Interview: „Ich sehe, dass viele Speditionen ihre Prozesse nicht im Griff haben”

Interview: „Ich sehe, dass viele Speditionen ihre Prozesse nicht im Griff haben”

In unserem Interview erzählt Andreas Rinnhofer, Geschäftsführer der INN-ovativ KG, mit welchen Problemen Speditionen heutzutage zu kämpfen haben, wie man den Fahrerberuf wieder attraktiver machen kann und warum die Digitalisierung in der Branche nur schleppend vorankommt.

Natalia Jakubowska, Trans.INFO: Der Verband International Road Transport Union hat jüngst berechnet, dass sich die Verluste der Straßengütertransporteure durch Corona auf 574 Milliarden Euro belaufen. IRU warnt auch vor einer Insolvenzwelle. Wie ist die Lage der Speditionen im DACH-Raum ? Ebenfalls kritisch?

Andreas Rinnhofer, Geschäftsführe der INN-ovativ KG: Grundsätzlich ja. Ich sehe einen sehr starken Abwärtstrend. Aber die Frage ist, was ist durch Corona und was ist mit Corona. Nächstes Jahr wäre wieder die Messe transport logistic in München. Ich frage sehr viele Speditionen jetzt schon, ob sie dabei sein werden und viele sagen, dass sie sich nicht trauen und Angst haben zu buchen. Wenn wir Angst haben für nächstes Jahr einen Messestand zu buchen, dann brauchen wir uns nicht wundern, dass der Messebauer in den nächsten sechs Monaten auch keine Transporte für uns haben wird. Wir sind in einer eigenen Abwärtsspirale, die vielleicht durch Corona bedingt ist, aber nicht nur dadurch entstanden ist, denn wir haben es generell mit einem sehr starken Abwärtstrend zu tun. Auch das Thema Zahlungen wird sicherlich in den nächsten Quartalen bis Mitte nächsten Jahres sehr interessant sein. Speditionen werden ihre Mahnprozesse sehr stark im Griff haben müssen.

Hätte man diese Situation vermeiden können?

Nach dem Fußballspiel ist auf einmal jeder Fußballtrainer. Jeder kennt sich besser aus. Eine solche Situation gab es noch nie. Was man sicher hätte besser machen können, man hätte Eventualitäten oder vielleicht gewisse Prozesse besser im Griff haben können. Und nicht wie es während der ersten Welle war, dass auf einmal jeder einen Laptop brauchte. Laptops waren aber europaweit ausverkauft, weil man es vorher einfach nicht bedacht hatte, dass jemand im Homeoffice arbeiten kann. Grundsätzlich hätte es natürlich auch politisch viel besser laufen können. Aber wir befinden uns zum ersten Mal in einer solchen Situation und im Nachhinein zu sagen, was hätte besser sein können, ist immer leicht.

Abgesehen von Corona mit welchen Problemen haben Speditionen noch zu kämpfen?

Ich sehe, dass viele Speditionen ihre Prozesse nicht im Griff haben. Egal, ob es die Akquisitionsprozesse sind – zum Beispiel wie gewinne ich Kunden oder wie kann ich Kunden schneller abrechnen oder ob ich wirklich so viele Leute in der Verwaltung brauche und ob ich diese nicht in Produktivkräfte ummünzen kann, um vielleicht noch besser in Qualität oder Service zu werden. Grundsätzlich bezahlt uns der Kunde für den Transport von A nach B, aber es ist ja viel mehr als Speditionsunternehmen zu tun: Ordnungsgemäße Abrechnungen, Steuermeldungen, Umsatzsteuervoranmeldungen, Steuerabrechnungen, CMR beziehungsweise Dokumente bereitstellen,  Fachkräftemangel.

Viele Speditionen arbeiten nach wie vor sehr analog. Die Vorteile der Digitalisierung sind eigentlich allen bekannt, aber viele wissen nicht, wie man das Thema umsetzt. Wie macht man also den ersten Schritt in Richtung Digitalisierung ?

Wenn ich immer warte, dass der Computer günstiger wird und nie einen kaufe, dann werde ich irgendwann das Thema verschlafen haben. Grundsätzlich ist das für mich ein Wettrennen zwischen sogenannten digitalen und analogen Speditionen. Die Frage ist: Wird die digitale Spedition analog und kauft eigene Assets oder eine andere Firma, die das hat, oder wird die analoge Spedition digital. Das Schöne an unserer Branche ist, dass nicht alles digitalisiert werden kann. Egal, ob in der Disposition oder beim LKW-Fahren, man braucht Manpower. Deshalb ist das ein Wettrennen für mich. Aber ich glaube, dass es leichter ist, als analoge Spedition digital zu werden. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Es freut mich, dass Sie das Thema digitale Speditionen angesprochen haben, denn ich wollte auch darauf zu sprechen kommen. Im Sommer und im Herbst war das Unternehmen sennder in aller Munde. Die Spedition hat erst Everoad und dann das europäische Frachtgeschäft von Uber Freight übernommen. Nehmen klassische Speditionen solche Konkurrenz wie sennder ernst genug? Stellen digitale Speditionen eine Bedrohung für einen etablierten Mittelständler dar?

