Mit der fortschreitenden Digitalisierung in der Transportbranche nehmen neue Betrugsformen zu – etwa über fingierte Speditionen oder gestohlene Unternehmensidentitäten. Die Ermittlungen in Spanien zeigen jedoch, dass Tätergruppen weiterhin Ladung direkt aus fahrenden Fahrzeugen entwenden. Häufig fällt der Verlust erst beim nächsten Halt oder sogar erst am Entladeort auf.
Ermittlungen mit Verbindungen in mehrere EU-Staaten
Im Zuge der Operation nahm die Guardia Civil zehn Mitglieder einer kriminellen Organisation fest. Ihnen werden elf Diebstähle in Spanien zur Last gelegt, begangen zwischen Februar und Mai 2026. Den Schaden durch die entwendeten Waren beziffern die Ermittler auf insgesamt 481.000 Euro.
Nach Angaben der spanischen Behörden verfügte das Netzwerk über Unterstützungsstrukturen in mehreren Ländern, darunter Frankreich, Italien, Deutschland und das Vereinigte Königreich. Um Spuren zu verwischen, wechselten die Beteiligten regelmäßig ihre Rollen, nutzten angemietete Wohnungen und Fahrzeuge und traten mit falschen Identitäten auf.
So funktioniert die „Surfer“-Masche
Für die Angriffe nutzte die Gruppe ein speziell umgebautes Fahrzeug, das neben dem ausgewählten Lkw fuhr. Zugeschlagen wurde demnach in Situationen, in denen der Fahrer verlangsamen musste – etwa an Steigungen.
Ein Täter kletterte aus dem modifizierten Fahrzeug (siehe Abbildung), stützte sich auf der Motorhaube ab und öffnete die Sicherung des Aufliegers mit einem Winkelschleifer oder einem ähnlichen Werkzeug. Anschließend stieg er in den Auflieger, wählte einen Teil der Ladung aus und reichte die Ware an einen Komplizen im Begleitfahrzeug weiter.
Der Diebstahl erfolgte, während beide Fahrzeuge in Bewegung waren. In vielen Fällen wurde der Verlust erst beim nächsten Halt festgestellt – oder erst am Entladeort.
Zur Absicherung setzten die Täter zudem zwei leistungsstarke Pkw ein: Sie beobachteten den Verkehr und bremsten ihn gezielt aus, um den ausgewählten Lkw zu isolieren und den Zugriff zu erleichtern.
Zugriff nach Diebstahl von Fernsehern
Am 13. Juni stellten die Beamten fest, dass mehrere Gruppenmitglieder nach Spanien eingereist waren und in Cox (Provinz Alicante) ein Haus als Basis angemietet hatten. In der Nacht vom 16. auf den 17. Juni nahmen die Täter auf der Autobahn A-7 in Richtung Madrid einen Lkw ins Visier und stahlen 16 Fernsehgeräte. Bereits einen Tag später durchsuchte die Guardia Civil das angemietete Objekt und nahm zehn Personen fest.
Bei der Durchsuchung stellten die Einsatzkräfte das umgebaute Fahrzeug sowie einen Lkw sicher, die bei den Taten genutzt worden sein sollen. Außerdem wurden die am Vortag entwendeten Waren, Werkzeuge, Kommunikationsmittel und Kennzeichen aus verschiedenen Ländern gefunden.
Schaden von 481.000 Euro
Die Ermittler bringen die Verdächtigen mit Diebstählen in den Provinzen Cáceres, Cuenca, Huesca, Toledo und Murcia in Verbindung. In Summe beläuft sich der Wert der gestohlenen Ladungen auf 481.000 Euro. Der größte Einzelvorfall betraf Tabakwaren im Wert von 400.000 Euro, die in Quintanar de la Orden (Provinz Toledo) aus einem Lkw entwendet wurden.
Gegen die Festgenommenen wird wegen Eigentumsdelikten ermittelt. Einer der Verdächtigen stand zudem aufgrund einer internationalen Fahndungsnotiz aus Österreich und Rumänien im Fokus. Ein Gericht in Orihuela ordnete Untersuchungshaft an.
Ladungsdiebstahl bleibt ein reales Risiko
In den vergangenen Jahren standen Transportunternehmen zunehmend unter Druck durch Cyberkriminalität, Betrug mit Scheinspeditionen und Manipulationen über Frachtenbörsen. Der Fall aus Spanien zeigt jedoch, dass auch klassische Delikte weiterhin zum Risikospektrum gehören.
Die zerschlagene Gruppe verdeutlicht, dass organisierte Täter parallel zu digitalen Angriffen weiterhin auf physische Methoden setzen. Das gewaltsame Öffnen von Aufliegern während der Fahrt bleibt damit ein Risiko, das Speditionen und Frachtführer in ihre Sicherheitskonzepte einbeziehen müssen.









