Es geht nicht um den Übergang von einer analogen zu einer digitalen Spedition. Das wäre zu kurz gedacht. Die zunehmende Digitalisierung wird vielmehr dazu führen, dass immer mehr in Netzwerken gearbeitet wird. Dabei werden Produktion, Handel und Logistik-Dienstleister stärker zusammenarbeiten und auf lange Sicht gemeinsame Geschäftsmodelle generieren, sagt Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender des Vorstands, Bundesvereinigung Logistik.

Natalia Jakubowska, Trans.INFO: Warum tut sich Deutschland mit dem digitalen Wandel so schwer?

Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender des Vorstands, Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V.: Tut Deutschland sich wirklich schwer? Mein Eindruck ist ein anderer: Schon 2018 wurde in der PwC-Studie „Digitisation“ herausgearbeitet, Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) seien die wichtigsten Zukunftstrends, gefolgt von der elektronischen Bezahlung und dem autonomen Fahren. 44 Prozent der Befragten befürworteten den Einzug der Digitalisierung in alle Lebensbereiche.Im pandemiegetriebenen Lockdown im Frühjahr 2020 gab es in Deutschland einen Schub in der Digitalisierung. So hat sich der Anteil der Beschäftigten im Homeoffice auf 23% mehr als vervierfacht. Laut infas setzen jetzt 57% aller 1.475 Befragten zwischen 16 und 69 Jahren beim Einkaufen vermehrt auf Kartenzahlung. Zugleich haben 47 Prozent ihren Bargeldeinsatz deutlich reduziert. Einig sind die Befragten, dass die digitale Revolution Jobs schafft. Mit neuen digitalen Mitteln sei ein hoher Anstieg in der Produktivität und Effizienz der Arbeitskräfte zu erwarten, jedoch stiegen damit zugleich die Anforderungen an die Unternehmen und die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit verschwimmen. Ein Resultat des digitalen Wandels und der Bereitschaft zur Flexibilität war und ist, dass die Ver- und Entsorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs in Deutschland gut funktioniert – auch in Krisenzeiten. Schon in „normalen“ Zeiten sind die Logistik-Aufgaben nicht trivial und bedürfen der Expertise und perfekter Organisation. Deutsche Unternehmen und die deutsche Volkswirtschaft sind robust und erfolgsverwöhnt – durch eine gute Mischung aus Industrie, Handel und Dienstleistung in einem politisch verlässlichen Umfeld. Vielleicht war der Innovationsdruck nicht immer hoch genug für eine Vorreiterrolle. Clayton Christensen bezeichnet dieses Phänomen als „Innovators Dilemma“: Durch den Erfolg des aktuellen Geschäftsmodells wird das neue, disruptive Szenario nicht erkannt oder unterschätzt. Hinzu kommt eine angespannte Personalsituation, die wenig Raum für strategische Überlegungen und Change-Prozesse lässt.

Ganz anders sieht das in China aus. Das Land ist globaler Vorreiter im Bereich Digitalisierung. Ist das ein Grund zur Sorge? Stellt China eine Bedrohung für Deutschland dar?

Ist das so? Aus meiner Sicht stellt sich China als Vorreiter der Digitalisierung dar, denn mit dieser soll Transparenz in Wirtschaft und Gesellschaft geschaffen werden – manchmal sogar mehr als Betroffene dies wünschen. China ist wirtschaftlich ein starker Global Player und somit mal Lieferant, mal Wettbewerber im Weltmarkt. Das ist keine Bedrohung, sondern eine gesunde Herausforderung zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft. Unter den hiesigen marktwirtschaftlichen Bedingungen stellt der digitale Wandel neue Anforderungen an die Führung in Unternehmen. Maßnahmen zu verordnen und diese im Unternehmen durchzusetzen, ist selten zielführend. Eine Unternehmenskultur, in der digitaler Wandel täglich und miteinander gelebt wird – auf jeder Ebene eines Unternehmens – ist in deutschen Unternehmen der richtige Weg.

Von welchem Land könnte Deutschland lernen?

Von jedem, denn ein Blick über den Tellerrand und der Austausch mit anderen Menschen und anderen Kulturen ist immer sinnvoll. Denken wir beispielsweise an Estland oder auch an den gesamten skandinavischen Raum, wo die Menschen mit viel Pragmatismus und Umsetzungsfreude die Chancen der Digitalisierung nutzen und wo die staatlichen Stellen als Katalysatoren wirken. Oder denken wir an den unternehmerischen Geist der USA mit einer insgesamt höheren Risikobereitschaft als bei uns. Dafür punkten wir in Deutschland mit Präzision, Effizienz und Zuverlässigkeit.

Nimmt die Politik das Thema der Digitalisierung ernst genug? Geht da Ihrer Meinung mehr? Zum Beispiel in puncto Bewusstseinsbildung? Wo würden Sie eventuellen Handlungsbedarf sehen?

