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Auf EU-Ebene als auch in Deutschland geht es zur Zeit für die Transport-, Spedition- und Logistikbranche turbulent zu. Es stehen viele Änderungen an. Was sagt der Vorstand der ELVIS AG dazu?

Natalia Jakubowska, Trans.INFO: Es gibt im Moment einen sehr heißen Diskurs in Europa um die Verschärfung der Entsenderichtlinie. Die Abstimmungen auf EU-Ebene verlaufen immer sehr brisant. Der Trend liegt aktuell dabei, den gleichen Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort zu fordern – andernfalls würde Sozialdumping betrieben. Wie sehr bewegt Sie das Thema als Vertreter der Speditionsbranche? Wie beurteilen Sie die Einführung von gleichen Lohnbedingungen?

Jochen Eschborn, Vorstand der Europäischen Ladungs-Verbund Internationaler Spediteure Aktiengesellschaft: Im Frühjahr 2017 hatte die EU im Zuge des ersten Mobilitätspakets Änderungen für die Sozialgesetzgebung im Transportgewerbe in Aussicht gestellt. Seit dem wurden viele verschiedene Anpassungen vorgeschlagen. Die flächendeckende Einführung des Prinzips „Gleicher Lohn, für gleiche Arbeit, am gleichen Ort“ ist ja nur einer der behandelten Aspekte. Ich denke, dass hier stets das Gesamtpaket im Blick behalten werden sollte und einzelne Änderungen nur bedingt isoliert betrachtet werden können. Grundsätzlich ist eine faire Entlohnung der Fahrer richtig und wichtig. Die Auswirkungen auf den europäischen Transportmarkt dürfen aber nicht vernachlässigt werden und müssen im Zuge ein übergreifender Gesamtkonzeption der Sozialgesetzgebung berücksichtigt werden.

Und was ist mit der Kabotage? Halten sie die vorgeschlagene zeitliche Begrenzung für sinnvoll? Welche Nachteile fürchten Sie?

Auch hier kursieren bis dato verschiedene Vorschläge für eine Änderung der Kabotage – Bestimmungen. Die Varianten reichen ja von der angesprochenen zeitlichen Beschränkungen zwischen 3 bis 7 Tagen hin zu einer völligen Freigabe der Kabotage. Ich denke, dass es hier jeweils ganz spezifische Vor – und Nachteile für jede Lösung gibt und Maßnahmen aus regionalen Gesichtspunkten ganz unterschiedlich beurteilt werden können. Für uns sehe ich die Hauptaufgabe der Politik darin Regelungen zu finden, die der Transportbranche Erleichterung verschaffen und ihr das Leben nicht noch zusätzlich erschweren. Das erreicht die EU aber nur, wenn sie die praktischen Arbeitsabläufe der Transporteure berücksichtigt und die Regeln zudem klarer als bisher gestaltet.

Welche wirtschaftlichen und juristischen Folgen wird die Verschärfung der Vorschriften für die Speditionsbranche in Deutschland haben?

Das können wir bisher nicht abschließend beurteilen. Gerade erst hat das EU – Parlament die Vorschläge des Verkehrsausschusses in ihrer jetzigen Form abgelehnt. Wir werden also warten müssen, bis hier eine klare Richtung erkennbar ist. Die abschließenden Verhandlungen der EU wer den voraussichtlich im Oktober auf der Agenda stehen. Bis dahin kann sich noch viel an den Vorschlägen ändern.

In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Betrugspraktiken bekannt, mit denen Firmen die EU-Entsenderichtlinie umgehen wollten. Glauben Sie, dass die Verschärfung der Entsenderichtlinie zu einer Anhäufung solcher Fälle führen könnte? Ich meine besonders kleine und mittelständische Unternehmen, die nach Umsetzung der neuen Regelungen von der Bürokratie überfordert sein könnten und sich mittels solcher Praktiken versuchen werden über Wasser zu halten?

