Das globale Forschungs- und Beratungsunternehmen Gartner hat sechs Schlüsselfaktoren beschrieben, die Unternehmen bewerten sollten, bevor sie die Resilienz ihrer Lieferketten bestimmen können. Gartners Hinweise könnten sich angesichts des zunehmenden Protektionismus als entscheidend erweisen.

Die Volkswirtschaften beschränken ihre externe Integration, um sich auf ihre eigenen Angelegenheiten zu konzentrieren. Einige Supply-Chain-Manager folgten diesem Beispiel, indem sie ihre Abhängigkeit von China verringert haben, insbesondere nachdem die COVID-19-Pandemie „Risse” in der Resilienz der Lieferketten in diesem Land aufgedeckt hatte. 

Kamala Raman, Senior Director Analyst bei Gartner Supply Chain Practice, warnt jedoch davor, dass keine Änderungen an globalen Lieferketten vorgenommen werden sollten, indem man integrale Geschäftsbeziehungen aufgibt.

Die Trennung der US-Wirtschaft und der chinesischen Wirtschaft ist nicht gleichbedeutend mit einer Diversifizierung zur Sicherung der Resilienz. Diese erste wird als binäre Alles-oder-Nichts-Aktivität angesehen, die angesichts des hohen Integrationsgrades der beiden Wirtschaften kostspielig oder sogar unmöglich sein kann. Andererseits ist die Verbesserung der Resilienz eine großartige Idee , sagt Kamala Raman.

Was aber selbstverständlich ist: Leichter gesagt als getan. Gartner betont, dass die Verbesserung der Resilienz der Lieferkette „teuer, anspruchsvoll und zeitaufwändig” sein kann, während ein einheitlicher Ansatz einfach nicht realisierbar ist. Um die Resilienz der Lieferkette eines Unternehmens unabhängig von der Größe zu bestimmen, hat Gartner sechs Schlüsselfaktoren identifiziert, die berücksichtigt werden sollten. Sie gestalten sich, wie folgt: 

 

Risikobereitschaft

Der erste von Gartner identifizierte Faktor ist die „Risikobereitschaft”, die bestimmt, inwieweit ein Unternehmen bereit ist, Risiken einzugehen.

Gartner glaubt, dass die Risikoaversion ihr eigenes Risiko verbirgt. Wer nämlich keine Risiken eingeht, kann nicht innovativ handeln. Dies führt wiederum zu einem Verlust von Marktanteilen, weil Wettbewerber die Vorteile von Innovationen dann nutzen, wenn sie Risiken eingehen. Daher wird empfohlen, dass Unternehmen zusammenarbeiten und ihre eigenen Aussagen zur Risikobereitschaft bewerten.

Eine Risikoappetit-Erklärung sollte eine Reihe von Faktoren identifizieren, erklärt Koray Köse, ein Gartner-Analyst.

Es ist zu beschreiben, inwieweit Risiken eingegangen werden müssen, um strategische und operative Ziele zu erreichen, wettbewerbsfähig zu bleiben und die Flexibilität zu erhöhen. In Zeiten der Unsicherheit, in denen unterschiedliche geopolitische Ereignisse einen enormen negativen Einfluss auf die Lieferketten haben können, ist eine Erklärung über Risikobereitschaft, die von allen Beteiligten akzeptiert und geschätzt wird, wichtiger denn je , erklärt Koray Köse.

Neben der Erklärung über Risikobereitschaft erwähnt Gartner auch „Risikoüberwachungsausschüsse”, die die Reaktionen auf Risikoereignisse überwachen und steuern sollen, wenn diese auftreten.

Auch Technologie ist der Schlüssel zur Bestimmung der Risikobereitschaft, aber das Beratungsunternehmen betont, dass derzeit nur sehr wenige KI- Anbieter über eine wirklich „funktionierende Lösung” verfügen. Da jedes Unternehmen in Größe und Umfang unterschiedlich ist, empfiehlt Gartner  mit Finanz- und IT-Abteilungen eng zusammenzuarbeiten. Dabei sollte ein individuelles Budget vereinbart werden, das sicherstellt, dass die Risikobereitschaft richtig eingeschätzt wird.

