Die wichtigsten Erkenntnisse:
- Trans.eu registrierte 2026 mehr Betrugsversuche als im Vorjahr. Der geschätzte Wert der gestohlenen Ladungen in den der Plattform bekannten Fällen lag jedoch unter dem Vorjahresniveau.
- Phishing, ähnlich aussehende Domains und gekaperte Konten dienen dazu, sich als renommierte Frachtführer auszugeben.
- Unternehmensunterlagen und die bisherige Historie zeigen nicht, ob die kontaktierende Person tatsächlich berechtigt ist, im Namen des Unternehmens zu handeln.
- Auch eigens zu Betrugszwecken gegründete Unternehmen bleiben eine Gefahr. Manche führen zunächst echte Transporte durch, um bei Geschäftspartnern Vertrauen aufzubauen.
Unter dem Titel „Ladungssicherheit und Transportbetrug in der Hochsaison des vierten Quartals“ diskutierten Piotr Sobala, bei Trans.eu für die Produktsicherheit verantwortlich, Małgorzata Łazowska, Managing Partnerin bei SSC Poland, Elena Lădariu, Leiterin von Rocktrans Spedition, sowie Agnieszka Wojnowska, Sicherheitsexpertin bei XBS Logistics, über die aktuelle Entwicklung. Moderiert wurde die Veranstaltung von Michał Pakulniewicz, Transportmarktanalyst beim European Road Transport Institute.
Im Mittelpunkt stand die zunehmende Zahl von Methoden, mit denen sich Kriminelle als seriöse Frachtführer ausgeben. Besonders problematisch ist, dass die Täuschung oft unentdeckt bleibt, bis die Ladung bereits den Besitzer gewechselt hat.
Mehr Betrugsversuche, aber geringere Schäden pro Fall
Piotr Sobala, Area Leader für Produktsicherheit bei Trans.eu, machte deutlich, dass sich die Vorgehensweise der Täter auch in den von der Plattform erfassten Vorfällen widerspiegelt.
Seinen Angaben zufolge wurden 2026 mehr Betrugsversuche registriert als 2025. Gleichzeitig lag der geschätzte Wert der Ladungen, die in den bekannten Fällen gestohlen wurden, deutlich unter dem Vorjahresniveau.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass der Transportmarkt sicherer geworden ist. Vor allem die Art der Angriffe verändert sich.
Vor einigen Jahren galt die Übernahme eines bestehenden Transportunternehmens als besonders problematisches Szenario. Die Täter konnten ein seriöses Unternehmen mit gewachsener Geschäftshistorie und gutem Ruf übernehmen und dieses Vertrauen anschließend nutzen, um sich auf betrügerische Weise Aufträge zu verschaffen.
Heute setzen Kriminelle laut Sobala häufiger auf schnellere Methoden, bei denen sie nicht die Kontrolle über ein ganzes Unternehmen übernehmen müssen.
Ein Nutzerkonto zu übernehmen geht schneller und kostet weniger. Außerdem lässt es sich oft nur für kurze Zeit missbrauchen. Das Zeitfenster kann auf wenige Stunden schrumpfen, erklärte der Experte.
In dieser kurzen Phase können Betrüger den guten Ruf eines echten Unternehmens ausnutzen, verfügbare Ladungen einsehen und versuchen, einen Transport zu übernehmen, bevor der rechtmäßige Nutzer den unbefugten Zugriff bemerkt.
Das Risiko beschränkt sich dabei längst nicht mehr auf Unternehmen, die besonders wertvolle Güter befördern, ergänzte Sobala.
Heute kann praktisch jedes Unternehmen zum Ziel werden, wenn jemand versucht, sich als dieses Unternehmen auszugeben, sagte er.
Durch die vielen kurzlebigen Angriffe erweitert sich auch der Kreis potenzieller Opfer deutlich.
Schon ein Zeichen in der E-Mail-Adresse kann Vertrauen vortäuschen
Elena Lădariu von Rocktrans Spedition schilderte, wie schwer es für eine Spedition sein kann, einen Betrugsversuch im hektischen Tagesgeschäft zu erkennen.
