Das in Berlin ansässige Start-up Keemova setzt sich das Ziel die Straßenlogistik effizienter, transparenter und nachhaltiger zu machen. Im Interview erklärt Managing Director Marco Kremer, worin sich die Lösung des Start-ups von klassischen Transportinformationssystemen (TIS) unterscheidet und welche Themen aktuell den Markt beeinflussen.

Womit genau beschäftigt sich Ihr Startup? 

Keemova vernetzt die Informationssysteme von Sendern, Transporteuren und Empfängern in der Straßenlogistik und ermöglicht auf diese Weise einen digitalen Übergabeprozess von Frachtpapieren. 

Die Keemova API ist das Herz unseres Services. Konzipiert als Standardschnittstelle, lässt sich Keemova mit jedem Auftragsverwaltungssystem koppeln und stellt den angeschlossenen Nutzern in der Lieferkette aktuelle Auftrags- und Übergabeinformationen in Echtzeit und als Liefernachweis rechtssicher digital zur Verfügung. 

In der Straßentransportlogistik sind die Informationssysteme von Sendern, Transporteuren und Empfängern selten durchgängig miteinander vernetzt. Transport- und Übergabenachweise von Lieferwaren erfolgen deshalb weit verbreitet auf Papierbasis. Allein in Deutschland wurden 2019 schätzungsweise über 2,43 Mrd. Blatt Papier auf den Liefertouren mitgeführt, unterschrieben, gestempelt, weiterverteilt, eingescannt, gelocht, geheftet und abgelegt oder auch mal verloren. Ein EU-Bericht beziffert den Aufwand auf etwa 102 Mio. Arbeitsstunden oder 13-17 % der Arbeitslast bei Transporteuren. Das digitale Potenzial ist gewaltig. 

Keemova hat die Mission, dieses Potenzial zu heben – durch transparente, durchgängig digitale Prozesse. Das spart CO2 fürs Klima, kostbare Zeit der Mitarbeiter und jede Menge Geld für das Unternehmen. 

Digitalisierung, Green Economy und COVID19 sind drei Themen, die den aktuellen Markt stark beeinflussen. Keemova ist ein klassisches Digitalisierungsprodukt, in dem es traditionell papierbasierte Prozesse durch digitale ablöst und dabei den Nutzern durch Transparenz („Wie ist der Status meines Auftrages?“) und der Verfügbarmachung von Auftragsinformationen in Echtzeit einen echten Mehrwert liefert. Dieser Ansatz spart humane und physische Ressourcen und zahlt damit auf den Trend Green Economy ein. Nicht zuletzt verringert der digitale Übergabeprozess die physischen Kontakte, bzw. die Kontaktzeit zwischen den Nutzern in der Lieferkette und reduziert damit die Gefahr einer Ansteckung mit COVID 19.

Was ist einzigartig an Ihrem Produkt? Wie unterscheiden Sie sich von ähnlichen oder beliebten Lösungen auf dem Markt? 

Der Markt für digitale Logistiklösungen, die den Übergabeprozess von Frachtpapieren in den Fokus stellen, entsteht gerade erst. Es existieren daher noch vergleichsweise wenige Lösungen – in der DACH Region ist Keemova nach unserem Kenntnisstand tatsächlich ein Pionier. In Europa sind aktuell zwei Startups mit einem ähnlichen technischen Ansatz unterwegs (eCMR aus DK und TransFollow aus NL).

Von klassischen Transportinformationssystemen (TIS) unterscheiden wir uns in der Einfachheit der Integration und dem Fokus. TIS-Komplettlösung sind oft nur mit großem Aufwand in die Unternehmens-IT zu integrieren, was jeden Wechsel zu anderen Systempartnern zu einer strategischen Unternehmensfrage werden lässt. Etablierte TIS koppeln zudem den Einsatz ihrer Software auf der Straße häufig an eigene Hardwaresysteme, die auf den LKWs installiert, mitgeführt und regelmäßig gewartet werden müssen. Elektronische Frachtpapiere sind dann auch nur ein Service unter vielen in ihren komplexen Systemen. Übergabeinformationen verbleiben wiederum im Mikrokosmos des TIS, wenn sie nicht mit den Nachfolgesystemen verbunden werden. Die Kunden und Partner erhalten so keine aktuellen Informationen über den Status der Lieferung. Der Übergabeprozess ist in diesen Systemen nicht ausgereift. 

Wir hingegen wollen unseren Nutzern einen maximal flexiblen Service mit Fokus auf den digitalen Übergabeprozess auf der Straße bieten: Bei Keemova reicht dem Fahrer bereits ein Android-Smartfon. Damit hat er Zugriff auf die Keemova App, die alle Dokumente zu einem Auftrag vorhält und den Übergabeprozess steuert. 

