklern. Aber ein Unternehmen mit allen erforderlichen Strukturen aufzubauen, war auch für uns anfangs eine ganz andere Hausnummer. Daher würde ich sagen, die größte Herausforderung war es bestehende Prozesse skalierbar aufzusetzen. Wir mussten unternehmerische Strukturen und Workflows schaffen, sodass wir auch mit stets wachsender Manpower auch weiterhin gut funktionieren. 

Was war der Wendepunkt, als die ersten Kunden auftauchten und Sie zu glauben begonnen haben, dass dies funktionieren würde?

Von Beginn an haben wir an unsere Idee geglaubt, da Sie auf Basis langjähriger Forschung entstanden ist. Wir waren und sind der festen Überzeugung, dass wir einen wichtigen Teil zur Optimierung der Straßentransporte beitragen können. Es gab keinen speziellen Wendepunkt, sondern viele einzelne Schlüsselereignisse. Mit jedem neuen Kunden lernen wir was dazu und optimieren und entwickeln uns und unser Produkt weiter.

Was hätten Sie rückblickend in der Startphase anders gemacht?

Alle gemachten Erfahrungen waren notwendig, um da zu sein, wo wir heute sind. Eine besondere Herausforderung, die sich natürlich immer wieder stellt, ist es, in der Euphorie kurzfristiger Potentiale und damit verbundenem Engagement nicht den Fokus auf die Weiterentwicklung in Richtung einer großen Vision zu verlieren. Denn diese Vision ist der wichtigste Grund, warum Smartlane in Zukunft eine noch größere Rolle bei der Automatisierung der gesamten Transportlogistik spielen wird.     

Welche Tipps würden Sie anderen Startup-Gründern geben, die gerade erst anfangen?

Jedes Unternehmen beginnt mit einer Idee. Von dieser Geschäftsidee muss man selbst vollständig überzeugt sein und dafür brennen. Um erfolgreich zu sein muss man schließlich immer wieder Menschen von der eigenen Idee überzeugen können – seien es Kunden, Mitarbeiter, aber eben auch Investoren. Man darf dabei nicht unterschätzen, wie wichtig es ist, kontinuierlich Prozesse zu hinterfragen, weiterzuentwickeln und sich mit gemeinsamen Zielen zu identifizieren.

Was ist die größte unmittelbare Herausforderung für Ihr Unternehmen und wo sehen Sie sich selbst in 5 Jahren?

Zahlreiche Unternehmen in Deutschland optimieren mit unserer Smartlane Transport Intelligence bereits ihre Straßentransporte. Der nächste Schritt ist den europäischen Markt mit unserer Lösung zu adressieren. Um noch schneller wachsen zu können, befinden wir uns bereits in der nächsten Finanzierungsrunde. In fünf Jahren sehen wir uns als einen weltweit-agierenden und führenden Anbieter für die Optimierung der gesamten Transportlogistik.

Was würden Sie tun, wenn Sie kein Startup-Unternehmen gründen würden?

Ich glaube, alle Wege hätten zum Unternehmertum geführt und die Weichen für eine Tätigkeit im Bereich Transport und Logistik waren sehr früh gestellt. Daher fühle ich mich, genau da wo ich heute bin, sehr wohl.

Foto: Smartlane Gründer und Geschäftsführer, von links: Dr. Mathias Baur, Monja Mühling und Florian Schimandl

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