Vor etwa zwei Monaten erhielt ihr Unternehmen eine Nachricht von einer Adresse, die sich nur durch ein einziges Zeichen von der echten Kontaktadresse unterschied.
Die Masche ist simpel: Die E-Mail wirkt wie eine Nachricht eines bekannten Geschäftspartners. Die minimale Abweichung in der Domain kann leicht übersehen werden – vor allem dann, wenn das Team gleichzeitig eine große Zahl von Transportaufträgen bearbeitet.
Bei Rocktrans gilt deshalb eine klare Vorgabe: Die Kontaktdaten werden mit den Angaben auf der Transportplattform abgeglichen.
Ist dort eine bestimmte E-Mail-Adresse hinterlegt, verwenden wir genau diese. Telefonisch kontaktieren wir den Geschäftspartner ausschließlich unter der dort gespeicherten Nummer, erklärte sie.
Sobala bestätigte, dass Identitätsbetrug per E-Mail weiterhin ein erhebliches Problem darstellt.
Seiner Einschätzung nach betraf die deutliche Mehrheit der seit Anfang 2025 beobachteten Fälle Angriffe außerhalb der Transportplattform – meist über den E-Mail-Verkehr.
Diese Unterscheidung ist für die Sicherheit entscheidend. Selbst wenn ein Unternehmen auf einer Frachtenbörse bereits geprüft wurde, ist ein Wechsel der Kommunikation auf andere Kanäle deutlich schwerer zu kontrollieren. Dadurch können sich Betrüger leichter als der tatsächliche Geschäftspartner ausgeben.
Das Konto ist echt – aber wer nutzt es tatsächlich?
Noch schwieriger wird die Erkennung, wenn die Täter keine gefälschte Kontaktadresse verwenden, sondern Zugriff auf ein echtes Nutzerkonto erlangen.
Sobala berichtete von Fällen, in denen Betrüger nachgebaute Websites im Stil von Trans.eu erstellt hatten. Die Internetadressen wichen nur geringfügig vom Original ab und sollten dazu dienen, die Zugangsdaten der Nutzer abzugreifen.
Die gestohlenen Zugangsdaten müssen nicht sofort eingesetzt werden. Kriminelle können auf eine passende Gelegenheit warten, bevor sie sich in das Konto eines seriösen Unternehmens einloggen. Ebenso ist es möglich, heimlich einen neuen Nutzer zum Unternehmenskonto hinzuzufügen.
Für Speditionen ist dieses Szenario besonders gefährlich, weil eine übliche Unternehmensprüfung dabei ohne Befund bleiben kann.
Das Unternehmen existiert, die Unterlagen sind echt und auch die bisherige Geschäftstätigkeit sowie frühere Partnerschaften können vollkommen legitim sein.
Problematisch ist dann möglicherweise nur die Person, die das Konto gerade verwendet oder behauptet, das Unternehmen zu vertreten.
Deshalb reichen Registerdaten, Lizenzen oder Versicherungsnachweise allein nicht aus, um jedes Sicherheitsrisiko bei einem Transportgeschäft auszuschließen.
Ein Unternehmen kann zunächst echte Aufträge fahren – und dann mit einer Ladung verschwinden
Gekaperte Nutzerkonten sind nicht die einzige Möglichkeit, Vertrauen zu missbrauchen.
Die Experten diskutierten auch die Rolle sogenannter Scheinfirmen – Unternehmen, die mit dem Ziel gegründet werden, sie für Betrug einzusetzen.
Eine solche Firma kann ordnungsgemäß eingetragen sein, über die erforderlichen Dokumente, Lizenzen und Versicherungen verfügen und die üblichen Prüfungen bestehen.
Zu Beginn kann sie sogar echte Transporte durchführen.
