Kurzinterview: “Visibility, Daten und Datenanalyse sind heute die wahren Differenzierungsmerkmale”

Die Herausforderungen in der Transport-und Logistikbranche sind vielfältig: Klimawandel, Digitalisierung, Personalmangel, Lieferengpässe, geopolitische Probleme. In unserem Interview geht Wolfgang Lehmacher auf all diese Themen ein und erklärt, warum man sich dieser Realität nicht entziehen kann.

Kurzinterview: “Visibility, Daten und Datenanalyse sind heute die wahren Differenzierungsmerkmale”
Wolfgang Lehmacher, Supply Chain and Technology Strategist

Natalia Jakubowska, Trans.INFO: Was hat sich im vergangenen Jahr in der Transport- und Logistikbranche geändert?

Wolfgang Lehmacher, Supply Chain and Technology Strategist: Im Jahr 2021 hat sich in der Transport- und Logistikbranche einerseits vieles und andererseits doch relative wenig geändert. In der Praxis sah ich in 2021 weitgehend die Fortsetzung des Jahres 2020. Das heißt das Arbeiten mit der Pandemie und den erheblichen Störungen in den weltweiten Lieferketten, die sich auch auf die nationalen Netze auswirken. Angegangen wurden die Ursachen kaum, aber die Probleme sind tiefgreifend. Vieles wurde durch die Maßnahmen gegen SARS-CoV-2 ausgelöst. Allerdings liegen die Ursachen der Disruption auch in den zahlreichen Unterlassungen der Vergangenheit, wie beispielsweise mangelnden Investitionen in die Transportinfrastruktur und die zu kurz gekommene Digitalisierung. Andererseits hat sich doch vieles im Bewusstsein im Hinblick auf die notwendigen Veränderungen in der Zukunft getan- so in Bezug auf die Dekarbonisierung des Transports, was eine Mammutaufgabe darstellt. Auf der COP26 Klimakonferenz hat die Transport- und Logistikbranche erstmalig entschlossen Farbe bekannt und sich an Verpflichtungen beteiligt. Ich sage dies, da weite Teile des Transportsektors von der Pariser Klimavereinbarung der COP21 ausgenommen waren. Ich spreche vom Luft- und Seeverkehr. In der Vorbereitung zu Glasgow und auf der COP26 Konferenz hat die Transport- und Logistikbranche jedoch zu Fortschritten beigetragen. Dazu zählen die Clydebank Deklaration zur Einrichtung von emissionsfreien Schifffahrtskorridoren und die Unterstützung der Verständigung von 15 Ländern, Deutschland ist nicht dabei, bis 2040 den 100-prozentigen Verkauf von emissionsfreien Neufahrzeugen im Bereich von Lkw und Bus zu realisieren. Dieser Initiative haben Fahrzeughersteller und große Flottenbetreiber ihre Unterstützung zugesagt. Was der Branche auch zugute kommen wird ist die auf dem Klimagipfel lancierte «First Movers Coalition», die vom Weltwirtschaftsforum und John Kerry, dem U.S. Spezialbeauftragten für Klima geführt wird und die sich auf Technologieentwicklung zur Unterstützung schwer dekarbonisierbarer Branchen fokussiert. Ohne technologische Entwicklung wird die Klimafrage weitgehend ungelöst bleiben. Viele Verpflichtungen stützen sich auf Technologien, die sich entweder im Entwicklungsstadium befinden oder noch gar nicht existieren. Aber die Technologieentwicklung alleine reicht nicht, es bedarf der Einigung in der Transport- und Logistikbranche bzw. im Ecosystem auf zentrale Dekarbonisierungstechnologien.

Ohne was geht es gar nicht mehr?

Es wird den Akteuren immer klarer, dass Digitalisierung ein integraler Bestandteil des Geschäftes ist. Visibility, Daten und Datenanalyse sind heute die wahren Differenzierungsmerkmale und dies gilt für jede Branche, nicht nur für Transport- und Logistik. Es geht zum einen um die Digitalisierung der operativen Prozesse aber vielmehr noch mehr um das Verstehen der Präferenzen der Kunden und die Erfassung der Geschehnisse im Ecosystem. Was die letzten zwei Jahre auch gezeigt haben ist die Wichtigkeit der Menschen und der Beziehungen mit Partnern. Das ist nichts Neues. Es wurde uns nur einmal wieder sehr deutlich vor Augen geführt, wie wichtig qualifizierte und engagierte Mitarbeiter sind. Ohne diese ging es noch nie und wird es auch in einer weitgehend digitalisierten Zukunft nicht gehen. Noch geht es scheinbar ohne weitgehende Abstimmung und Vereinbarung auf die Branchentechnologien für die Dekarbonisierung. Aber beispielsweise in der Schifffahrt wo große Investitionen in langlebige Wirtschaftsgüter, sprich Schiffe, anstehen, steigen die Sorgen. Denn circa 90% der georderten Schiffe werden mit traditionellen Antrieben ausgestattet. Damit werden wir in der Klimafrage kaum weiterkommen. Wenn sich die Branche sich nicht auf Technologien festlegt, werden wir kaum viele saubere Schiffe in den nächsten 10 bis 20 Jahren auf den Weltmeeren sehen. Klarheit bezüglich der Technologien ist notwendig, damit sich Schiffbauer und Ausrüster, aber auch Energiekonzerne und die Unternehmen, die die Energieinfrastruktur bereitstellen, auf die wesentlichen Lösungen konzentrieren können, die dann schlussendlich auch nachgefragt werden und damit die Renditen sicherstellen. Bewegen wir uns jedoch, wie derzeit, in alle Richtungen wird der Effekt bescheiden ausfallen, was aus Sicht der Umwelt und der Finanzen eine weniger attraktives Szenario darstellt. Die Schifffahrt steht hier nicht alleine ich führe diese stellvertretend für alle Verkehrsträger an.

