Am 1. Februar 2020 ist das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union ausgetreten.Die Folgen dessen sind noch nicht zu spüren, da das Austrittsabkommen eine Übergangsphase vorsieht, in der viele der bisherigen Regelungen gegenüber dem Vereinigten Königreich weiter geltend sind. Doch die Übergangsphase endet am 31. Dezember. Acht Verhandlungsrunden über ein Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien haben zu nichts geführt, die letzte Gesprächsrunde ist gerade am Laufen.

Die neunte Verhandlungsrunde über ein Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien ist am Laufen. Die bisherigen acht haben zu nichts geführt. Experten schlagen Alarm und warnen vor möglichen Konsequenzen eines harten Brexits. Laut den Laut Berechnungen der DIHK könnten allein für die Automobilbranche – die den größten Anteil am Handelsvolumen zwischen Deutschland und Großbritannien hat – ohne Abkommen in weniger als vier Monaten Zölle in Höhe von mindestens zwei Milliarden Euro entstehen.

Zusätzlich befürchten die Unternehmen abbrechende Lieferketten und lange Wartezeiten an den Grenzen, da es auf britischer Seite noch immer keine funktionierende Infrastruktur für die Zollabwicklung gibt, sagt DIHK Hauptgeschäftsführer Wansleben.

Auch laut einer Expertise der Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) würde ein harter Brexit die Autoindustrie und darum vor allem die Kreise Wolfsburg (Sitz von Volkswagen) und Dingolfing-Landau (BMW) treffen.

Deutsche Exporte nach Großbritannien sinken

Bereits die Brexit-Unsicherheiten der Vergangenheit haben dazu geführt, dass Großbritannien als Exportmarkt an Bedeutung verloren hat. Dieser Trend setzt sich fort.

Seit dem Referendum im Jahr 2016 sind die deutschen Exporte auf die britische Insel merklich gesunken – von 89 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 79 Milliarden Euro im Jahr 2019. Dadurch ist das Vereinigte Königreich von Rang 3 auf Rang 5 der wichtigsten Exportmärkte Deutschlands abgerutscht. So sind die deutschen Exporte zwischen Januar und Juli um fast 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, sagt Wansleben.

Der DIHK-Hauptgeschäftsführer fordert daher für die künftigen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien klare Regeln und Prioritäten.

EU-Binnenmarkt zusammenhalten, Zölle vermeiden, Transportwege aufrechterhalten und die Bürokratie beim Warenaustausch so gering wie möglich halten, betont er.

Mehr als 600.000 Arbeitskräfte betroffen

Unter einem harten Brexit würden auch die Arbeitsmärkte in vielen Ländern leiden, auch außerhalb Europas. Aus einer Studie des IWH von 2019 geht hervor, dass weltweit mehr als 600.000 Arbeitskräfte betroffen sein könnten. Vor allem würde es aber Deutschland treffen, wo der harte Brexit Auswirkungen für mehr als 100.000 Arbeitskräfte haben könnte.  In China hätte der Brexit schwere Folgen für 60.000 Beschäftigte, in Frankreich für 50.000 sowie in Polen und Italien jeweils für 46.000.

In seinen Prognosen ist das IWH davon ausgegangen, dass in Großbritannien nach einem harten Brexit die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen aus der EU um ein Viertel sinkt, ohne dass sich die britische Nachfrage für Güter aus anderen Regionen erhöht.  Zurückzuführen wäre das auf höhere Preise, denn Importe aus den verbleibenden EU-Staaten würden wegen neuer Zölle teurer. Innerhalb der dann verkleinerten Europäischen Union könnten knapp 180 000 Arbeitsplätze in Firmen betroffen sein, die ihre Produkte direkt nach Großbritannien liefern. Zudem wären wegen der globalen Vernetzung aber auch Zulieferer betroffen, die außerhalb der EU angesiedelt sind.

Ein harter Brexit würde die globalen Wertschöpfungsketten durcheinanderwirbeln.Deshalb kann ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU erhebliche Wohlstandseinbußen mit sich bringen. Aus ökonomischer Sicht bleibt zu hoffen, dass es doch noch zu einer Einigung kommt, kommentierte  Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident und Leiter der Abteilung Makroökonomik am IWH, die Studienergebnisse.

Verkehrsverbände fordern Abkommen

In einem offenen Brief haben der BGL, die IRU und 30 weitere Straßenverkehrsverbände und Transportunternehmensgruppen aus ganz Europa die beiden Brexit-Unterhändler Michel Barnier und David Frost sowie Premierminister Boris Johnson dazu aufgefordert, ein Brexit-Abkommen  zu erzielen, das den laufenden Verkehr von Lastkraftwagen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich schützt und Transitverkehre durch ihre jeweiligen Gebiete ohne Einführung von Transportgenehmigungen und Quotensystemen ermöglicht.

Ein Freihandelsabkommen würde die Lieferketten und die Volkswirtschaften in der gesamten EU unterstützen, da jedes Jahr mehr als 2,3 Millionen LKW zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich verkehren.

Bereits die Corona-Pandemie hat den gewerbliche Straßengüterverkehr hart getroffen. Der jährliche Einnahmeverlust der Betreiber in der EU wird auf 64 Milliarden Euro geschätzt.

Zusätzliche Kosten, die durch das Fehlen eines Abkommens zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU zum Jahresende entstehen, wären ein weiterer Schlag für die Unternehmen und müssen auf jeden Fall vermieden werden, sagte BGL-Vorstandssprecher Prof. Dr. Dirk Engelhardt.

Ein Brexit ohne Abkommen würde für die Branche höhere Kosten und längere Fahrzeiten bedeuten. Darüber hinaus sind auch  Unterbrechungen der Versorgung der Kunden wahrscheinlich.

Die europäische und britische Straßentransportwirtschaft fordert die Verhandlungsführer auf, eine Einigung über die künftigen Beziehungen zu erzielen. In Bezug auf das neue Betriebsumfeld ist Transparenz erforderlich, damit die Branche genügend Zeit hat, sich auf neue Regelungen vorzubereiten, fordert Engelhardt.

Foto: Publicdomainpictures.net

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