In Europa gelten weiterhin sehr unterschiedliche Mautmodelle. Nach Angaben der IRU bestehen derzeit vier Systeme nebeneinander.
Zypern, Finnland und Malta erheben keine Gebühren für schwere Nutzfahrzeuge. In elf Ländern wird die tatsächlich gefahrene Strecke über GNSS oder straßenseitige DSRC-Technik abgerechnet. Sechs Staaten setzen auf zeitbasierte Vignetten, sieben weitere auf klassische Mautstationen.
Diese Aufteilung wird sich schrittweise verändern. Die überarbeitete Eurovignetten-Richtlinie sieht vor, dass Lkw-Vignetten auf dem Kernnetz des TEN-T ab März 2030 grundsätzlich nicht mehr zulässig sind. Ausnahmen bleiben möglich. Der langfristige Trend geht damit klar zur streckenabhängigen Abrechnung.
Für internationale Transporteure hängt die Rechnung zunehmend von mehreren Faktoren ab: der Länge der Route, der Euro-Abgasnorm, der CO₂-Klasse des Fahrzeugs und den Regeln des jeweiligen nationalen Mautsystems.
Polen: Höhere Sätze und 645 zusätzliche Mautkilometer
Für polnische Transportunternehmen haben sich die Kosten 2026 bereits spürbar erhöht. Polen hat die Mautsätze in zwei Schritten angehoben. Sie liegen nun etwa 40 Prozent über dem Niveau von 2025. Zusätzlich wurden 645 Kilometer in das mautpflichtige Straßennetz aufgenommen.
Für die Gesamtkosten ist aber nicht nur der Preis pro Kilometer entscheidend. Ebenso wichtig ist, wie viele Kilometer ein Fahrzeug tatsächlich auf mautpflichtigen Straßen zurücklegt. Auch Tschechien, Lettland und die Slowakei haben ihre gebührenpflichtigen Netze 2026 erweitert.
Die von Polen geplanten CO₂- und Luftschadstoffkomponenten sind laut IRU weiterhin Vorschläge. Sie dürfen daher nicht mit bereits geltenden Vorschriften verwechselt werden.
CO₂ kostet inzwischen fast so viel wie die Straße selbst
Die größte Veränderung bei der europäischen Lkw-Maut ist die zunehmende Gewichtung der Emissionen. In einem streckenabhängigen System kann sich die Gebühr aus einer Infrastrukturkomponente sowie Gebühren für Luftverschmutzung, Lärm und CO₂ zusammensetzen.
Seit dem 25. März 2026 ist in den mautpflichtigen Netzen der Europäischen Union grundsätzlich eine an die Luftverschmutzung gekoppelte Komponente vorgeschrieben. Die gesetzlichen Regelungen lassen allerdings bestimmte Ausnahmen zu. Die Höhe dieser Komponente hängt unter anderem von der Euro-Abgasnorm des Fahrzeugs ab.
Noch wichtiger wird die CO₂-Einstufung. Fahrzeuge werden einer von fünf Klassen zugeordnet. Für Klasse 1 gilt der höchste Satz, Klasse 5 ist für emissionsfreie Lkw vorgesehen.
Deutschland zeigt, wie stark sich die Zusammensetzung der Maut verändert hat. Für ein 40 Tonnen schweres Gespann mit fünf Achsen, Euro VI und CO₂-Klasse 1 veranschlagt die IRU auf deutschen Autobahnen etwa 0,35 Euro je Kilometer. Davon entfallen 45,4 Prozent auf die CO₂-Komponente und 44,5 Prozent auf die Infrastrukturgebühr.
Die emissionsabhängige Gebühr ist damit beinahe so hoch wie der klassische Straßenanteil. Bei einem Verbrauch von 30 Litern je 100 Kilometer und Dieselpreisen aus Mitte September veranschlagt die IRU die Kosten für Kraftstoff und Maut zusammen auf rund 1,09 Euro je Kilometer.
Die CO₂-Klasse kann sich ändern, obwohl der Lkw unverändert bleibt
Auch die Zahl der Länder, die CO₂ in die Mautberechnung einbeziehen, ist 2026 gestiegen. Zuvor nutzten neun Staaten ein entsprechendes Verfahren. Bulgarien kam im Juni hinzu. Dadurch verteuerte sich eine Fahrt mit einem Euro-VI-Lkw nach Schätzung der IRU um etwa 17 Prozent. Im Juli kamen die Niederlande und Flandern mit vergleichbaren Regelungen hinzu.
Deutschland verschärfte außerdem am 1. Juli 2026 die Referenzwerte für die Ermittlung der CO₂-Klassen.