Lassen Sie uns einen Blick auf die digitale Infrastruktur werfen. Sie ist in Deutschland nach wie vor nicht auf dem Stand, der für eine flächendeckend erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung erforderlich wäre. Die BVL weist seit Jahren auf diese Schwachstelle hin. Die verstärkte Nutzung von digitalen Tools im Lockdown hat gezeigt, dass die meisten Unternehmen sich recht schnell auf neue, digitale Arbeitsweisen umstellen konnten. Anders sieht es in vielen Schulen aus. Deren Defizite in der Ausstattung mit Hardware, Software und Know-how wurden überdeutlich sichtbar. Deutlich wurde auch, dass die jetzige Schülergeneration keineswegs nur aus digital Natives besteht. Viele Schüler haben offenbar keine ausreichende IT-Ausstattung zur Verfügung, um beim webbasierten Lernen mittun zu können. Auch da besteht Handlungsbedarf. In Schule, Ausbildung und Studium wird der Grundstein für künftigen Erfolg gelegt. Wir wissen jetzt noch deutlicher als vor einem halben Jahr: es gibt viel zu tun!

Und wie sieht es mit den gesellschaftlichen Konsequenzen der digitalen Transformation aus? Viele fürchten Jobverlust. Ist diese Angst begründet?

Im Gesamtergebnis nein. Leider gibt es auch in Deutschland Theorien, in denen die Sorge vor Arbeitsplatzverlust die Neugier auf neue Technologien und die Vorfreude auf neuartige Arbeitsplätze überlagert. Das ist menschlich verständlich. Was prognostizieren Experten? Laut einer Ifo-Analyse aus dem Jahr 2019 wird sich das Gesamtniveau der Beschäftigung in den nächsten zehn Jahren in Deutschland kaum verändern, aber es wird Verschiebungen innerhalb der Arbeitswelten hinsichtlich Branchen-, Berufs- und Anforderungsstruktur geben. Berufe mit hohem Anforderungsniveau werden zulegen (plus 800 Tsd.), Helfertätigkeiten (minus 60 Tsd.) und vor allem fachliche Routinetätigkeiten werden an Bedeutung verlieren (minus 770 Tsd.). Das sind im Saldo minus 30 Tsd. Arbeitsplätze. Also in einem sehr kleinen Segment ja, es werden einige wenige traditionelle Arbeitsplätze verloren gehen. Doch dieses Minus fällt schon durch den Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1965 nicht ins Gewicht. Zudem entstehen durch die Digitalisierung viele neue Aufgaben und damit Beschäftigung und Einkommensquellen für die Menschen. Das ist ein Prozess, den Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam gestalten sollten und für den die Politik die Rahmenbedingungen schaffen muss.

Ich würde jetzt gerne auf die Bereiche Transport und Logistik eingehen. Was konkret bedeutet Digitalisierung für diese Branchen?

Ob in der Produktion, bei der Verwaltung der Umlauf- und Lagerbestände, bei der Planung und Durchführung von Transporten, beispielsweise in der Auslieferung an den Endkunden – die Digitalisierung verändert logistische Prozesse grundlegend. Smart Factories, Produktion in Losgröße 1, Just-In-Sequence- und Just-In-Time-Lieferungen sowie die gesamte Welt des E-Commerce erfordern Transparenz in den Wertschöpfungsketten im Supply Chain Management. Intelligent und unternehmensübergreifend eingesetzte digitale Tools können diese Transparenz gewährleisten und damit neue Planungs- und Steuerungsmöglichkeiten schaffen. Echtzeitdaten verbessern die Entscheidungsgrundlagen für Produktions- und Logistik-Verantwortliche in Industrieunternehmen – und für die Nachschubsteuerung im Handel. So werden Lieferketten flexibler und widerstandsfähiger.

Und wie sieht es in der Praxis aus? Womit sollte man als Unternehmen anfangen?

Es klingt so einfach: mit der Qualität der Daten. Bedarfsprognosen, Daten über Materialflüsse und Kostenstrukturen müssen mit mehreren Akteuren entlang der Wertschöpfungskette geteilt werden. Nur so können Komplexität beherrscht und neue Geschäftsmodelle implementiert werden. Was genau im Vordergrund steht, hängt vom einzelnen Unternehmen ab. Meine Empfehlung ist, mit kleineren, konkreten Projekten zu starten und nicht gleich das ganze Unternehmen auf den Kopf stellen zu wollen. Erfolgreiche Teilprojekte geben Vertrauen und so kann die gesamte Weiterentwicklung besser gesteuert werden – und die Mitarbeiter/innen sind motiviert und mit eigenen Ideen bei der Sache.

Sind Innovationen und Digitalisierung immer mit hohen Kosten verbunden? Besonders kleine und mittlere Unternehmen befürchten, dass sie nicht ausreichend Finanzkraft haben, um den Wandel zu schaffen.