Welche Trends und Entwicklungen werden das Jahr 2022 prägen?

Keiner hat die Glaskugel. Was sich aber bereits jetzt abzeichnet, ist das 2022 nicht viel anders als 2021 verlaufen wird. Die hohen Raten in der Containerschifffahrt werden uns wahrscheinlich erhalten bleiben, denn es braucht einfach Zeit, damit sich die globalen Lieferketten normalisieren können. Die Luftfracht wird weiterhin von der eingeschränkten Passagierseite, die circa 40% des Frachtraums stellt, beeinträchtigt. Die reduzierte Kapazität treibt auch hier die Preise nach oben. Im Straßenverkehr fehlt es an Fahrern und Lkw und im Büro ebenfalls an Personal. Der E-Commerce wird seinen Siegeszug fortsetzen; die Wachstumsraten werden sich wahrscheinlich auf dem Niveau von 2021 wiederfinden. Die Digitalisierung ist unaufhaltbar und wird weiter voranschreiten, das Tempo wird moderat bleiben. Die Konsolidierung bei den Startups wird sich fortsetzen; auch die Einkaufstouren der großen Transport- und Logistikunternehmen, insbesondere in der Schifffahrt, die mit Hilfe von vollen Kassen Lücken durch Aufkäufe schließen und strategische Schritte finanzieren. Die weltweite geopolitische Lage wird Tagesgespräch bleiben, aber ich gehe davon aus, dass Spannung wie derzeit zwischen Russland und der NATO, aber auch zwischen China und den USA nicht eskalieren werden. Ich hoffe zudem, dass wir uns angesichts der globalen Herausforderungen, wie Klimawandel und das Sterben der Meere doch schlussendlich konstruktiv zusammenfinden. Die COP26 Vereinbarung zwischen den USA und China in Bezug auf die Zusammenarbeit im Bereich Klimamaßnahmen stiftet Hoffnung in dieser Hinsicht.

Welcher Trend ist für Sie am wichtigsten und warum?

Was kann wichtiger sein als die Sicherstellung des menschlichen Wohlbefindens und die Sicherung der Lebensfähigkeit zukünftiger Generationen? Der wichtigste Trend ist damit für mich das steigende Bewusstsein um die Notwendigkeit schnell Maßnahmen zur Lösung der Umwelt- und Klimafrage abzustimmen. Gelingt uns diese Abstimmung und gemeinsame Ausrichtung nicht, gefährden wir nicht nur unsere Zukunft, sondern global tätige Unternehmen werden sich schon bald in einem Dschungel verschiedenster Regularien wiederfinden. Bei Fragmentierung wird die Europäische Union kaum ihre Vorgehensweise ändern. Andere Staaten oder Blöcke werden Wirtschaft und Wachstum den Vorrang geben. Schlussendlich wird uns aber keine Wahl bleiben. Je länger wir warten, umso größer werden die Folgen. Wenn die Realität uns zum Handeln zwingt werden wir erhebliche Belastungen und exorbitante Kosten zu bewältigen haben. Aber, wie gesagt, die Branche arbeitet mit seinen Ecosystempartnern an Lösungen. Beim Lkw sehe ich nach COP26 einen Silberstreifen, allerdings sollten den Absichtserklärungen auch Handlungen folgen. In der Luftfahrt geht die Entwicklung in Richtung elektrifizierter Regionalflüge. Auf der Langstrecke fehlt noch der technologische Durchbruch. Damit stehen wir wieder mitten im Thema Technologie. Ohne Technologie, und dabei beziehe ich die Entwicklung von neuen Treibstoffen und Antriebsformen mit ein, ist ein Durchbruch in der Klimafrage nicht vorstellbar. Aber Klima ist nur ein Aspekt. Die aktuelle Lage erfordert die Wirtschaft und Gesellschaft auf ein regeneratives Modell, das die Kreislaufwirtschaft, auch Circular Economy genannt, bereits anbietet, umzustellen. Dabei geht es nicht allein um Lösungen wie die Pfandflasche oder Recycling. Es geht um wiederverwendbare Materialien, regeneratives Produktdesign, zirkuläre Produktionsverfahren und Geschäftsmodelle. Dies alles ist ohne Digitalisierung und die Entwicklung und Einführung neuer Technologien unvorstellbar. Denn die Circular Economy beginnt mit detaillierten Informationen über die Materialien und die Zusammensetzung der Produkte und sie endet mit der Weiternutzung bzw. Weiterverwertung der Produkte oder ihren Bestandteilen nach jedem einzelnen Nutzungszyklus oder wenn immer Überschussmaterialen anfallen. Die Umsetzung des zirkularen Konzeptes erfordert die Bereitstellung umfassender Daten und eines Circular Economy Internets sowie die Unterstützung durch alle an den Wertketten beteiligten Akteure. Dies bezieht den Staat mit ein, denn ohne Anreize und Ausgleich von Mehrkosten wird keine Dynamik entstehen. Diese Transformation erfordert auch Unterstützung seitens der Transport- und Logistikbranche. Aber sie stellt auch eine Geschäftschance dar: beispielsweise im Bereich Rückführung und Weiterverwendung. Die Branche sollte die Digitalisierung sowie Dekarbonisierung und Circular Economy als zentrale strategische Themen entschlossen angehen.

