Glenn Koepke, Senior Vice President, FourKites: Containerpreise werden weiterhin steigen

Mit der Verschärfung der durch den Krieg in der Ukraine verursachten Krise werden die Auswirkungen auf die Lieferketten immer deutlicher. Glenn Koepke, Senior Vice President bei FourKites, erzählt über die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen des Konflikts auf die globalen Lieferketten und darüber, wie man die Situation effektiv bewältigen kann, um die Auswirkungen zu minimieren.

Glenn Koepke, Senior Vice President, FourKites: Containerpreise werden weiterhin steigen
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Diana Pascal, Journalistin trans.INFO: Die meisten Unternehmen befinden sich derzeit im Krisenmodus, weil sich die Situation in der Ukraine scheinbar von Stunde zu Stunde verschlimmert. Lassen sich die aktuellen Auswirkungen dieser Krise auf globale Lieferketten grob abschätzen?

Glenn Koepke, Senior Vice President bei FourKites: Unsere Gedanken sind bei allen, die am Ukraine-Konflikt beteiligt sind. Es ist eine dunkle Zeit. Aus Sicht der Hersteller, Lagerhalter und Fahrer gibt es viel Handel zwischen Asien und Europa sowie den USA und Russland. Von den wichtigsten Auswirkungen werden also Unternehmen betroffen sein, die daran arbeiten, die Sicherheit von Personal und Mitarbeitern zu gewährleisten. Viele internationale Unternehmen haben Personal, Partner und Familienmitglieder der Mitarbeiter, die in der Ukraine und in Russland leben.

Eine weitere große Auswirkung werden wir in den kommenden Tagen im eurasischen Schienenverkehr spüren, der von China nach Europa geht und sich von See- auf Luftfracht verlagert. Da Seeschiffe bereits voll ausgelastet sind, werden die Treibstoffzuschläge in die Höhe schießen, was sich sofort auf Frachtpreise auswirken wird.

Der Containerverkehr erlebte in den letzten Tagen erhebliche Störungen, wobei viele große Akteure alternative Umleitungen angekündigt haben. Wie sehen Sie die Entwicklung der Situation in den nächsten Wochen?

Preise für Seecontainer auf dem Spotmarkt werden um das 2-3-fache von 10.000 USD pro Container auf über 30.000 USD steigen. Und für Asien ist das die wichtigste Handelsroute nach Europa. Es gibt zwei Hauptgründe, warum Preise so deutlich steigen werden. Erstens handelt es sich um die Kapazität des eurasischen Schienenverkehrs, der auf die Seefracht verlagert wird. Zweitens werden wir aufgrund der allgemeinen Panik sehen, dass es bei Preisen auf dem Spotmarkt zur Hebelwirkung kommen wird. Und hier wird die Preisgestaltung sehr chaotisch. Die meisten Verlader nutzen vertraglich vereinbarte Preise, um sich gegen den Spotmarkt abzusichern, aber aufgrund der Unsicherheit werden Routenänderungen und weitere Kapazitätsbeschränkungen auf einem bereits eingeschränkten Seemarkt die Preise erheblich nach oben treiben.

Frachtraten sind sehr eng mit Kraftstoffkosten verbunden, die derzeit angespannt sind. Wie schätzen Sie die Situation ein, wie hoch werden Frachtraten steigen (wenn überhaupt)?

Preiserhöhungen könnten zwischen 5 und 15 Prozent betragen. Treibstoffzuschläge unterliegen oft einem Index und steigen proportional zu den Treibstoffkosten.

Glauben Sie, dass Sanktionen gegen Russland, die vor Kurzem von den USA und ihren Verbündeten verhängt wurden, europäische Lieferketten negativ beeinflussen werden?

Ich gehe davon aus, dass wir mehrere Produktengpässe in Europa erleben werden. Obwohl wir uns jetzt in einer langsameren Saison befinden, stocken die Unternehmen ihre Vorräte für die Sommermonate auf, und das wird große Auswirkungen auf Lieferketten haben. Wenn es sich um Sanktionen handelt, dann wird die vollständige Transparenz Ihrer Kunden und Zulieferer entscheidend sein. Wenn einer Ihrer Lieferanten von einem Unternehmen in einem sanktionierten Land abhängt, wird dies Ihre Lieferkette stören. Ähnlich sah es aus, als die Reederei Hanjin bankrott ging. Die Verlader dachten, dass sie davon nicht betroffen werden, weil sie Hanjin nicht benutzten, aber viele stellten schnell fest, dass andere Reedereien auf Hanjin-Schiffe angewiesen waren, wodurch ihre Frachten für einen längeren Zeitraum nicht ankommen konnten.

Wie sehen Ihrer Meinung nach das Best-Case-Szenario und das Worst-Case-Szenario für globale Lieferketten im aktuellen Kontext aus? Welches Szenario finden Sie wahrscheinlicher?

Für Straßen- und Schienenstrecken durch die Ukraine, Weißrussland und die Nachbarländer werden erhebliche Verzögerungen prognostiziert. Kurzfristig wird sich die Unsicherheit mit der Entwicklung des Konflikts nur noch vertiefen.

Der Konflikt selbst, verschärfte Grenzkontrollen und die Durchsetzung von Sanktionen können zu erheblichen Verzögerungen in der Region beitragen. Wichtige Schienen- und Landrouten durchqueren dieses Gebiet. Lieferanten werden harte Entscheidungen treffen müssen. Entweder werden sie Verzögerungen auf bestehenden Strecken akzeptieren oder sie finden neue Routen. Die zweite Möglichkeit kann aber zusätzlich mehrere Tausend Kilometer sowie erhebliche Kosten bedeuten.

Welchen Rat würden Sie Supply-Chain-Managern geben, damit sie die aktuelle Krise effizient meistern?

Sicherheit hat oberste Priorität. Die zweitwichtigste Maßnahme besteht darin, einen Plan zu erstellen,
der bewerten sollte, wie stark Sie der gegenwärtigen Probleme ausgesetzt sind und inwieweit Ihre Lieferkette beeinflusst werden kann. Jeder einzelnen Kategorie sollte eine verantwortliche Person zugeschrieben werden. Es ist auch festzulegen, wie oft Aktualisierungen eingehen sollten sowie wie oft diese internen Teams, Kunden und Lieferanten mitzuteilen sind. Transparenz und Alignement begrenzen Störungen, wenn es zu einer Krise kommt.

Taktisch gesehen könnte man vom Land- auf den Seeweg wechseln. Seeverkehrsrouten stehen aber stark unter Druck. Große Stürme, anhaltende Covid-Lockdowns, die Produktionszentren in China und Vietnam gestört haben, Mangel an Lkw-Fahrern und Hafenmitarbeitern, markanter Anstieg der Nachfrage nach der Covid-Krise – alle diese Faktoren haben ihren Tribut gefordert. Die Situation in der Ukraine wird die Verzögerungen wahrscheinlich noch verschlimmern.

Dieser Moduswechsel wird wahrscheinlich einen Welleneffekt verursachen. Die Verzögerungen in allen Häfen werden zunehmen, was bedeutet, dass sogar Versender und Frachtführer, deren Routen nicht in die Nähe der Ukraine führen, betroffen sein werden.

Für einige Versender mag der Wechsel auf Luftfracht eine kurzfristige Lösung sein, aber dies wird die Kosten erheblich erhöhen, zumal sich eine erhöhte Nachfrage zwangsläufig auf die Preise auswirken wird. Und nur in Einzelfällen werden Endverbraucher solche Preiserhöhungen akzeptieren, die mit so einem Wechsel verbunden sind.

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