Preise fallen um bis zu 70 Prozent. Worauf ist diese plötzliche Veränderung zurückzuführen?

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Nach einem drastischen Anstieg im Jahr 2021 sind die Containerpreise in den letzten Monaten ebenso stark gefallen. Der Container Index von Drewry ist jetzt 70-80 Prozent niedriger als vor einem Jahr.

Preise fallen um bis zu 70 Prozent. Worauf ist diese plötzliche Veränderung zurückzuführen?
Quelle: AdobeStock/Carl-Jürgen Bautsch

Praktisch das ganze letzte Jahr über haben wir einen Anstieg der Containerpreise beobachtet. Während der Drewry-Containerindex vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie bei etwa 1.600 USD pro 40-Fuß-Container lag, sind diese Raten seit Mitte 2020 regelrecht explodiert. Lockdowns in China und Europa verzögerten den Warenversand und als sich die westlichen Märkte öffneten und ein regelrechter Boom beim Verbrauch von Industriegütern einsetzte, führte diese unerwartete Nachfrage zu einer Überlastung der Häfen. Eine Überlastung, die tatsächlich erst in jüngster Zeit einigermaßen in den Griff bekommen wurde.

Hinzu kamen regelmäßig wiederkehrende Pandemiewellen in China und unerwartete Ereignisse wie die einwöchige Blockade des Suezkanals im März 2021. Es war ein fertiges Rezept für anhaltende Kapazitätsengpässe, die die Preise in die Höhe trieben. Schließlich im September 2021 überschritt der Weltcontainerindex (WCI) von Drewry 10.300 USD. Auf der Strecke von Shanghai nach Rotterdam erreichte der Index sogar schon die Marke von 15.000 USD.

Seit einigen Monaten erleben wir nun genau den umgekehrten Trend. Während die Raten im Jahr 2021 jede Woche um einige Prozent nach oben sprangen, fallen sie seit diesem Frühjahr in ähnlichem Tempo. Der jüngste WCI-Index von Drewry lag am vergangenen Donnerstag bei 2.591 USD. Das sind 7 Prozent weniger als in der Vorwoche. Es genügt zu sagen, dass der Index am 3. November immer noch knapp über 3.000 USD lag.

Containerraten stürzten ab

Ähnliche Abstiege verzeichneten auch andere bekannte Indizes. Der Global Freightos Baltic Index lag in der vergangenen Woche bei 3.038 USD, gegenüber 3.085 USD in der Vorwoche. Der in Punkten ausgedrückte Shanghaier SCFI-Index verzeichnete im Wochenvergleich ebenfalls einen Rückgang von 1.443 Punkten auf 1.306 Punkte.

Aus dem Drewry-Index geht auch hervor, dass der Rückgang des Ratenindexes auf dem Weg von China nach Europa noch ausgeprägter ist als der globale Trend. In der vergangenen Woche lag der Index für die Strecke zwischen Shanghai und Rotterdam bei 2.687 USD, was einem Rückgang von 14 Prozent gegenüber der Vorwoche entspricht. Und es waren bis zu tausend Dollar weniger als zu Beginn des Monats.

Bemerkenswert ist, dass der WCI-Index noch Anfang September bei 5.661 USD lag. Auf der Strecke zwischen Shanghai und Rotterdam lag er bei 7.583 USD. Wir sprechen also von einem Rückgang von fast 65 Prozent auf der letztgenannten Strecke in nur zwei Monaten!

Preise spiegeln die Konjunkturlage wider

Die Preise vom Beginn des Jahres können vergessen werden. Zu diesem Zeitpunkt lag der globale Index von Drewry bei ca. 9.600 USD. Auf der Strecke von China nach Rotterdam betrug er dagegen über 14.000 USD.

Worauf ist also dieser Rückgang zurückzuführen? Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens ist die Nachfrage auf den westlichen Märkten (Europa und Amerika) deutlich zurückgegangen. Während der Pandemie konzentrierte sich die Verbrauchernachfrage auf Waren und verlagerte sich dann auf Dienstleistungen, als die Pandemie auslief.

Zweitens führten die Inflation und die steigenden Preise dazu, dass die Importeure zwar ähnliche Beträge für Waren ausgaben, die Mengen jedoch zurückgingen. Dies geht aus den Finanzberichten der großen Reedereien hervor, die im dritten Quartal zwar weiterhin gute Finanzergebnisse vorweisen konnten, aber auf den Rückgang des Volumens hinwiesen. Und sie rechneten damit, dass sich der Rückgang der Fracht in der nächsten Zeit fortsetzen würde. Und weniger Volumen bedeutet weniger Nachfrage, was die Preise drückt.

Ein weiterer Grund ist eine gewisse Entlastung der Häfen. Damit ist das Kapazitätsangebot (Containerschiffe) wesentlich höher als im Jahr 2021, als die Schiffe wochenlang in den Häfen festsaßen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt warteten mehr als 100 Schiffe auf die Einfahrt in den Hafen von Los Angeles. Ihre fehlende Verfügbarkeit trieb die Preise auf anderen Strecken in die Höhe.

Heute führt die größere Verfügbarkeit von Schiffen bei sinkender Frachtnachfrage natürlich zu niedrigeren Raten.

Starker Abwärtsdruck

Für die Reedereien gibt es keine guten Nachrichten. Der Abwärtsdruck auf die Preise wird anhalten. Der wirtschaftliche Abschwung ist bereits deutlich spürbar. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die europäische und amerikanische Nachfrage in den kommenden Monaten erholen wird. Das wiederum bedeutet weniger Fracht und weniger Aufträge. In dieser Situation ist es schwierig, über die Möglichkeit von Preiserhöhungen zu sprechen.

Darüber hinaus haben die Reeder im Zuge des Preisbooms im Jahr 2021 massenhaft neue Containerschiffe bestellt, die 2023 und 2024 in See stechen werden. Die Frage ist, ob sie genug Fracht zu transportieren haben werden.

All dies zusammen kündigt einen starken Abwärtsdruck auf die Preise an. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sie auf das Niveau von vor der Pandemie zurückgehen werden. Die Reedereien können es sich nämlich nicht leisten, denn in den letzten zwei Jahren sind ihre Kosten erheblich gestiegen – etwa die Treibstoffkosten, die Personalkosten und auch die Hafengebühren. Ganz zu schweigen von den Kosten für neue Schiffe.

All diese Faktoren deuten darauf hin, dass das nächste Jahr für viele Seeverkehrsunternehmen sehr schwierig werden könnte. Bereits vor einigen Monaten wurde dies in einem HSBC-Bericht erwähnt, in dem prognostiziert wurde, dass die Gewinne vieler Reeder um bis zu 80 Prozent zurückgehen könnten. Bislang haben sie sich im dritten Quartal noch gut gehalten, aber es ist ein Trend zu einem langsameren Umsatz- und Gewinnwachstum erkennbar. Angesichts des starken Rückgangs der Raten in den letzten zwei Monaten könnten die Berichte für das vierte Quartal bereits ganz anders aussehen. Selbst wenn man die Weihnachtszeit berücksichtigt.

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