Interview: „Selbst wenn man es wollte, könnte man China nicht kurzfristig ersetzen”

Generell sind alle fortgeschrittenen Volkswirtschaften mehr oder weniger stark in internationale Lieferbeziehungen eingebettet, sagt Prof. Dr. Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Im Interview spricht er über Lieferengpässe und erklärt, warum eine komplette Deglobalisierung falsch wäre.

Interview:  „Selbst wenn man es wollte, könnte man China nicht kurzfristig ersetzen”
Foto: IWH, (c) Fotowerk BF

Natalia Jakubowska, Trans.INFO: Die Weltwirtschaft ist momentan im Umbruch. Welche Szenarien erwarten Sie für 2022?

Prof. Dr. Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle:Wir legen regelmäßig Prognosen vor, in denen wir ein Basisszenario und Risikoszenarien festlegen. Im Basisszenario gehen wir davon aus, dass sich die Weltwirtschaft weiter erholen wird. Natürlich befinden wir uns immer noch in einer Situation, in der die Pandemie  das wirtschaftliche Leben überall weiter beeinträchtigt. Wir sehen, dass die Fallzahlen in Deutschland und in anderen Ländern wieder steigen. Das wird uns über den Winter hinweg begleiten und die Erholung bremsen. Aber im Verlauf des kommenden Jahres sollten wir mehr oder weniger auf den Vorkrisentrend zurückkommen.

Großes Thema sind Lieferengpässe. Der Bundesverband Groß- und Außenhandel geht davon aus, dass diese bis Mitte 2022 andauern werden. Sind Sie ähnlich pessimistisch?

Wir sehen das ähnlich. In unserem Basisszenario dürften sich die Lieferengpässe im Laufe des Jahres 2022 langsam auflösen.  Ab Jahresbeginn dürfte eine Besserung der Lage erkennbar sein, allerdings wird es dauern bis sich der letzte Stau aufgelöst hat. Daher passt unser Szenario ungefähr zu den Prognosen des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel, dass in der Mitte des nächsten Jahres zumindest noch Nachwirkungen der Lieferengpässe zu spüren sein werden.

Welche Branchen sind von den Lieferengpässen am meisten betroffen?

Aufgrund der Importabhängigkeit beim Bezug von Vorprodukten ist das Verarbeitende Gewerbe relativ stark betroffen – vor allem die  Automobilindustrie, aber auch die chemische Industrie. In der Vergangenheit war auch der Bau sehr stark belastet, aber mittlerweile sehen wir eine Verbesserung bei der Beschaffung von Holz beispielsweise.

Woraus resultieren diese Probleme mit den Lieferengpässen

Hier überlagern sich verschiedene Faktoren. Zum einem haben wir es mit den Folgen der Pandemie zu tun, hin und wieder kommt es zu Werksschließungen oder Problemen in Häfen, die im Nachgang in Staus bei der Aufarbeitung der Aufträge resultieren. Zum anderen wird in manchen Regionen der Welt, wie etwa in den USA, ein recht dynamisches Wirtschaftsgeschehen  verzeichnet,  was mit einer großen Nachfrage einhergeht. Die große Nachfrage einerseits und die Angebotsbeschränkungen andererseits führen in Summe zu Knappheiten und dann zur Verteuerung der Produkte.

Und was ist mit der Abhängigkeit von China? Ist Deutschland zu abhängig von China?

Generell sind alle fortgeschrittenen Volkswirtschaften mehr oder weniger stark in internationale Lieferbeziehungen eingebettet. Man kann sich davon nicht abkoppeln und schon gar nicht als ein exportorientiertes Land wie Deutschland. Allein schon aufgrund seiner Größe ist China einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands. Wenn es dort zu einer Verlangsamung der Konjunktur oder zu Angebotsproblemen kommt, dann schlägt sich dies in der deutschen Wirtschaft nieder. Ob das jetzt gleich bedeutet, dass wir zu abhängig sind, das kann ich nicht sagen.

Ohne China geht es Ihrer Meinung also nicht?

Zumindest schlechter. China ist ein wichtiger Absatzmarkt für die deutsche Wirtschaft und ein wichtiger Lieferant von Vorprodukten. Selbst wenn man es wollte, könnte man China nicht kurzfristig ersetzen. Das gilt aber auch für andere Länder, nur ist China aufgrund der Größe eine andere Kategorie. Alle Länder, die am modernen Waren- und Güterhandel teilnehmen, sind mehr oder weniger voneinander abhängig. Würde man jetzt ein Land aus den internationalen Lieferketten rausnehmen, dann würde das in der Regel die Situation der Menschen verschlechtern. Man braucht nur auf diejenigen Länder zu schauen, die sich vom internationalen Handel abgekoppelt haben. Das sind Länder, in denen die Wirtschaft sehr schlecht läuft.

Seit Anfang der Krise wird der Rückzug aus der Globalisierung stark diskutiert. Macht ein Diskussion über die Umorganisation der Lieferketten überhaupt Sinn?

Ich glaube, das ist eine eine Aufgabe, die Unternehmen intern lösen müssen. Hier spielen zwei Aspekte eine Rolle. Einmal gibt es die Kostenseite. Unternehmen möchten die Vorprodukte möglichst günstig einkaufen. Hierbei hilft die internationale Arbeitsteilung und Spezialisierung. Andererseits erwarten Unternehmen eine gewisse Robustheit und eine nicht zu starke Abhängigkeit von den einzelnen Lieferanten. Das wird dazu führen, dass Unternehmen ihre Diversifikationsstrategie überdenken und versuchen werden, nicht nur Produkte aus einem Land, sondern von  mehreren Lieferanten zu beziehen.Aber auf die internationale Arbeitsteilung und die Vorteile, die Spezialisierung mit sich bringt,  auf Dauer zu verzichten, ist auch keine gute Lösung. Deshalb glaube ich, dass man versuchen wird die Lieferketten robuster zu gestalten.