Für Transporteure bedeutet das: Ein Fahrzeug kann künftig in eine ungünstigere Klasse fallen, auch wenn sich an seiner technischen Ausstattung nichts geändert hat. Die IRU empfiehlt deshalb, die CO₂-Einstufung jedes Lkw regelmäßig beim zuständigen Mautbetreiber zu überprüfen.
Niederlande: Vorübergehende Entlastung, danach deutlicher Aufschlag
Die Entwicklung in den Niederlanden zeigt, dass sich Mautsätze nicht nur in eine Richtung bewegen. Das streckenabhängige Mautsystem ging am 1. Juli 2026 in Betrieb. Wegen gestiegener Kraftstoffkosten wurden die Sätze von September bis Dezember vorübergehend um 22,3 Prozent reduziert.
Ab dem 1. Januar 2027 sollen wieder die regulären Sätze gelten. Zusätzlich ist eine Indexierung um 2,6 Prozent vorgesehen. Für einen Euro-VI-Lkw mit mehr als 32 Tonnen und CO₂-Klasse 1 würde der Tarif dadurch von 0,156 auf 0,206 Euro je Kilometer steigen.
Nach Berechnungen der IRU lägen die Gesamtkosten damit rund 32 Prozent höher. Bei 10.000 mautpflichtigen Kilometern wären das nahezu 500 Euro zusätzliche Kosten. Mitte September waren die für 2027 vorgesehenen Tarife allerdings noch vorläufig.
Rumänien rechnet die Maut bereits nach Strecke ab
Rumänien hat am 1. Oktober 2026 die Vignette für schwere Fahrzeuge über 3,5 Tonnen durch das streckenabhängige System TollRo ersetzt. Für einen Euro-VI-Lkw mit einem zulässigen Gesamtgewicht von mindestens 12 Tonnen kostet die Fahrt auf Autobahnen 0,48 rumänische Lei je Kilometer, also rund 0,10 Euro. Auf Nationalstraßen gilt der halbe Satz.
Bis zum 15. Januar 2027 erfolgt die Zahlung über ein Streckenticket oder eine App. Danach sollen On-Board-Geräte und die Unterstützung durch EETS folgen. Damit könnten mehrere nationale Mautsysteme über ein einziges Gerät abgewickelt werden.
Litauen startet im Januar mit Via Toll
Eine der wichtigsten Reformen für den Jahresbeginn 2027 steht in Litauen an. Am 1. Januar soll dort Via Toll starten. Das neue System berechnet die Gebühr nach der gefahrenen Strecke und enthält zusätzlich eine CO₂-Komponente. Für einen Euro-VI-Lkw über 12 Tonnen mit höchstens drei Achsen erwartet die IRU einen durchschnittlichen Tarif von rund 0,111 Euro je Kilometer.
Die Größenordnung zeigt sich auch bei den erwarteten Einnahmen. Trotz weitgehend gleichbleibender Verkehrsmengen sollen die jährlichen Mauterlöse von etwa 70 Millionen auf 110 Millionen Euro steigen. Die durchschnittliche Belastung wird damit insbesondere für Transporteure mit umfangreichen Transitverkehren zunehmen.
Slowakei: Neue On-Board-Geräte für Transporteure
Ab dem 1. Januar 2027 will die Slowakei die Mauterhebung auf ein staatlich betriebenes System umstellen. Für Transporteure ist vor allem die Technik im Fahrzeug relevant. Unternehmen, die derzeit Geräte von SkyToll einsetzen, müssen voraussichtlich auf neue nationale On-Board-Geräte umsteigen oder einen EETS-Anbieter nutzen.
Nach Angaben der IRU wurde das Verfahren für den Austausch bislang noch nicht veröffentlicht. Das staatliche slowakische Prüfamt soll den Zeitplan für die Umsetzung ebenfalls als riskant eingestuft haben.
Frankreich: Neue Gebühren im Osten
Für Unternehmen, die durch Ostfrankreich fahren, stehen ebenfalls weitreichende Änderungen bevor. Ab dem 1. Januar 2027 soll das System R-Pass im Elsass rund 200 Straßenkilometer abdecken. Für Lkw über 3,5 Tonnen werden Gebühren zwischen 0,07 und 0,34 Euro je Kilometer erwartet.
Ab dem 1. April soll im übrigen Teil der Region Grand Est auf etwa 525 Kilometern eine vergleichbare Abgabe hinzukommen. Die Einzelheiten sind noch nicht abschließend festgelegt. Für Unternehmen auf diesem Korridor wird außerdem die technische Interoperabilität eine wichtige Rolle spielen.