Es gibt rund 80.000 Logistik-Dienstleistungsunternehmen in Deutschland – von Global Players bis hin zu Mittelständischen und Kleinstunternehmen. Eine aktuelle Studie von PwC hat ergeben, dass man sich dort sehr bewusst ist, dass Logistik 4.0 ohne Investitionen nicht gelingen kann: 34 Prozent wollen in den kommenden fünf Jahren über fünf Prozent ihrer gesamten Investitionen in die Digitalisierung stecken, beispielsweise in Warehouse-Management-Systeme oder in den Einsatz von Sensortechnologie. Vielleicht haben dabei gerade die kleinen und mittleren Unternehmen eine entscheidende Stärke: Wer konsequent altes Denken und herkömmliche Strukturen überwindet und sich auf digitale Prozesse einlässt, kann viele Kosten einsparen. Beweglichkeit in der Organisation, kurze Entscheidungswege und Führung nah an den Mitarbeitern sind zudem von großem Wert.

Wie sieht für Sie die digitale Spedition der Zukunft aus?

Es geht nicht um den Übergang von einer analogen zu einer digitalen Spedition. Das wäre zu kurz gedacht. Die zunehmende Digitalisierung wird vielmehr dazu führen, dass immer mehr in Netzwerken gearbeitet wird. Dabei werden Produktion, Handel und Logistik-Dienstleister stärker zusammenarbeiten und auf lange Sicht gemeinsame Geschäftsmodelle generieren. Die Kunden geben mit ihren Wünschen den Takt vor. Daraus ergeben sich neue Anforderungen, um die Schnittstellen optimal zu gestalten. Einige Logistikdienstleister werden den Charakter von Softwareunternehmen haben und Plattformen betreiben. Andere werden sich auf physischen Transport und Lagerung konzentrieren, dabei aber von der digitalen Steuerung der Prozesse profitieren. Beide können miteinander und voneinander lernen.

Was hat sich infolge von Corona in der deutschen Logistikwirtschaft geändert? Vor welchen Herausforderungen steht jetzt Deutschland?

Der Lockdown war ein Stresstest, der Schwächen aufgedeckt hat, die im Normalbetrieb nicht erkannt oder nach Abwägung von Kosten und Risiken in Kauf genommen worden sind. Dazu gehören die Reichweite der Lagerhaltung, das Single-Sourcing, die Kenntnisse über Partner in der Wertschöpfungskette. Die Unternehmen sind bereits dabei, in diesen Bereichen Änderungen vorzunehmen und verstärken ihr Risikomanagement. Geändert hat sich auch der Blick auf die Digitalisierung. Der Prozess ist in vollem Gang, aber die Sondersituation hat zweierlei gezeigt: Erstens, dass Digitalisierung die Antwort auf zahlreiche Risiken ist. So kann bei gemeinsamem Einsatz digitaler Tools zum Nutzen aller Beteiligten partnerschaftlich gearbeitet werden. Zweitens: Digitale Tools können in der Praxis viel schneller eingeführt werden, als mancher Projektplan das vorsieht. Unter dem plötzlichen Druck, Abläufe verändern zu müssen, ging manches in atemberaubendem Tempo – und die Mitarbeiter/innen waren mit Begeisterung dabei, Lösungen zu finden und umzusetzen. Wenn etwas von dieser Hands-on-Haltung und etwas von der Risikobereitschaft in die Nach-Corona-Zeit übertragen werden kann, dann gelingt es uns, eine Krise in Chancen zu überführen. Wenn staatlicherseits ähnliche Schlussfolgerungen gezogen, zügig und konsequent rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen sowie Infrastruktur und eigene digitale Angebote ausgebaut werden, dann haben wir das lange vermisste Momentum erreicht.

Welche Trends werden die Logistik in den nächsten fünf Jahren prägen?

In der gerade veröffentlichten Trends- und Strategien-Studie der BVL werden folgende Erkenntnisse zusammengefasst: Die drei Top-Themen der nächsten Jahre sind die Digitalisierung der Geschäftsprozesse, die Transparenz in der Wertschöpfungskette und der allgegenwärtige Kostendruck. Eng mit Digitalisierung und Transparenz verbunden sind Vernetzung und die Bereitschaft zum vertrauensvollen Datenaustausch sowie Künstliche Intelligenz, Business Analytics und Robotik. Aspekte des Kostendrucks sind verändertes Kaufverhalten, Nachfrageschwankungen, Risiken und Unterbrechungen, aber auch Protektionismus und eine theoretisch mögliche De-Globalisierung. Unter den Top-Trends sind auch die Nachhaltigkeit logistischer Abläufe und der Fachkräftemangel. Vielfältige Informationen zu den Trends gibt es im Internet unter www.bvl-trends.de.

Foto: BVL

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