Logistikbranche stabilisiert sich auf hohem Krisenniveau
Die Zahl der Großinsolvenzen in der deutschen Logistikbranche ist 2025 vergleichsweise moderat angewachsen. Mit 19 Insolvenzverfahren bei Unternehmen mit einem Umsatz über zehn Millionen Euro stieg die Quote um 5,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Diese Stabilisierung ist zunächst erfreulich, doch sie täuscht über die grundsätzliche Notlage der Branche hinweg. Denn während die Zuwachsrate im Jahr 2025 gering ausfällt, hatte sich die Zahl der Insolvenzen im Jahr 2024 noch verdoppelt, wie aus der Insolvenzanalyse der Transformationsberatung Falkensteg hervorgeht. Der Sektor verweilt damit auf einem strukturell bedrängten Niveau.
Ein strukturelles Problem liegt in der Preispolitik. Nach den zumindest auskömmlichen Preisen und der Wertschätzung während der Corona-Pandemie senken Auftraggeber seit 2022 die Preise drastisch. Transportunternehmen müssen mit teilweise niedrigen, einstelligen Margen kalkulieren. Folglich jagen die (Transport-)Logistiker eher dem Umsatz nach und nicht der Gewinnmarge. Doch aus den mageren Gewinnen oder dem Cashflow heraus können sie weder die eigene Automatisierung in den Unternehmensabläufen oder eine umfassende Elektrifizierung der Flotte noch Budget für die Entwicklung des autonomen Fahrens bereitstellen.
Positiv wirkt sich hingegen die verbesserte Risikostreuung aus. Lange Zeit waren viele Transportlogistiker und Lagerbetriebe zu abhängig von einzelnen (Groß-)Kunden wie der Automobilindustrie – mit Anteilen von teils 60 bis 80 Prozent des Geschäfts. Bereits nach der Finanzkrise 2008/2009 haben Logistiker ihre Kundenportfolios diversifiziert. Ausfälle bei Einzelkunden können sie heute besser abfedern.
Eigenverwaltung als Trend zur Restrukturierung
Bemerkenswert ist die Art der Insolvenzverfahren. Von den 19 Großinsolvenzen waren acht Eigenverwaltungen und elf klassische Regelinsolvenzen. Damit liegt der Anteil der Eigenverwaltungen um zehn Prozentpunkte deutlich über dem Industriedurchschnitt. Große Logistiker setzen die sanierungsfreundlichen Verfahren zunehmend als Werkzeuge ein, um entweder gezielt Unternehmensteile zu verkaufen, sich aus unrentablen Märkten zurückzuziehen oder andererseits die Transformation zu mehr Automatisierung im Unternehmen voranzutreiben.
Inhabergeführte Unternehmen streben private Lösungen an. Sie investieren privates Geld, verkaufen Flottenteile oder geben diese an den Leasinggeber zurück. Eine weitere Möglichkeit ist der Verkauf an den Wettbewerb oder die Kunden. Dies ist eine “stille Konsolidierung” des Marktes, die sich nicht in den Insolvenzstatistiken zeigt.
Logistikverkehr stagniert – mit Verschiebungen nach Osteuropa
Die Insolvenzzahlen könnten in den nächsten Jahren jedoch durch ein verändertes Transportaufkommen wieder stark steigen. Der absolute Transportaufwand ist ähnlich hoch geblieben, er verteilt sich jedoch mehr auf innerstädtische Versorgungsfahrten durch Kurier-, Express- und Paketdienste. Der Anteil der klassischen Schwerlastverkehre steigt deutlich langsamer und differenzierter. Allerdings ist das Konsumverhalten sehr zurückhaltend und hat sich auf einem niedrigeren Niveau stabilisiert. Wenn der Spartrend bei den Verbrauchern anhält, dürften auch die Lieferungen stagnieren.
Für die Insolvenzen in 2026 ist noch eine Seitwärtsbewegung auf hohem Niveau bei Großunternehmen und auf geringerem Niveau bei KMUs zu erwarten. Immer mehr Industrieproduktionen und Logistikzentren werden wegen niedrigerer Arbeits- und Infrastrukturkosten nach Osteuropa verlagert. Folglich wird der deutsche und westeuropäische Transportmarkt zurückgehen, während osteuropäische und südosteuropäische Anbieter zulegen werden. Zwar wurden viele große Logistikzentren in Deutschland geplant, dann aber in Polen oder Tschechien realisiert. Diese Regionen entwickeln sich zu Versorgungshubs für Deutschland, das auch in den kommenden Jahren seine zentrale Rolle im europäischen Schwerlast-Transitverkehr behalten wird. Das Transportvolumen von Osteuropa über und durch Deutschland wird steigen. Aufgrund der Standortnachteile werden deutsche Transportunternehmen davon nicht zwingend profitieren.
Neue Logistikmodelle in der Last-Mile – Quartiere statt Haustüren
Ein Lichtblick könnte der Trend in der “letzten Meile” sein, der sich in den nächsten Jahren verstärken wird. Logistiker und Kunden werden zunehmend zur Quartierslogistik übergehen. Anstelle von Hauslieferungen entstehen zentrale Abholstationen in den Stadtteilen. Schon heute werden Kunden per Mail aufgefordert, ihre Pakete lieber an Abholstationen in Empfang zu nehmen. Die großen Player öffnen sich langsam für dezentrale Konzepte, und Kommunen üben Druck auf die Paketdienste aus, um den Lieferverkehr in den Innenstädten zu reduzieren. Zahlreiche Start-ups experimentieren bereits mit dezentralen Paketsammelstellen in Schulen oder Kirchen.
Tabellen: Entwicklung der Insolvenzen in der Logistik
Unternehmen mit Umsatz über 10 Mio. Euro
| Jahr | Alle Branchen | Logistik | Veränderung Logistik [%] |
|---|---|---|---|
| 2020 | 292 | 6 | |
| 2021 | 163 | 11 | |
| 2022 | 227 | 10 | |
| 2023 | 279 | 9 | |
| 2024 | 378 | 18 | |
| 2025 | 471 | 19 | +5,6 % |
Alle Umsatzklassen
| Jahr | Alle Branchen | Logistik | Veränderung Logistik [%] |
| 2020 | 13.749 | 609 | |
| 2021 | 11.093 | 582 | |
| 2022 | 11.764 | 516 | |
| 2023 | 14.799 | 410 | |
| 2024 | 18.636 | 465 | |
| 2025 | 20.849 | 469 | +0,9 % |
Über den Autor
Gunter Fittkau ist seit Juli 2025 Partner bei der Transformationsberatung Falkensteg und verantwortet dort den Bereich Logistik. Der gelernte Speditionskaufmann verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in Logistik und Transport. Er war unter anderem als Geschäftsführer bei Müller – Die lila Logistik SE sowie ALSO Logistics tätig und arbeitete als Berater bei VuP | Vallée und Partner, Drees & Sommer und der lbn Logistikberatung. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf der Optimierung, Digitalisierung und Automatisierung logistischer Prozesse sowie auf Reorganisationen und Restrukturierungen.