Rein hypothetisch nachgefragt, mit welchen Kosten und Risiken wäre mit einer Umstellung auf die heimische Produktion verbunden?

Viele würden teurer werden. Die Vorteile des Welthandels liegen in der Spezialisierung und in Größenvorteilen. Auf diese müsste man dann verzichten. Wie groß diese Effekte sind, ist stark vom Bereich abhängig. Man muss davon ausgehen, dass es in Deutschland zu substantiellen Wohlfahrtsverlusten kommen würde. Daher sollte man eher versuchen die bestehenden Lieferketten gegenüber solchen Problemen, wie wir sie jetzt haben, widerstandsfähiger zu machen.

Sollte die Politik auf die Wertschöpfungsketten Einfluss nehmen?

Die Politik sollte vor allem vernünftige Rahmenbedingungen schaffen und sich dafür einsetzen, dass der Wettbewerb im internationalen Umfeld nicht durch nationale einseitige Regeln verzerrt wird. Das ist die wichtigste Aufgabe der Wirtschaftspolitik in diesem Kontext. Natürlich macht es auch Sinn darüber nachzudenken, ob es bestimmte Wirtschaftsbereiche gibt, die stärker unterstützt werden sollten, weil sie für die nationale Versorgung eine große Rolle spielen. Das kann zum Beispiel bei gesundheitsrelevanten Gütern oder auch bei Produkten der Grundversorgung der Fall sein. Allerdings müsste man hier ins Detail gehen, eine pauschale Antwort für die ganze Volkswirtschaft ist nicht möglich.

Und wie sieht es mit der Automobilindustrie aus? Sollte der Staat der Autobranche unter die Arme greifen?

Bei der Automobilindustrie sehe ich jetzt nicht, was das Marktversagen wäre, welches ein Eingreifen rechtfertigen würde. Es ist natürlich ein relevanter Bereich in Deutschland.  Wenn dort Arbeitsplätze verschwinden, dann merkt man das auch in der deutschen Wirtschaftsentwicklung. Letztendlich ist es aber die Aufgabe der Unternehmen selbst, wettbewerbsfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln.Jetzt könnte es natürlich sein, dass die Energiekosten ein Punkt sind, der das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland im internationalen Wettbewerb schwächt. Dann muss man darüber nachdenken, welche staatlichen Einflussfaktoren es auf das Energiepreisniveau gibt. Nur das steht dann im Spannungsfeld mit den politischen Klimazielen, dass Energie teurer werden soll, zumindest wenn sie auf fossilen Energieträgern basiert.

In letzter Zeit wird viel über die Beziehungen zwischen EU, China und USA gesprochen.  Sollten EU und USA wirtschaftlich enger zusammenrücken? 

Westliche Demokratien basieren auf ähnlichen Wertvorstellungen.  Man hat während der letzten Präsidenten-Amtszeit in den USA gesehen, welche Probleme es mit sich bringt, wenn dieses Verhältnis gestört ist und wie sehr es auch die Fähigkeit, das internationale Geschehen mitzubestimmen beeinträchtigt. Insofern macht es für Europa und die USA aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch aus politischen Gründen Sinn, weiter miteinander zu kooperieren und die Kooperation auch zu pflegen.

Welchen Handlungsbedarf würden Sie sehen, damit die EU auf wirtschaftlicher Ebene handlungsfähig bleibt?

Es ist wichtig, die eigenen Hausaufgaben zu Hause zu machen. Also da, wo man tatsächlich Einfluss hat. Das ist eine notwendige Voraussetzung, um international mit einer hörbaren Stimme aufzutreten. In Deutschland sind die dringendsten Probleme – wie im übrigen Europa auch – Demographie, Digitalisierung und  Dekarbonisierung. Die drei großen “D”. Diese Probleme kann man nur gemeinsam lösen. Deutschland profitiert von der Kooperation mit Partnern in der Europäischen Union, daher ist es wichtig, dass der Zusammenhalt gestärkt wird. Wir sehen jetzt am Beispiel des Rechtsstreits mit Polen und der Auseinandersetzung, die mit Ungarn geführt wurde, dass der Zusammenhalt in der Europäischen Union gefährdet ist. Aus meiner Sicht wäre es eine der Kernprioritäten der neuen Bundesregierung sich dafür einzusetzen, dass die Europäische Union weiterhin stabile Rahmenbedingungen für langfristig orientiertes Wirtschaften bietet.

Aber hat die EU überhaupt das Ding zu einem globalen Wirtschaftsplayer?

Von der Wirtschaftskraft der einzelnen Länder her betrachtet grundsätzlich ja. Es gibt aber eine Reihe von “Governance Problemen” und ungelösten Fragen in der Vorgehensweise. Natürlich muss man auch den Brexit verarbeiten. Eine der stärkeren Volkswirtschaften der Europäischen Union hat die Gemeinschaft verlassen, und das hat diese geschwächt. Gleichzeitig gibt es einige Länder, die die gegenwärtige Rechtsordnung sehr kritisch sehen. Diese Probleme muss man lösen, bevor man darüber nachdenken kann, wie man insgesamt in globalen Debatten wieder eine größere Rolle spielen kann. Wenn man sich jetzt auch die Positionierung von den USA, Großbritannien und Australien in Pazifikfragen anschaut, sieht man, dass die EU an Einfluss verliert.

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