Welche Herausforderungen stellen diese Trends und Entwicklungen für Unternehmen dar? Wie können Unternehmen diese gut meistern?

Die Herausforderungen für die Unternehmen liegen in den Bereichen Innovation, Changemanagement und im Stakeholder Management zur Abstimmung der wesentlichen Themen und Aktionen in der Branche und darüber hinaus. Innovation ist eine Herausforderung für viele etablierte Unternehmen. Zunächst sollten Unternehmen Innovation zu einem Zentralthema machen, und dabei interne aber vielmehr noch externe Möglichkeiten mit einbeziehen. Ich denke insbesondere an Identifizierung und Aufkauf innovativer Firmen sowie die Zusammenarbeit mit und die Investition in Startups. Führende in der Regel große Unternehmen tun dies auch. Der Staat sollte allerdings darauf achten, dass die mittelständischen Unternehmen in das Innovationsgeschehen miteinbezogen werden. Dies erfordert Forschung zur Entwicklung entsprechender Programme. Der Mittelstand sollte Druck auf die Regierung ausüben, um Unterstützung zu gewährleisten. Die zweite Herausforderung ist das Changemanagement. Dies ist keinesfalls ein Novum. Allerdings scheitern die meisten Transformationsprojekte. Transformation erfordert Selbst-Disruption. Dies ist eine erhebliche Herausforderung für das Management, ein existenzieller Realisierungs- und Entscheidungsprozess. Im Bereich des Changemanagements helfen Schulungen und Experten den Firmen die Ausfallquote zu reduzieren. Die größte Herausforderung jedoch ist die Abstimmung in der Branche bzw. im Ecosystem. Schließlich stehen die Unternehmen im Wettbewerb und Kollaboration ist nicht Erbgut eines jeden Akteurs. Aber die großen Aufgaben lassen sich schließlich nur gemeinsam lösen. Dabei sind die Unternehmen gut beraten sich in der Zusammenarbeit zu üben. Denn der Trend geht klar in Richtung Ecosystem. Ecosysteme sind Interessengemeinschaften, idealerweise mit einer gemeinsamen Sinngebung, mit dem Ziel der maximalen Nutzung der im System verfügbaren Ressourcen durch digitale Lösungen und Architekturen. Wir gehen in Richtung Ecosystemoptimierung und Ecosystemwettbewerb. Dies erfordert, dass alle Ecosystemakteure die Steigerung der eigenen Leistungsfähig durch die Stärkung des Ecosystems anstreben. Dies steht im Gegensatz zu bisherigen Managementpraktiken. Aber die Konzentration auf die Optimiegung der eigenen Organisation birgt viele Risiken. Dies spiegelt sich immer wieder in den großen Krisen wider. Die derzeitige Lieferkettendisruption ist auch das Ergebnis individueller Optimierung zu Lasten des Gesamtsystems. Und die fehlende Abstimmung in Bezug auf Dekarbonisierungstechnologien führt uns direkt in die Umrüstungskrise. Die Zukunft ist kooperativ, innovativ und digital und darauf hat sich auch die Transport- und Logistikbranche einzustellen. Natürlich bringt die neue Welt auch ihre Risiken mit sich. Aber diese lassen sich managen. Und bei wachsender Weltbevölkerung und steigendem Wohlstand gibt es nur einen Weg und der führt nach vorne. Und er heißt Technologie, Kooperation und Innovation. Auch die Transport- und Logistikbranche kann sich dieser Realität nicht entziehen. Die Branche ist gefordert sich digital zu integrieren und innovativ zu zeigen und ist gut beraten die Konvergenz im Hinblick auf globale Rahmenwerke und Standards zu unterstützen. Dann wird sich auch das Image der Transport- und Logistikbranche ändern und ihre Bedeutung für das Wohl von Wirtschaft und Gesellschaft deutlich.

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