 

Schlüssel-Partner

Ein weiterer Faktor auf der Gartner-Liste sind „Schlüssel-Partner”. Dies gilt für die wichtigsten Lieferanten der Organisation, die möglicherweise nicht über die Ressourcen verfügen, um in ein diversifiziertes Netzwerk zu investieren. Sollte sich herausstellen, dass ein Lieferant die Diversifizierungsstrategie nicht unterstützen kann, sollten laut Gartner „unterstützende Maßnahmen” wie Verlangsamung oder Suche nach Partnern mit einer größeren Erfahrung in Betracht gezogen werden.

 

Was genau schützen wir?

Der dritte Schlüsselfaktor von Gartner liegt auf der Hand. Unternehmen müssen nur überlegen, was genau sie schützen wollen und wie wichtig dies für sie ist. Wie Kamala Raman erklärt, können Unternehmen dann bestimmen, wie viel Resilienz und Diversifizierung ihre Lieferkette erfordert.

Wenn Sie eine Entscheidung treffen, identifizieren Sie zunächst, was genau Sie schützen möchten – Produktlinie, Verträge oder vielleicht Marktzugang. Und denken Sie dann darüber nach, wovor Sie sich schützen möchten: exklusive Beschaffungsrisiken, steigende Arbeitskosten,  Vorlaufzeiten oder andere Belastungen. Die Antworten auf diese Fragen geben Ihnen eine Vorstellung davon, wie viel Resilienz und Diversifizierung Ihre Lieferkette wirklich benötigt , erklärt Raman.

Kompromissentscheidungen

Der vierte Faktor, der bei der Beurteilung der Resilienz einer Lieferkette berücksichtigt werden muss, sind die Kompromisse, die Unternehmen eingehen müssen, wenn sie wertvolle Zeit und Ressourcen investieren, um die bestehende Lieferkette zu diversifizieren.

Hier empfiehlt Gartner Unternehmen, die Resilienz der Lieferkette zu gewährleisten und sich gleichzeitig für ein neues Produkt oder eine neue Konfiguration zu entscheiden. Darüber hinaus betont das Beratungsunternehmen, dass Firmen auch die Opportunitätskosten berücksichtigen müssen, wenn sie eine revolutionäre Technologie wie 5G nicht einführen.

Wer wird Kosten dafür tragen?

Der vorstehende Faktor führt uns dann zu der Frage, wer Kosten für eine Investition in den Aufbau von Resilienz zahlen wird. Laut dem Senior Director Analyst ist es schwierig, das richtige Gleichgewicht zwischen der Übernahme von Kosten und deren Weitergabe an den Verbraucher zu finden.

„Bei jeder Investition muss man ausgewogene Entscheidungen treffen. Die Organisation kann beschließen, die Kosten zu decken, diese mit  Lieferanten zu teilen oder Preise für Kunden zu erhöhen. Ebenso können die Kosten für die Nichtinvestition in Resilienz hoch sein. Zu den Nachteilen können steigende Kosten, längere Vorlaufzeiten, geringere Kundenzufriedenheit oder negative Auswirkungen auf die Marke gehören“, listet Kamala Raman auf.

Innenpolitik, Subventionen oder Handelspartner

Unternehmen sollten auch die Politik, staatliche Subventionen und Handelspartner berücksichtigen. Gartner weist darauf hin, dass viele Länder vielversprechende Lösungen und Subventionen diesen Firmen anbietet, die ihre Werke zurück in das Herkunftsland oder in der Nähe der Endverbraucher verlagern wollen. In so einem Fall kann sich die Investition in den Aufbau der Infrastruktur als rentabel erweisen. 

Foto: Pixabay

 

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