Das Wichtigste in Kürze
-
Im ersten Halbjahr 2026 verzeichnete der Bereich Verkehr und Lagerei mit 71,6 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen die höchste Insolvenzhäufigkeit aller Wirtschaftsbereiche.
-
Der BGL warnt vor einem Abbau heimischer Transportkapazitäten und negativen Folgen für Beschäftigung, Wertschöpfung und Versorgungssicherheit.
-
Straße und Schiene sollen als ergänzende Bestandteile eines leistungsfähigen Logistiksystems behandelt werden.
-
Der Verband begrüßt geplante Vereinfachungen bei Fahrzeugzulassungen, Führerscheinkontrollen und digitalen Dokumenten.
-
BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt fordert eine vom Bundeskanzleramt koordinierte Gesamtstrategie „Transport und Industrie“.
Insolvenzen setzen Transportwirtschaft unter Druck
Die wirtschaftliche Lage der deutschen Transportbranche bleibt angespannt. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen auf den Wirtschaftsbereich Verkehr und Lagerei 71,6 Unternehmensinsolvenzen je 10.000 Unternehmen. Damit lag die Insolvenzhäufigkeit höher als in allen anderen Wirtschaftsbereichen. Insgesamt stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,7 Prozent.
Nach Einschätzung von BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt treffen mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig aufeinander: eine schwache Konjunktur, geringe Gewinnmargen, hohe Energie- und Kraftstoffkosten, Fachkräftemangel und intensiver Wettbewerb. Hinzu kommt der anhaltende Kostendruck. Im zweiten Quartal 2026 lagen die Erzeugerpreise im Bereich Verkehr und Lagerei um 6,2 Prozent über dem Vorjahresniveau, im Straßengüterverkehr um 5,8 Prozent.
Für viele Transportunternehmen besteht das Problem darin, dass sie zusätzliche Kosten in einem stark umkämpften Markt nicht vollständig an ihre Auftraggeber weitergeben können. Engelhardt sieht darin eine Gefahr, die weit über die betroffenen Betriebe hinausgeht.
BGL sieht wirtschaftliche Substanz Deutschlands gefährdet
Der BGL-Vorstandssprecher warnt insbesondere vor den langfristigen Folgen eines Rückzugs deutscher Transportunternehmen aus dem Markt. Transporte, die heimische Betriebe aufgrund ihrer Kostenstruktur nicht mehr wirtschaftlich anbieten können, würden zwar weiterhin durchgeführt. Allerdings könnten die Aufträge zunehmend an andere Anbieter gehen.
Damit drohe nicht nur der Verlust von Marktanteilen. Auch Beschäftigung, Wertschöpfung und unternehmerische Substanz könnten dauerhaft aus Deutschland abwandern. Für Engelhardt berührt diese Entwicklung unmittelbar die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit des Landes.
Der Straßengüterverkehr sei eine unverzichtbare Grundlage für Industrie, Handel und Versorgung. Ohne ausreichende Transportkapazitäten könnten weder industrielle Lieferketten noch die Versorgung mit Waren und Ersatzteilen zuverlässig funktionieren.
Besonders problematisch sei, dass sich einmal verlorene Kapazitäten im Krisenfall nicht kurzfristig ersetzen lassen. Fahrzeuge, qualifizierte Fahrer und funktionierende Unternehmensstrukturen müssten langfristig aufgebaut und wirtschaftlich erhalten werden.
Straße und Schiene nicht gegeneinander ausspielen
Engelhardt kritisiert zudem eine aus seiner Sicht zu stark auf einzelne Verkehrsträger ausgerichtete Verkehrspolitik. Zwar brauche Deutschland eine leistungsfähige Schieneninfrastruktur. Die Förderung des Schienengüterverkehrs dürfe jedoch nicht mit einer wirtschaftlichen Schwächung des Straßengüterverkehrs einhergehen.
Der Lastwagen werde auch künftig den überwiegenden Teil der Gütertransporte übernehmen. Deshalb müsse die Politik stärker auf die Funktionsfähigkeit des gesamten Logistiksystems achten, statt Straße und Schiene als konkurrierende politische Ziele zu behandeln.
Der BGL fordert damit eine Verkehrspolitik, die Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und industrielle Leistungsfähigkeit gemeinsam berücksichtigt.
Bürokratieabbau soll Transportunternehmen entlasten
Während der BGL eine grundlegende Neuausrichtung der Verkehrs- und Industriepolitik verlangt, bewertet der Verband einzelne Reformvorhaben der Bundesregierung bereits positiv. Wie das Fachmagazin “Trucker” am 7. Oktober 2026 berichtete, begrüßt der BGL die vom Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, Karsten Wildberger, angekündigten Maßnahmen zur Entbürokratisierung und Digitalisierung im Verkehrsbereich.