Teilweise. Ich vergleiche es gerne mit der Reisebranche. Früher sind meine Eltern wegen jeder Reise, egal ob es von München nach Hamburg ein Zugticket war, ins Reisebüro gegangen. Das macht heute kein Menschen mehr deswegen. Aber wenn ich in Afrika Babylöwen streicheln und Safari machen will,dann würde ich mich vielleicht in einem Reisebüro beraten lassen und nicht alles im Internet buchen. Ich glaube, dass die klassische Ladung beispielsweise von Hamburg nach München, die regelmäßig zur Verfügung steht, digital abgewickelt werden kann, wenn keine Zusatzservices notwendig sind, um Angebot und Nachfrage besser in Einklang zu bringen. Der Spediteur ohne eigenen Fuhrpark wird es hier schwierig haben – außer er verfügt über gewisse Zusatzleistungen in Sachen Zwischenfinanzierung oder Qualität oder einen Wissensvorsprung,den man zum Beispiel im Fall von Skandinavien-Transporten braucht, da diese mit gewissen Hürden verbunden sind.

Investieren ihrer Meinung nach Spedition genug in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter?

Nein! Ich arbeite sehr gerne mit Beispielen: Der typische Mensch sagt, dass er zu viele E-Mails bekommt. Er bekommt 30 Newsletter und klickt ein halbes Jahr auf „Löschen”, anstatt sich einfach abzumelden. Ähnlich ist es mit der Ausbildung in Speditionen. Man investiert nicht die Zeit, um Mitarbeiter einzuschulen oder Quereinsteiger fit zu machen. Und dann, wenn die Frage kommt, warum man ein bestimmtes Feld im Transportmanagementsystem so ausfüllt, lautet die Antwort: “Keine Ahnung! Das haben wir immer schon so gemacht. “ Das hat nichts mit Wissensmanagement zu tun.

Sie betreiben eine E-Learning-Plattform. Während der ersten Corona-Welle im Frühjahr war der Erwerb und die Verlängerung von Berufsqualifikation in der Transport- und Logistikbranche ein großes Problem. In welchem Maß kann man Schulungen in diesen Branchen ins Internet verlegen?

Mehr als wir gedacht haben, weniger als wir erhofft haben. Ich gebe ein paar Beispiele. Was das ergonomische Fahren angeht, kennt jeder, der einen Führerschein gemacht hat, viele Sachen – wie man aufrecht sitzt, dass man nicht stark beschleunigen soll und dass man vielleicht im Stand den LKW mal ausschalten sollte. Es ist einfach wichtig, auch wenn man ein Fahrsicherheitstraining für PKW macht, sich viele Sachen wieder einfach mal gedanklich in den Kopf zu holen und und wieder an bestehendes Wissen erinnert zu werden. Oder wenn ich Onboarding für neue Mitarbeiter mache, erzähle was für ein Unternehmen wir sind, was wir machen und wie unser Transportmanagementsystem funktioniert und welche Bonitätsrichtlinien wir haben, funktioniert das online super. Sogar besser als wie in Präsenz. Jetzt kommt das große aber: Wie viele Bücher müsste ich lesen, um Mechaniker zu werden? Irgendwann muss man in die Praxis gehen und auch mal an dem Motor eines Autos schrauben. Das heißt im Fall von e-Learning sollte man nicht die Frage stellen, was man damit erschlagen kann, sondern wie man es sinnvoll verknüpfen oder einsetzen kann.

Stichwort:LKW-Fahrermangel. Ich habe 2019 ein Interview mit Andrea Kocsis von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in Deutschland geführt. Ich habe sie damals gefragt, ob Unternehmen genug gegen den Fahrermangel machen und sie hat damals mit einem klaren “Nein” geantwortet. Jetzt würde ich gerne von Ihnen eine Antwort auf diese Frage bekommen.

Nein. Wir machen das noch schlimmer. Durch Corona wurde das Problem noch verschärft:Rasthöfe sind gesperrt, es gibt keine Hygiene-Möglichkeiten, Mitarbeiter werden in Kurzarbeit geschickt. Sie verdienen dann zwar weniger, aber dafür sind sie zu Hause bei ihrer Familie.Ich glaube auch, dass das Thema noch stärker zunehmen wird, vor allem wenn die Wirtschaft an Aufschwung gewinnt

Was sollte passieren, dass der Fahrerberuf wieder ein wenig attraktiver wird?