Laut einer Erhebung des Deutschen Speditions- und Logistikverbandes e.V. zu den Jahren 2014/2015 stellten die KMU bis 100 Mitarbeiter gut 85 % der Beschäftigten in der Branche. Wir gehen davon aus, dass sich dieses Verhältnis bis heute nicht entscheidend verändert hat. Erfahrungsgemäß sind bei diesen Betrieben die Investitionsmöglichkeiten in IT und Digitalisierung eher gering. Durch unseren einfachen und flexiblen Ansatz haben nun endlich auch diese vergleichsweise kleinen Unternehmen mit wenigen Fahrern die Möglichkeit, an den Vorteilen der Digitalisierung zu partizipieren. Wir erhoffen uns durch den Einbezug dieser großen Nutzergruppe einen Digitalisierungsschub in diesem Markt. 

Für Nutzer von Keemova liegen die Vorteile auf der Hand: geringe Investitionskosten bei gleichzeitig hohem Einsparpotenzial. EU-weit wird dieses auf über 5,6 Mrd. € pro Jahr geschätzt. Die transparenten und durchgängigen Prozesse werden insbesondere die Kunden der Nutzer freuen, beschleunigt es doch sämtliche Abrechnungsprozesse erheblich. Gleichzeitig ist dies ein Schritt hin zu echter Nachhaltigkeit und damit in Richtung Zukunftsfähigkeit der Logistik. Die EU hat gerade erst Mitte dieses Jahres in ihrer Regulation 2020/1056 beschlossen, dass die Anerkennung elektronischer Frachtpapiere bis 2024 für alle Mitgliedsstaaten verbindlich umzusetzen ist. Timing und Konzept dürften schließlich auch potenzielle Investoren von Keemova überzeugen.

Wann und wie sind Sie auf Ihre Gründungsidee gekommen? 

Ich arbeite hauptberuflich für die IT-Unternehmensberatung Assecor GmbH in Berlin. Hier kommen wir praktisch täglich mit oftmals sehr unterschiedlichen Herausforderungen, Ideen und Zielen unserer Kunden in Berührung. Unser Fokus liegt dabei auf der Lösung digitaler Probleme bzw. der Lösung analoger Probleme mit digitalen Mitteln. 

So hatten wir bereits 2017 zusammen mit einem großen deutschen Automobilbauer und der BLG Logistics Group AG & Co. KG, einem großen deutschen Logistiker, an einer digitalen Lösung für Frachtpapiere gearbeitet, die dem Service von Keemova schon recht ähnlich war. Allerdings wurde diese Lösung konfektioniert auf die bestehenden Logistikprozesse des Autobauers und entsprach am Ende fast nicht mehr den Bedürfnissen des restlichen Marktes. Soweit ich weiß, ist die flächendeckende Einführung im Unternehmen letztlich sogar an internen Umstrukturierungsmaßnahmen gescheitert. 

Wir waren jedenfalls nach wie vor von der Idee überzeugt und fest entschlossen, sie für den ganzen Markt umzusetzen. So haben wir uns im Anschluss an das Projekt, 2019, mit dem Logistikprofi BLG hingesetzt und gemeinsam überlegt, wie ein flexibles, robustes und gleichsam für alle Teilnehmer der Logistikkette nutzbares Produkt aussehen müsste. Das Ergebnis überzeugt. Keemova atmet die profunde Prozesskenntnis unseres Pilotkunden und das IT-Knowhow von Assecor. 

Mittlerweile konnten wir Keemova bei der BLG in verschiedenen Piloteinsätzen erfolgreich testen, sodass einer unternehmensweiten Einführung im kommenden Jahr nichts mehr entgegensteht. Auf dem Logistics Summit 2020 in Hannover konnten wir zudem bereits viele interessante Gespräche mit großen Industrieunternehmen und Logistikern führen, die Keemova als Baustein ihrer Digitalstrategie nutzen wollen. Und wer weiß – vielleicht erlebt der Service auch beim oben genannten Automobilhersteller nochmal ein spätes Comeback? 

Woher kam das Kapital für Ihr Unternehmen?

Momentan sind wir vollständig eigenfinanziert durch unser Mutterhaus Assecor GmbH. 

Was waren die größten Hindernisse bei der Gründung Ihres Startups?

Eine der wesentlichen Herausforderungen am Anfang lag in der klaren Fokussierung auf den Endnutzer und seine Bedürfnisse. Ideen, den Service mit sicherlich nützlichen Fähigkeiten anzureichern, gab es genug. Aber alles parallel anzugehen kostet viel Kraft und verlängert den Weg bis zur ersten Veröffentlichung nur unnötig. 

Entsprechend haben wir unseren Ansatz und unsere Entwicklungsausrichtung häufig hinterfragt. Die Diskussionen, insbesondere mit den Stakeholdern waren ziemlich intensiv. Im Ergebnis ist Keemova ein sehr reduzierter, fokussierter und gleichsam praktischer Service, der unseren Kunden sicher großen Nutzen stiften wird.

Was war der Wendepunkt, als die ersten Kunden auftauchten und Sie zu glauben begonnen haben, dass dies funktionieren würde? 