Ab 2027 könnten im Grand Est bis zu sechs verschiedene Mautsysteme aktiv sein. Ein einziges aktiviertes EETS-Gerät mit 4G-Verbindung kann die separaten Geräte der einzelnen Netze ersetzen. Voraussetzung ist, dass der gewählte Anbieter alle auf der jeweiligen Route benötigten Systeme abdeckt.
Kroatien verabschiedet sich von Mautstationen
Auch Kroatien plant eine grundlegende Reform. Ab März 2027 sollen die herkömmlichen Mautstationen durch ein automatisches System ersetzt werden, das Fahrzeuge während der Fahrt erfasst und die Gebühr abrechnet. Ein Anhalten ist dann nicht mehr erforderlich. Für Fahrzeuge im Güterverkehr wird dafür der jeweils passende Transponder oder ein On-Board-Gerät benötigt.
Die Fahrer müssen künftig nicht mehr an klassischen Zahlstellen warten. Die Transportunternehmen sollten ihre Fahrzeuge jedoch rechtzeitig für das neue Verfahren ausrüsten.
Schweden weitet sein Vignettensystem aus
Nach Angaben der IRU will Schweden sein Vignettensystem im März 2027 auf Güterfahrzeuge über 3,5 Tonnen ausdehnen. Dauerhaft dürfte diese Lösung jedoch nicht bestehen bleiben, da die Regeln der Europäischen Union Vignetten auf dem Kernnetz des TEN-T schrittweise zurückdrängen.
Dänemark und Polen: Noch nicht alles beschlossen
Die IRU weist auf zwei geplante Änderungen hin, die teilweise bereits als beschlossene Maßnahmen dargestellt werden. Formell verabschiedet sind sie jedoch noch nicht. In Dänemark geht es um die geplante Ausweitung der streckenabhängigen Maut auf Fahrzeuge über 3,5 Tonnen. Der zweite Punkt betrifft den polnischen Vorschlag für CO₂- und Luftschadstoffgebühren.
In beiden Fällen sollten Transporteure den weiteren Gesetzgebungsprozess verfolgen. Die angekündigten Regelungen werden erst dann verbindlich, wenn sie offiziell verabschiedet wurden.
Alte On-Board-Geräte könnten zum Problem werden
Die Veränderungen betreffen nicht nur Tarife und mautpflichtige Strecken. Französische Mobilfunkanbieter wollen ihre 2G-Netze bis Ende 2026 abschalten; in Deutschland ist ein vergleichbarer Schritt für 2028 geplant. Neue Mautsysteme werden 2G nicht unterstützen. Flottenbetreiber sollten deshalb prüfen, ob die aktuell eingesetzten Geräte ersetzt werden müssen.
EETS-Lösungen gewinnen nicht nur an Bedeutung, weil sich damit die Maut in mehreren Ländern über ein Gerät abrechnen lässt. Sie erfüllen zugleich die technischen Anforderungen moderner Mautnetze.
Eine vollständige Befreiung für E-Lkw bleibt nicht dauerhaft möglich
Auch emissionsfreie Fahrzeuge sind von den Änderungen betroffen. Ab Mitte 2031 dürfen die Mitgliedstaaten solche Lkw nicht mehr vollständig von Straßenbenutzungsgebühren befreien.
Statt einer kompletten Befreiung ist dann eine Reduzierung der Maut um 50 bis 75 Prozent zulässig. Das bestätigt den allgemeinen Trend: Europas Mautsysteme werden komplexer und orientieren sich zunehmend an Strecke, Emissionen und den technischen Merkmalen des jeweiligen Fahrzeugs.
Jährliche Preislisten reichen nicht mehr aus
Die Analyse der IRU zeigt, dass internationale Transporteure die Mautkosten nicht mehr anhand einer einzigen, einmal jährlich aktualisierten Preisliste kalkulieren können.
2026 änderten sich nicht nur die Tarife. Die Mautnetze wurden erweitert, neue emissionsabhängige Bestandteile eingeführt, CO₂-Klassen angepasst und die Verfahren zur Gebührenerhebung in mehreren Ländern umgestellt.
Zum Jahresbeginn 2027 folgen weitere Reformen auf wichtigen internationalen Transportrouten.
Transportunternehmen müssen daher Tarife, den Umfang der mautpflichtigen Straßen, die CO₂-Klasse jedes Fahrzeugs, die technischen Anforderungen an On-Board-Geräte und die Zeitpläne für kommende Änderungen im Blick behalten. Eine Preisliste allein genügt in der Praxis nicht mehr. Entscheidend für die endgültige Rechnung ist zunehmend, welches Fahrzeug eingesetzt wird, welche Strecke es nimmt und wann die Fahrt stattfindet.








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