ProGlove wurde im Dezember 2014 gegründet und beschäftigt aktuell an seinen beiden Standorten München und Chicago mehr als 160 Mitarbeiter aus über 40 Ländern. Das Start-up entwickelt Industrie Wearables, die bei mehr als 500 namhaften Kunden in der Fertigung, Produktion aber auch in der Logistik und im Handel zum Einsatz kommen.”Bei BMW konnten wir aber eine Ersparnis von bis zu vier Sekunden pro Scan erzielen. Wenn man sich verdeutlicht, dass eine Sekunde in der Automobilindustrie etwa einen Euro wert ist, wird klar, warum wir uns in diesem Umfeld so rasant verbreitet haben”, sagt Thomas Kirchner, Gründer und Mitglied des Aufsichtsrates von ProGlove.

Natalia Jakubowska,Trans.INFO: Womit genau beschäftigt sich Ihr Startup?

Thomas Kirchner, Gründer und Mitglied des Aufsichtsrates von ProGlove: Wir haben einen wearbale Scanner entwickelt, indem wir ein Barcode Lesegerät mit einem Arbeitshandschuh kombiniert haben. Anschließend haben wir unsere Produktpalette sukzessive erweitert. Im Moment konzentrieren wir uns auf das Thema Software rund um Daten, die durch unsere Wearables generiert werden. 

Unsere Scanner kommen vor allen Dingen in der Industrie zum Einsatz. Zum Beispiel in der Produktion und in der Logistik, aber auch im Handel. Denn nahezu jedes Produkt wird mithilfe von Barcodes entlang der Zuliefer- und Wertschöpfungsketten gesteuert. Dabei geht es um Themen wie Prozessschrittdokumentation, Qualitätssicherung oder Nachverfolgbarkeit. Viele Arbeiter scannen mehrere Tausend Mal pro Tag. 

Was ist einzigartig an Ihrer Idee?

Wir haben den Trend hinzu Industrie Wearables maßgeblich mitbegründet. Es zeichnet sich im Moment deutlich ab, dass dieser Trend weiter zunehmen wird. Bei konventionellen Barcode Scannern müssen Sie immer wieder nach dem Scanner greifen. Sie können ihn verlieren oder beschädigen. Das entfällt mit unseren Produkten. Die Hände bleiben frei und der Werker kann sich auf seine eigentliche Kernaufgabe konzentrieren. Mit unserer MARK-Produktfamilie lassen sich dabei bis zu sechs Sekunden pro Scan einsparen. Darüber hinaus sind unsere Scanner die kleinsten und leichtesten auf dem Market. Das ist nicht nur eine technische Errungenschaft, sondern auch ein wichtiger ergonomischer Aspekt. Denn so müssen Arbeiter in hochfrequenten Scanumgebungen bis zu 1,5 Tonnen pro Tag weniger heben. Das bedeutet nicht nur eine maßgebliche Entlastung, sondern wirkt auch Erschöpfungserscheinungen und Ausfällen im Zusammenhang mit Muskel-Skelett-Erkrankungen entgegen. Und schließlich besteht bei unserem Produkt auch die Möglichkeit, ein unmittelbares Feedback an die Werker auszugeben. Damit lassen sich bis zu 33 Prozent der gängigen Kommissionierungsfehler verhindern. Unser Produkt erzeugt also auch eine spürbare Qualitätssteigerung.

Wann und wie sind Sie auf Ihre Gründungsidee gekommen?

Die entscheidende Idee kam unserem Mitgründer Paul Günther. Er verdiente sich mit Werksführungen bei BMW ein bisschen Geld während seines Studiums dazu. Dabei sind ihm zwei Dinge aufgefallen. Erstens: Jeder in einem derartigen Konzern ist bestrebt, immer noch effizienter zu werden. Dabei zählt buchstäblich jede Sekunde. Und zweitens: Die Mitarbeiter scannen andauernd. Jeder Schritt wird so dokumentiert. 