Firmen, die bewusst Anforderungen zur Entsendung umgehen, machen dies in der Mehrzahl der Fälle ja nicht aus einer Überforderungssituation heraus. Da steckt schon kriminelle Energie dahinter. Solche Fälle wird es immer geben. Meine Hoffnung an die neuen Regelungen wäre aber, dass sie so klar gefasst sind, dass der Graubereich kleiner wird oder sogar verschwindet. Viele der herrschenden illegalen Praktiken sind ja gerade darin begründet, dass die aktuelle Gesetzgebung viel Angriffsfläche bietet. Neue Gesetze mit eindeutigem Geltungsbereich und einer drastischen Reduktion des bürokratischen Aufwands für den Unternehmer, sollten die ausführenden Transporteure ent – und nicht belasten.

Deutsche Firmen klagen seit Jahren, dass sie von osteuropäischen Firmen aufgrund der Preise aus dem Markt gedrängt werden, sie hingegen kooperieren gerne mit Polen, so zum Beispiel mit dem polnischen Ladungsnetzwerk Kommodus. Was veranlasst Sie dazu?

Die entstehenden Möglichkeiten! Ich nehme immer eher die Chancen als die Probleme in den Blick. Und gerade das Beispiel Kommodus zeigt deutlich, wie eine solche Kooperation beiden Seiten neue Perspektiven und Märkte eröffnet. Das Projekt bietet Vorteile für die deutsche und die polnische Seite über die Erweiterung der Angebotsstrukturen. Warum sollte man eine solche Chance nicht ergreifen? Da denke ich nicht in Landesgrenzen.

Fahrermangel stellt eins der größten Probleme der deutschen Transportbranche da. Laut neuesten Angaben des Bundesverbands der Speditionsunternehmen stehen rund 20 Prozent der LKW still. Vor kurzem hat die Bundesregierung das Programm „Die Fahrt in Deine Zukunft gestartet“, die Migranten die Ausbildung zum Berufskraftfahrer erleichtern soll. Was halten Sie davon? Ist das ein plausible Lösung für den akuten Fahrermangel? Haben Sie vielleicht andere Vorschläge?

Ich begrüße das Projekt. Wer einen Blick auf die Altersstruktur der deutschen Gesellschaft wirft und dazu noch die Zahlen aus dem Ausbildungsmarkt kennt, wird schnell feststellen, dass wir auf lange Zeit auf die Unterstützung ausländischer Fahrer angewiesen sein werden. Das ändert aber nichts daran, dass wir zügig die Arbeitsbedingungen und das Image des Fahrerberufs aufwerten müssen. Sonst finden wir auch im Ausland bald niemanden mehr, der den Job machen will.

Letzte Frage: Was wünschen Sie sich für die Speditionsbranche, gibt es etwas, bei dem Sie sagen, das könnte besser laufen? Wo sagen Sie, das klappt jetzt wirklich gut?

Das gerade angesprochene Image des Fahrers und damit verbunden auch der Ruf der ganzen Branche ist ein Punkt an dem wir dringend arbeiten müssen. Während sich der Bereich der Logistik langsam zu mausern scheint, haben die Spediteure und noch viel mehr die Frachtführer mit einem stetig gesunkenen Ansehen in den letzten Jahren zu kämpfen. Da müssen wir alle etwas dazu beitragen und über verschieden Maßnahmen an unserem Image arbeiten. Ich denke vor allem an neue Arbeitszeitmodelle, die den Ansprüchen jüngerer Generationen gerecht werden. Damit verbunden ist aber auch eine Reorganisation der Transportstrukturen. Zur Aufwertung des Berufs gehört es zudem, dass die EU europaweite Standards schafft. Das fängt bei der grenzübergreifenden Anerkennung der Ausbildung zum Berufskraftfahrer an und reicht über die einheitliche Auslegung des Kabotagebegriffs und vieles mehr. Beides sind aber Entwicklungen, die ich jetzt durch den Fahrermangel befeuert sehe. Das Thema kommt langsam in der breiten Gesellschaft an. Die Angst vor leeren Regalen wächst. Dadurch erfährt der Berufsstand eine ganz neue Aufmerksamkeit. Das kann der Branche nur nutzen aber wir müssen die entstehenden Chancen eben auch ergreifen.

Herr Eschborn, vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben.

Foto: ELVIS AG

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