Die wichtigsten Fakten:
- Die Ermittler stellten 95 nicht ordnungsgemäß gemeldete Beschäftigte fest. Die ausstehenden Sozialversicherungsbeiträge belaufen sich auf mehr als 1,2 Millionen Euro.
- Gegenstand der Untersuchung sind 18 Unternehmen, darunter vier nach ausländischem Recht gegründete Gesellschaften und fünf Firmen aus der Provinz Chieti.
- Der Wert der Rechnungen über fingierte Geschäftsvorgänge soll mehr als 3,5 Millionen Euro betragen.
- Nach Darstellung der Behörden basierte das Modell auf fingierten grenzüberschreitenden Entsendungen und Unternehmen ohne tatsächliche operative Tätigkeit.
- 14 Personen wurden wegen mutmaßlicher Steuer- und Unternehmensdelikte, Betrugs zulasten des Staates sowie unerlaubter Arbeitnehmerüberlassung bei der Staatsanwaltschaft angezeigt.
Die Ermittlungen der Guardia di Finanza in Chieti deuten laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa auf ein weit verzweigtes Modell hin, das über einzelne Verstöße gegen das Arbeitsrecht hinausgeht. Nach Einschätzung der Behörden sollte der Eindruck entstehen, ausländische Unternehmen würden Arbeitskräfte an italienische Transportunternehmen überlassen. Tatsächlich sollen die beteiligten Firmen vor allem als rechtliche Fassade für die Beschäftigung von Fahrern gedient haben. Auf diese Weise konnten Beschäftigungskosten gesenkt sowie Steuern und Sozialabgaben umgangen werden.
95 nicht gemeldete Beschäftigte und mehr als 1,2 Millionen Euro ausstehende Sozialbeiträge
Die mutmaßlichen Verstöße betreffen nach Angaben der italienischen Ermittler den Arbeitsmarkt im Straßengüterverkehr. Bei den Kontrollen wurden 95 Personen ohne ordnungsgemäße Anmeldung festgestellt. Gleichzeitig beliefen sich die ausstehenden Sozialversicherungsbeiträge auf mehr als 1,2 Millionen Euro.
Insgesamt wurden 14 Personen bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Im Raum stehen unter anderem Steuer- und Unternehmensdelikte, Betrug zulasten des Staates sowie die unerlaubte Überlassung von Arbeitskräften.
Der mögliche Schaden für den Fiskus fällt deutlich höher aus. Allein bei den Unternehmen aus der Provinz Chieti errechneten die Ermittler rund 6 Millionen Euro an Steuerausfällen bei IRES, IRPEF und IRAP – also bei der Körperschaftsteuer, der Einkommensteuer und der regionalen Steuer auf produktive Tätigkeiten. Der Wert der Rechnungen über fingierte Geschäftsvorgänge soll mehr als 3,5 Millionen Euro betragen.
In die Untersuchung sind 18 Unternehmen einbezogen. Vier davon wurden nach ausländischem Recht gegründet, fünf waren in der Provinz Chieti tätig. Bei diesen fünf Unternehmen sehen die Behörden zudem mögliche Verstöße gegen die Regeln zur verwaltungsrechtlichen Haftung von Unternehmen. Ihnen wird vorgeworfen, keine internen Verfahren zur Verhinderung von Straftaten eingerichtet zu haben.
Fingierte Entsendungen und Unternehmen ohne tatsächliche Geschäftstätigkeit
Ein zentraler Bestandteil des mutmaßlichen Modells war nach Darstellung der Guardia di Finanza der Einsatz internationaler Arbeitnehmerentsendungen auf Grundlage fingierter Verträge.
Die Beschäftigten stammten aus Staaten außerhalb der Europäischen Union, insbesondere aus Albanien. Auf dem Papier waren sie von ausländischen Unternehmen zur Arbeit nach Italien entsandt worden. Nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler handelte es sich bei einigen dieser Firmen jedoch lediglich um Briefkastenunternehmen ohne tragfähige Geschäftsstruktur.
Ihre Rolle soll sich darauf beschränkt haben, die Beschäftigung der Fahrer formal abzudecken. Dadurch konnten die Beteiligten offenbar Löhne unterhalb des gesetzlich geschuldeten Niveaus zahlen und zugleich Steuern sowie Sozialversicherungsbeiträge vermeiden.
Die italienischen Behörden sprechen von unerlaubter grenzüberschreitender Arbeitnehmerüberlassung und Sozialdumping. Obwohl die Ermittlungen in den Abruzzen ihren Ausgang nahmen, könnten die Ergebnisse nach Einschätzung der Behörden für Unternehmen im ganzen Land relevant sein.
Kein Einzelfall in der Logistik
Das in Chieti aufgedeckte Modell ähnelt Fällen, mit denen sich italienische Staatsanwälte und Finanzbehörden in den vergangenen Jahren bereits im Logistiksektor befasst haben.
Im Juli 2025 wurden in einem separaten Verfahren Vermögenswerte eines großen Logistikdienstleisters im Wert von mehr als 43 Millionen Euro beschlagnahmt. Die Ermittler untersuchten damals eine Struktur, in der formelle Subunternehmerverträge die Überlassung von Arbeitskräften verschleiert haben sollen. Zu dem Netzwerk gehörten Zwischenfirmen und Gesellschaften, die als Briefkastenfirmen bezeichnet wurden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatten sie fällige Mehrwertsteuer sowie Sozial- und Krankenversicherungsbeiträge nicht abgeführt.
Bereits im Juli 2024 wurden bei einer Niederlassung eines weiteren weltweit tätigen Logistikunternehmens 83,9 Millionen Euro beschlagnahmt. Auch in diesem Fall ging es um Beschäftigungsmodelle, Rechnungen über fingierte Geschäftsvorgänge und die Umgehung von Steuer- und Beitragspflichten. Den Wert der falschen Rechnungen bezifferten die Ermittler auf 382,6 Millionen Euro.
Die Fälle unterscheiden sich zwar hinsichtlich ihres Umfangs und ihrer rechtlichen Konstruktion. Ein Muster kehrt jedoch wieder: mehrstufige Ketten aus Subunternehmern und Vermittlern. Nach Einschätzung der italienischen Behörden können solche Strukturen die Überlassung von Arbeitskräften verschleiern und Steuer- sowie Beschäftigungskosten verlagern oder senken.
Arbeitskosten als unlauterer Wettbewerbsvorteil
Die Guardia di Finanza verweist außerdem auf die Auswirkungen des Falls auf den Wettbewerb. Wer Steuern und Sozialabgaben umgeht und die Beschäftigungskosten künstlich senkt, kann sich im Transportmarkt einen unrechtmäßigen Kostenvorteil verschaffen.
Unternehmen, die Fahrer ordnungsgemäß beschäftigen und sämtliche Lohnnebenkosten tragen, treten damit gegen Wettbewerber an, die ihre Kosten laut Ermittlern über fingierte rechtliche Konstruktionen drücken.
Der aktuelle Fall zeigt, dass die Behörden nicht nur die Arbeitsbedingungen der Fahrer prüfen. Im Fokus steht zunehmend auch die Struktur ganzer Subunternehmerketten. Untersucht werden die Verbindungen zwischen Entsendungen, Arbeitsvermittlung, Rechnungsstellung und der Verantwortung einzelner Unternehmen – ebenso wie die Frage, ob die Beschäftigung gezielt bei einem anderen Unternehmen angesiedelt wird als jenem, das tatsächlich von der Arbeit der Fahrer profitiert.