Das kommt darauf an. Es gibt ja verschiedene Formen von LKW-Fahrern – die, die täglich im LKW  leben oder die, die abends zu Hause sind. Es gibt natürlich die Abenteurer der Landstraße, die das natürlich gerne machen. Aber viele machen es nur, weil sie dafür Geld bekommen. Das wäre auch ein Thema für die Digitalisierung: Wie kann man die Wünsche der Menschen mitdisponieren. Ich kann dem Transportmanagement sagen, dass die Sendung am Mittwoch um 10 Uhr zugestellt werden muss.Und ich kann das im System erfassen. Aber vielleicht könnte man auch Dispositionen und Wünsche von Menschen miteinbeziehen. Zum Beispiel dass der Fahrer zu der Einschulung seines Sohnes zurück ist oder fix am Wochenende oder auch mit intermodalen Geschäftsmodellen trotzdem jeden zweiten Abend daheim ist. Hier könnte man mithilfe der Digitalisierung sehr viel machen. Wir müssen den Fahrerberuf attraktiver machen. Die Erde ist eine Kugel. Wir wandern sehr stark Richtung Osten ab, aber irgendwann sind wir wieder bei uns. Ich kenne jetzt nicht die genaue Statistik, aber Polen hat eine geringere Arbeitslosenquote als Spanien. Jeder denkt aber immen an den osteuropäischen Fahrer.  Doch das Thema kann man sicherlich anders angehen. Das Wichtigste ist aber, dass wir den Job wertschätzen müssen. In dem Film “Titanic” hat die Band Geige gespielt, während das Schiff unterging. Und so sind mir unsere Fernfahrer vorgekommen. Wir waren im Lockdown, aber die Supermärkte mussten beliefert werden. Damals waren es unsere Helden zusammen mit den Supermarkt -Angestellten. Sechs Monate später haben wird das wieder vergessen

Sollte man das Gehalt für LKW-Fahrer anheben?

Ich würde es nicht gerne um das Geld machen. Ich sage ja, das Problem ist oft bei den Speditionen mit Angebot und Nachfrage. Wir haben es heute mit einem Verdrängungsmarkt zu tun. Es gibt Leute, die sagen, dass sie es einfach günstiger machen. Und dann wird mit den Börsen geschimpft. Aber im Endeffekt ist ja nicht die Börse schlimm, sondern derjenige, der den Transportauftrag annimmt.Hier müsste gesagt werden: Wir haben einen Mindestlohn für LKW-Fahrer, der miteinkalkuliert wäre wie die Maut zum Beispiel. Aber das Problem sind diejenigen, die es aus Gier versuchen günstiger zu machen. Es ist also auch innerhalb der EU ein Problem.

Eine weitere Herausforderung für Speditionen sind die Klimaziele. Viele Unternehmen zweifeln daran, ob diese zu erreichen sind. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Meiner Meinung nach ist die Ökonomie die Hure der Konjunktur.Wir brauchen Klimaziele, da wir den Planeten vorübergehend nutzen und ihn für unsere Kinder und Enkelkinder so gut wie möglich erhalten wollen. Aber es kann nicht sein, dass wir uns hier in Deutschland Klimaziele setzen, aber in Afrika Batterien oder Rohstoffe für Batterien einkaufen, um die Ziele in Europa einzuhalten Wir haben globale Probleme, agieren aber nur länderspezifisch oder höchstens auf EU-Ebene.

In Deutschland wurde neuerdings die Abwrackprämie beschlossen – auch für LKW der Emissionsklassen III, IV und V. Finden Sie diese Maßnahme sinnvoll oder kontraproduktiv?

Grundsätzlich sind solche Maßnahmen besser als nichts. Ich glaube aber nicht, dass eine mittelständische Spedition, die in Leasingverträgen agiert, deswegen die Masse der Flotten nicht austauschen wird.

Wie bringt man also Speditionen dazu, in neue Technik und Fahrzeuge mit alternativen Antrieben zu investieren?

Ein Riesenthema ist die Maut. Was für einen Sinn macht Elektro, wenn es aus Atomkraft kommt. Ich wohne in Österreich, wo es keine Atomkraft gibt. Die Frage ist, ob es vielleicht was anderes gibt. Vielleicht ist es nur eine Übergangstechnologie. Vielleicht ist Wasserstoff die Zukunft oder oder vielleicht irgendetwas, was wir heute noch nicht kennen. Definitiv macht aber eine Maut-Erleichterung Sinn.

Kann man die Klimawende schaffen ohne den Straßengüterverkehr zu verteuern?

Es gibt immer einen Tod, den man sterben muss. Es muss in neue Technologien investiert werden. Das ist mit Geld und mit Investment verbunden. Jeder möchte das Paket über Prime am nächsten Tag geliefert bekommen, aber deswegen nicht mehr LKW oder Züge haben. Man kann aber nicht in den Himmel kommen ohne zu sterben.

Foto: Andreas Rinnhofer

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