Zu den Vorhaben gehört ein zentrales i-Kfz-Portal beim Kraftfahrt-Bundesamt, über das Fahrzeugzulassungen bundesweit vereinfacht und vereinheitlicht werden sollen. Darüber hinaus sind digitale Fahrzeug- und Führerscheindokumente vorgesehen. Auch die geplante Umstellung von regelmäßigen auf einmalige Führerscheinkontrollen soll den Verwaltungsaufwand für Speditionen und Transportunternehmen reduzieren.
Für den BGL ist der Abbau bürokratischer Belastungen eine konkrete Möglichkeit, die wirtschaftlich angeschlagenen Unternehmen im Betriebsalltag zu entlasten. Insbesondere mittelständische Transportbetriebe könnten von einfacheren Zulassungsverfahren, weniger Kontrollaufwand und durchgängig digitalen Verwaltungsprozessen profitieren.
„Unsere Unternehmen brauchen eine digitale Verwaltung, die schnell, einfach und verlässlich arbeitet“, erklärte Engelhardt laut Trucker. Angesichts des hohen wirtschaftlichen Drucks auf die Branche komme es darauf an, dass die angekündigten Erleichterungen tatsächlich in den Betrieben ankommen.
Die Zustimmung zu den Digitalisierungsvorhaben fügt sich damit in die weitergehenden Forderungen des Verbands ein. Während die angekündigten Maßnahmen einzelne administrative Belastungen verringern sollen, sieht der BGL darüber hinaus Handlungsbedarf bei Energiekosten, Wettbewerbsbedingungen und der langfristigen Sicherung deutscher Transportkapazitäten.
Antriebswende als industriepolitische Aufgabe
Auch die Transformation des Straßengüterverkehrs zu klimafreundlichen Antrieben betrachtet Engelhardt aus industriepolitischer Perspektive. Die Umstellung biete Deutschland und Europa erhebliche wirtschaftliche Chancen, stelle die heimische Nutzfahrzeugindustrie aber zugleich vor große Herausforderungen.
Insbesondere der zunehmende Wettbewerb durch chinesische Hersteller werfe die Frage auf, wo künftig Fahrzeuge, Batterien, Ladeinfrastruktur und digitale Technologien entwickelt und produziert werden.
Aus Sicht des BGL reicht es nicht aus, europäische Klimaschutzziele festzulegen, wenn die dafür benötigten Technologien überwiegend aus anderen Weltregionen stammen. Die Antriebswende müsse deshalb so gestaltet werden, dass industrielle Wertschöpfung und technologische Kompetenzen in Europa erhalten bleiben.
Dafür seien technologieoffene Rahmenbedingungen, wettbewerbsfähige Energiepreise sowie eine engere Abstimmung zwischen Verkehrs-, Energie- und Industriepolitik erforderlich.
BGL fordert Koordinierung durch das Bundeskanzleramt
Als politische Konsequenz spricht sich Engelhardt für eine ressortübergreifende Gesamtstrategie „Transport und Industrie“ aus, deren Koordinierung beim Bundeskanzleramt liegen soll. Sie müsse Verkehrs-, Energie-, Industrie- und Digitalisierungspolitik zusammenführen.
Zu den notwendigen Maßnahmen zählt der BGL wettbewerbsfähige Energie- und Kraftstoffkosten, faire Wettbewerbsbedingungen, die Bekämpfung von Sozialdumping, Bürokratieabbau sowie eine stärkere Digitalisierung betrieblicher und behördlicher Prozesse.
Darüber hinaus müsse Deutschland die industrielle Wertschöpfung im Zuge der Antriebswende sichern. Das betreffe insbesondere Nutzfahrzeuge, Batterien, Ladeinfrastruktur, Stromnetze, Software und automatisiertes Fahren.
Der BGL sieht die Zukunft des Straßengüterverkehrs damit nicht allein als verkehrspolitische Frage, sondern als Bestandteil der deutschen Industrie- und Standortpolitik. Die angekündigten Maßnahmen zum Bürokratieabbau entsprechen einem Teil seiner Forderungen. Aus Sicht des Verbands braucht es jedoch zusätzlich eine abgestimmte Wirtschafts- und Verkehrspolitik, um die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Transportunternehmen und Deutschlands Stellung als europäischer Logistikstandort langfristig zu sichern.