Ein Unternehmen kann über Wochen oder Monate echte Aufträge abwickeln und sich dadurch Vertrauen erarbeiten. Eines Tages kann es dann einfach verschwinden, sagte Sobala.
Durch die erfolgreich abgewickelten Transporte entsteht bei den Geschäftspartnern eine positive Historie. Aus Sicht eines potenziellen Auftraggebers wirkt die Firma dann wie jeder andere Frachtführer am Markt.
Laut Sobala kann sich der Betrug auf einen einzigen Auftrag, zwei Transporte oder mehrere Geschäfte erstrecken. Eine groß angelegte Operation gegen Dutzende Unternehmen ist dafür nicht zwingend erforderlich.
Die Schwierigkeit: Auch eine formal vollständig durchgeführte Prüfung kann nicht zweifelsfrei klären, welche Absichten die Eigentümer tatsächlich haben.
Gefälschte Lieferanweisungen und Ersatzfrachtführer
Małgorzata Łazowska von SSC Poland wies darauf hin, dass Betrug mit gefälschten Identitäten sehr konkrete Folgen für die physische Lieferkette haben kann.
In Gesprächen mit Transportunternehmen stieß sie wiederholt auf Fälle, in denen sich Täter als Kunden ausgaben und per Nachricht oder Telefon eine Änderung des Lieferorts verlangten.
In einem anderen Szenario erschien ein falscher Frachtführer an der Ladestelle und gab sich als das tatsächlich beauftragte Unternehmen aus.
In beiden Fällen nutzten die Täter die scheinbare Glaubwürdigkeit der Informationen, die sie dem Frachtführer, der Spedition oder dem Lager übermittelten.
Kriminelle müssen nicht immer physisch in einen Lkw einbrechen. Manchmal brauchen sie lediglich Informationen oder Zugriff auf unsere Daten, betonte Łazowska.
Die klassischen Gefahren bestehen daneben weiter. Anhänger werden aufgebrochen, Planen aufgeschnitten, Fahrzeuge unbefugt geöffnet und Fahrer angegriffen.
Transportunternehmen müssen daher sowohl den physischen Schutz von Fahrzeugen und Ladungen als auch die Risiken in der Kommunikation und beim Zugriff auf Informationen berücksichtigen.
Wie lässt sich feststellen, wer wirklich am anderen Ende ist?
Die Diskussion machte eine zentrale Schwachstelle herkömmlicher Prüfverfahren deutlich.
Die Prüfung der Frachtführerlizenz, der Versicherung, der Unternehmensdaten und der bisherigen Geschäftstätigkeit bleibt ein wichtiger Bestandteil der Partnerprüfung. Sie beantwortet jedoch nicht die entscheidende Frage, ob die Person, die den Auftrag annimmt oder Anweisungen erteilt, tatsächlich im Namen dieses Unternehmens handelt.
Das ist besonders relevant, wenn schnelle Entscheidungen erforderlich sind: etwa bei der kurzfristigen Suche nach einem Frachtführer, einer Änderung des Lieferorts oder einer unerwarteten Nachricht von einer angeblichen Kontaktperson eines bekannten Unternehmens.
Eine im Webinar genannte praktische Maßnahme ist, die Kontaktdaten des Geschäftspartners unabhängig zu bestätigen und sich nicht ausschließlich auf die Angaben in einer eingehenden Nachricht zu verlassen.
Außerdem sollten Unternehmen auf unerwartete Änderungen bei Kommunikationswegen, E-Mail-Adressen oder Telefonnummern sowie auf neue Anweisungen zur Freigabe und Zustellung von Waren achten.
Die von den Experten geschilderten Fälle zeigen: Die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens und die Glaubwürdigkeit der Person, die in seinem Namen handelt, sind zwei verschiedene Fragen. Wer eine Ladung vergibt, sollte daher nicht nur prüfen, welches Unternehmen formal mit dem Transport beauftragt wird. Ebenso wichtig ist, wer den Auftrag tatsächlich annimmt und Anweisungen zur Sendung erteilt.