So explizit gab es diesen Wendepunkt nicht. Praktisch von Beginn an haben wir mit der BLG einen Pilotkunden aus der Logistikbranche an unserer Seite gehabt, der ein hohes Eigeninteresse an dem Service besitzt. Sie wollten Keemova besser früher als später in die Nutzung überführen. Damit hatten wir nie ernsthafte Zweifel, dass es anderen Logistikern anders gehen könnte. Klar, nicht zuletzt unser Pitch auf dem Logistics Summit 2020 Anfang Oktober in Hannover hat diesen Eindruck bestätigt, wo unsere Idee mit dem dritten Platz des Startup Wettbewerbes prämiert wurde.

Was hätten Sie rückblickend in der Startphase anders gemacht? 

Grundsätzlich kann man den Aufwand von Software-Entwicklungen gar nicht konservativ genug einschätzen – insbesondere wenn der abzubildende Prozess sehr komplex und von äußeren Faktoren abhängig ist. Hier hätten wir sicherlich eine Schippe Enthusiasmus bei unserer Planung herunter- und eine Schippe Risikopuffer heraufnehmen können. Insgesamt hat sich das Entwicklungsprojekt aber im erwarteten Rahmen gehalten. 

Ich denke, wir haben ein sehr gutes Produkt entwickelt, was den Kernservice, die digitale, nachweissichere Übergabe beliebiger Frachtpapiere, anbelangt. Allerdings stehen wir im Moment noch am Anfang der Marktdurchdringung. Hier sehe ich die größten Herausforderungen: wie können wir mit vertretbarem Aufwand nachhaltig neue Kundengruppen gewinnen und von ihnen schnell lernen, welche weiteren Fähigkeiten unser Service haben muss, damit der Mehrwert bei allen Nutzern ankommt. Wir denken hier zum Beispiel verstärkt über modulare Erweiterungen nach, die der Nutzer flexibel einbinden kann und die weitere wesentliche Aspekte im Lieferprozess abbilden. Eine andere Entwicklung wird Keemova mit neuen digitalen Services verbinden, die die Daten der Lieferkette für Kontrollen (BAG), Abrechnungen (DATEV) oder Zertifizierungen (TÜV) nutzbar machen. Partnerschaften in diese Richtung etabliert wir gerade. Klar – wir sind hier noch lange nicht am Ende unserer Überlegungen angelangt und selbst wohl am meisten gespannt, wo die Reise hingeht.

Vermutlich hätten wir mit einem größeren Entwicklerteam auch zügiger unser Backlog umsetzen können. Allerdings blieb uns so immer genügend Zeit für den Dialog mit unseren Stakeholdern, die einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklungsrichtung hatten. Auch blieb die Entwicklung auf diese Weise sehr schlank. Jedes Feature von Keemova wurde sorgsam durchdacht und für die Umsetzung ausgewählt. Unser Entwickler- und Design-Team hat hier einen tollen Job gemacht. Damit konnten wir den Entwicklungsaufwand optimieren. Insofern bin ich mit unserer Wachstumsgeschwindigkeit und den Wachstumskosten zufrieden. 

Welche Tipps würden Sie anderen Startup-Gründern geben, die gerade erst anfangen? 

Was ich feststellen musste und auch aus vielen Gesprächen mit anderen Gründern bestätigt erfahren habe, ist eigentlich eine sinnfällige Erkenntnis: eine gute Idee allein reicht oft nicht aus für einen erfolgreichen Start. Wenn es nur irgend möglich ist, hilft ein frühzeitiger Kooperationspartner oder Pilotkunde, an dem die Produktenwicklung ausgerichtet werden kann, wahnsinnig weiter, um fokussiert zu bleiben und beim Start insbesondere die ersten finanziellen Klippen zu umschiffen. Wir sind für die Möglichkeit der frühzeitigen Zusammenarbeit mit der BLG enorm dankbar.

Was ist die größte unmittelbare Herausforderung für Ihr Unternehmen und wo sehen Sie sich selbst in 5 Jahren? 

Über kurz oder lang werden wir Kapital benötigen, um unseren Wachstumspfad finanzieren zu können. Hier wird die Herausforderung darin bestehen, einen geeigneten Partner auszuwählen, der uns einerseits mit seinem Netzwerk helfen kann, Türen auf dem Markt zu öffnen und andererseits die inhaltliche Ausrichtung des Startups konstruktiv mitgestalten möchte. Natürlich wird am Ende unser Erfolg an unseren Kunden gemessen. Diesen Fokus müssen wir beibehalten. Dann, bin ich überzeugt, werden wir in 5 Jahren in der DACH-Region der erste Anlaufpunkt für digitale Frachtpapiere sein.

Was würden Sie tun, wenn Sie kein Startup-Unternehmen gründen würden?

Ich bin ein begeisterter Digitalisierer und sehr sicher, die nächste Idee wartet bereits auf ihre Umsetzung. Ich halte es hier mit dem IKEA-Gründer Ingvar Kamprad: „Das meiste ist noch nicht getan!“

Foto: Marco Kremer, Managing Director bei Keemova

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