Die wichtigsten Punkte:
- Der Versuch fand unter kontrollierten Bedingungen auf einer abgesperrten Teststrecke statt.
- Die Fahrer wussten nicht, wann ihre Windschutzscheiben unvermittelt mit Wasser bedeckt werden und die Sicht verschwinden würde.
- Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus: Einige nahmen den Fuß vom Gas, andere bremsten stark oder lenkten abrupt.
- Der Test sollte weder eine bestimmte Reaktion als „richtig“ festlegen noch die Fahrfähigkeiten der Teilnehmer bewerten.
- Die Experten von Girteka empfehlen, Geschwindigkeit, Abstand und Fahrweise anzupassen, bevor sich die Bedingungen verschlechtern.
- Im Herbst und Winter steigt das Risiko, weil Regen, schlechte Sicht und nasse Straßen häufiger auftreten.
Der Versuchsaufbau war bewusst einfach gehalten: Ein Pkw fuhr über eine nasse Fahrbahn; zu einem nicht angekündigten Zeitpunkt traf eine große Wassermenge auf die Windschutzscheibe. Die Teilnehmer wussten nicht, wann dies geschehen würde.
Eine vergleichbare Situation kann sich im Straßenverkehr jederzeit ereignen – etwa wenn ein Pkw bei starkem Regen neben einem Lkw fährt oder ihn überholt. Die großen Reifen eines schweren Fahrzeugs können so viel Wasser aufwirbeln, dass die Sicht des daneben fahrenden Autofahrers stark eingeschränkt oder vollständig blockiert wird.
Auch wenn die Sicht meist nur wenige Sekunden lang eingeschränkt ist, hat der Fahrer in dieser Zeit kaum Informationen darüber, was vor ihm geschieht.
Manche bremsten, andere lenkten
Die Teilnehmer reagierten sehr unterschiedlich. Einige nahmen den Fuß vom Gaspedal, andere traten kräftig auf die Bremse. Wieder andere lenkten abrupt.
Auch die Zeit bis zur Reaktion und bis zur Wiederherstellung einer klaren Sicht unterschied sich von Fahrer zu Fahrer.
Selbst ein sehr erfahrener Fahrer kann von einem solchen Moment überrascht werden. Wenn die Sicht plötzlich verschwindet, entsteht schnell der Impuls, sofort etwas zu tun – zu bremsen, die Richtung zu ändern oder auszuweichen. Unüberlegte und hektische Reaktionen können die Lage jedoch noch gefährlicher machen, erklärt Singaras Čepaitis, Leiter der Fahrerschulung bei Girteka.
Girteka wollte mit der Übung weder einzelne Fahrer beurteilen noch feststellen, welche Reaktion grundsätzlich die beste wäre. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Frage, wie stark menschliches Verhalten den Verlauf eines Notfalls beeinflusst – und wie wenig Zeit oft bleibt, um die Situation ruhig und rational einzuschätzen.
Die entscheidenden Weichen werden früher gestellt
Nach Einschätzung der Girteka-Experten beginnt das Risiko häufig, bevor die Sicht tatsächlich verloren geht.
Nasse Straßen verlängern den Bremsweg und verringern die Haftung. Regen, Schmutz und schlechtere Lichtverhältnisse erschweren zusätzlich den Blick auf den weiteren Straßenverlauf. Wer bei solchen Bedingungen zu schnell fährt oder zu wenig Abstand hält, hat im Ernstfall deutlich weniger Zeit und Raum zum Reagieren.
Verkehrssicherheit hängt nicht nur davon ab, wie gut ein Fahrer reagiert, sobald eine Gefahr entsteht. Ebenso wichtig sind die Entscheidungen davor. Geschwindigkeit, Abstand und die Aufmerksamkeit für das Umfeld bestimmen unmittelbar, wie viel Zeit und Raum in einer überraschenden Situation bleiben, sagt Mindaugas Paulauskas, CEO von Girteka Transport.
Čepaitis zufolge sollten Fahrer bei einem plötzlichen Sichtverlust hektische Lenkbewegungen und eine Panikbremsung vermeiden. Stattdessen sollten sie versuchen, das Fahrzeug stabil zu halten.
Noch wichtiger ist es jedoch, vorher eine Sicherheitsreserve aufzubauen: die Geschwindigkeit zu reduzieren, den Abstand zu vergrößern, die Wetterlage einzuschätzen und sicherzustellen, dass Reifen und Scheibenwischer in gutem Zustand sind.
Ein Lkw kann die Gefahr zusätzlich verschärfen
Wasserfontänen sind im Umfeld schwerer Fahrzeuge besonders problematisch. Die größeren Reifen schwerer Fahrzeuge verdrängen mehr Wasser und können deshalb eine deutlich größere Wasserwelle gegen die Windschutzscheibe eines Autos schleudern als die Reifen eines vorbeifahrenden Pkw.
Wer bei starkem Regen einen Lkw überholen will, sollte daher mit einem kurzzeitigen Sichtverlust rechnen. Moderne Sicherheitssysteme können dieses Risiko nicht beseitigen. Geschwindigkeit, Abstand und die Entscheidungen des Fahrers bleiben entscheidend.
Im Herbst und Winter steigt das Risiko
Wenn sich die Wetterbedingungen verschlechtern, wird die Situation kritischer. Kürzere Tage, häufigerer Regen, nasse Fahrbahnen und rasch wechselnde Verhältnisse erfordern eine frühzeitige Anpassung der Fahrweise.
Das gilt sowohl für Pkw-Fahrer als auch für Berufskraftfahrer.
Wer eine große Transportflotte führt, darf Sicherheit nicht allein von der Erfahrung oder der schnellen Reaktion einzelner Fahrer abhängig machen. Sie muss durch Schulungen, klare Abläufe, eine ordnungsgemäße Fahrzeugwartung und kontinuierliche Risikoprävention fest im Betrieb verankert werden, betont Paulauskas.
Erfahrung ersetzt keinen Sicherheitsabstand
Der Versuch liefert keine allgemeingültige Anleitung dafür, wie jeder Fahrer auf einen plötzlichen Sichtverlust reagieren sollte. Er macht jedoch deutlich, dass ein überraschender Moment sehr unterschiedliche und oft instinktive Reaktionen auslösen kann. Die entscheidende Fähigkeit besteht deshalb nicht darin, die Situation im letzten Augenblick zu „retten“, sondern das Risiko bereits vorher zu verringern.
Niemand kann kontrollieren, wann ein vorbeifahrender Lkw eine Wasserfontäne aufwirbelt. Kontrollierbar sind dagegen die eigene Geschwindigkeit, der Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und der Raum, den man sich für eine Reaktion lässt.