Wir hatten schon länger an unserm smarten Handschuh gearbeitet und erkannten darin einen überzeugenden Anwendungsfall. Ein Beispiel dazu: Jeder Autobauer baut pro Tag in einem Werk etwa 1.000 Autos. Pro Auto wird dabei 1.000 Mal gescannt. Das heißt, jede gesparte Sekunde bedeutet eine Millionen gesparte Sekunden pro Tag und Werk. Bei BMW konnten wir aber eine Ersparnis von bis zu vier Sekunden pro Scan erzielen. Wenn man sich verdeutlicht, dass eine Sekunde in der Automobilindustrie etwa einen Euro wert ist, wird klar, warum wir uns in diesem Umfeld so rasant verbreitet haben. Logistik und Handel kamen später dazu. Mittlerweile verteilen sich unsere Umsätze aber etwa zu gleichen Teilen zwischen diesen Bereichen.

Woher kam das Kapital für Ihr Unternehmen?

Wir haben insgesamt über 50 Millionen US-Dollar eingesammelt. Das Gründungskapital haben wir in einem Wettbewerb von Intel im Silicon Valley gewonnen. Intel hat dann mit seiner Finanzierungssparte langfristiger nachgelegt. Zudem hat sich Getty Lab lange bei uns engagiert. In unsere letzten Finanzierungsrunde haben wir von Summit Partners, Bayern Kapital und DICP über 40 Millionen US-Dollar bekommen.

Was waren die größten Hindernisse bei der Gründung Ihres Startups?

Wir standen irgendwann vor der Frage, wie ernst wir es meinen mit ProGlove. Denn das bedeutete auch, dass wir uns festlegen mussten. Wir waren zu dem Zeitpunkt alle in anderen Projekten involviert oder irgendwo angestellt. Irgendwann haben wir uns einfach entschieden.

Was war der Wendepunkt, als die ersten Kunden auftauchten und Sie zu glauben begonnen haben, dass dies funktionieren würde?

Unsere Entwicklung ist eng an BMW gekoppelt. Dort hatten wir sehr schnell einen Fuß in der Tür und haben dann auch entsprechend schnell in der Automobilindustrie Fuß gefasst. Für uns waren aber auch die Möglichkeiten, die uns UnternehmerTUM, MakerSpace oder TechFounders geboten haben, extrem wichtig. Ohne diesen Austausch wäre es uns kaum gelungen, unsere Produkte vom Prototyp bis zur Serienreife weiterzuentwickeln. 

Was hätten Sie rückblickend in der Startphase anders gemacht?

Man macht immer Fehler, jeden Tag. Aber wir arbeiten mit dem Design-Thinking-Ansatz. Danach sind Fehler etwas ganz Normales, was einfach dazu gehört. Immer wenn etwas nicht funktioniert, muss man verstehen, warum das so ist. Der Versuch, Fehler zu vermeiden ist nicht so wirklich zielführend.

Welche Tipps würden Sie anderen Startup-Gründern geben, die gerade erst anfangen?

Ich halte zwei Dinge für entscheidend. Erstens: Man darf sich nicht entmutigen lassen. Einfach weiter machen und dranbleiben. Und zweitens: Man muss wissen, was man kann und was man nicht kann. Ich sehe mich vor allen Dingen als Gründer, nicht als Manager. Deshalb haben wir bei ProGlove Ende 2018 einen erfahrenen CEO dazu geholt, als wir eine Schwelle erreicht hatten und vor der Herausforderung standen, international skalieren zu wollen. CEO sein kann der viel besser als ich. 

Was ist die größte unmittelbare Herausforderung für Ihr Unternehmen und wo sehen Sie sich selbst in 5 Jahren?

Wir vollziehen gerade eine Transformation und konzentrieren uns stark auf das Thema Software-Entwicklung. Wir sind damit nicht mehr nur ein Hardware-Anbieter, sondern ein Soft- und Hardware-Anbieter. Daraus ergeben sich Herausforderungen und es gilt, die richtige Balance zu finden. Die gegenwärtige Krise können wir recht gut bewältigen, weil gerade jetzt das Thema Logistik extrem wichtig geworden ist und wir auch vom E-Commerce Boom profitieren. Denn der erzeugt sehr viel manuellen Aufwand. In fünf Jahren sind wir mit unserm Softwareangebot, dem Human Digital Twin, hoffentlich Marktführer!

Was würden Sie tun, wenn Sie kein Startup-Unternehmen gründen würden?

Wenn es nach meiner Mutter geht wäre ich wohl Lehrer. 

Foto: ProGlove

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