Hungerlohn und mehrere Jahre im LKW. Die Spur führt zu einem Speditionsunternehmen aus Osteuropa

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Das dänische Speditionsunternehmen mit einer Tochtergesellschaft in Polen ist in die Kritik geraten. Ihm wurden Sozialdumping und Verstöße gegen die Kabotagevorschriften vorgeworfen. Es zahlt den Fahrern 25 Kronen pro Stunde, obwohl der gesetzliche Mindestlohn in Dänemark bei 163,5 dänischen Kronen liegt.

Hungerlohn und mehrere Jahre im LKW. Die Spur führt zu einem Speditionsunternehmen aus Osteuropa
Fot. AdobeStock/Siwakorn1933

Contrans ist einer der größten Containertransporteure in Dänemark und beliefert Kunden wie Lego, Jysk und Bestseller. Das Unternehmen mit Sitz in Kolding beschäftigt etwa 400 Fahrer, einige von ihnen sind aber über die polnische Gesellschaft „Henrik Hansen sp. z o.o.“ angestellt. Es stellt sich heraus, dass ausländische Fahrer, die für die Tochtergesellschaft des dänischen Unternehmens Contrans arbeiten, einen Stundenlohn von 25 Kronen (ca. 3,40 Euro) erhalten. Gemeint sind Lkw-Fahrer aus osteuropäischen Ländern und den Philippinen, die trotz den seit letztem Jahr geltenden dänischen Entsendevorschriften weniger als 5.000 Kronen (ca. 672 Euro) pro Monat für ihre Arbeit in Dänemark erhalten, berichtet das Portal der größten dänischen Gewerkschaft 3F. Die Gewerkschafter fanden Unterlagen über Löhne sogar unter 15 Kronen (2 Euro) pro Stunde.

Die Gewerkschaft sprach mit mehreren Contrans-Fahrern. Viele philippinische Lkw-Fahrer gaben an, dass sie regelmäßig umgerechnet 3.509 Kronen pro Monat erhalten. Der Lohn wird in Zloty ausgezahlt, weil die Fahrer bei der polnischen Contrans-Gesellschaft „Henrik Hansen Sp. z o.o.“ angestellt sind (Henrik Hansen ist der Name des dänischen Unternehmers).

-„Ich weiß, dass ich einen dänischen Lohn bekommen sollte, wenn ich in Dänemark fahre. Aber die Firma hat nie dafür bezahlt”, sagt der ukrainische Fahrer Sergii Shved, der 2021 für Contrans fuhr.

Der Mann erhielt monatlich zwischen 1.700 und 2.250 Zloty (375 – 496 Euro) zuzüglich der gesetzlichen Spesen. Obwohl er fast ausschließlich Kabotagefahrten innerhalb Dänemarks durchführte, lag die Vergütung völlig außerhalb des Mindestlohns in diesem Land.

Skandalöse Zustände

Wie aus dem von 3F veröffentlichten Material hervorgeht, leben und arbeiten ausländische Lkw-Fahrer monatelang, manche sogar mehrere Jahre, in ihren Lkw in Dänemark, obwohl dies illegal ist.

-„Ich lebe seit drei Jahren im Führerhaus meines Lastwagens, mit zwei Unterbrechungen für eine Reise auf die Philippinen”, verrät Felipe, ein Fahrer, der bei der Tochtergesellschaft des dänischen Transportunternehmens beschäftigt ist, den Gewerkschaftern.

Felipe ist sicherlich der Rekordhalter, aber auch andere Fahrer haben der Gewerkschaft berichtet, dass sie monatelang in ihren Lkw kampierten, obwohl das Gesetz ausdrücklich vorschreibt, dass sie ihre regelmäßige wöchentliche Ruhezeit außerhalb des Fahrerhauses einlegen müssen.

-„Ich lebe 16 Monate lang ununterbrochen in dem Lkw, seit ich das letzte Mal auf den Philippinen zu Hause war”, sagte Lkw-Fahrer Gabriel.

-” Wir kennen die Regeln, aber die Firma zwingt uns, sie zu brechen. Wir haben keine andere Wahl. Unsere Firma sagt, dass dies kein Problem sei und dass Henrik im Falle einer Kontrolle wahrscheinlich Bußgeld zahlen müsse”, fügte Gabriel hinzu.

-„Das Unternehmen behandelt uns wie Tiere. Wir sind keine Menschen, sondern ihre Sklaven”, kritisiert das Unternehmen der 39-jährige ukrainische Fahrer Sergii, der 2 Jahre und 8 Monate im Lkw verbracht hat.

Verstöße gegen Kabotagevorschriften

Zu niedrige Löhne und Verstöße gegen die Arbeits- und Ruhezeitvorschriften sind aber noch nicht das Ende der Unregelmäßigkeiten, die dem dänischen Unternehmen vorgeworfen werden. Nach Aussagen der Fahrer für 3F sind sie ebenfalls gezwungen, die zulässige Höchstgrenze für Kabotagefahrten zu überschreiten.

Nach der Überprüfung der Fahrberichte von 15 Fahrern, die in der zweiten Jahreshälfte 2021 für Contrans unterwegs waren, gehen die Polizei und 3F von einem Verstoß gegen die sogenannten Kabotagevorschriften aus.

– „Jeder weiß, dass wir maximal drei Kabotagen machen können, bevor wir das Land verlassen müssen, aber ich habe viel mehr gemacht – und manchmal bin ich mehrere Wochen lang in Dänemark gefahren”, verriet der ukrainische Fahrer Sergii Shved.

Die Worte des philippinischen Fahrers Nathan scheinen die Praktiken des Transportunternehmens zu bestätigen.

– „Die Firma bietet mir sechs oder sieben Kabotagefahrten an und sagt mir, ich müsse aufpassen, dass ich nicht kontrolliert werde”, fügte Nathan hinzu.

– „Ich mache oft fünf oder sechs Kabotagen. Ich habe mich schon ein paar Mal bei der Firma beschwert, aber es wurde mir gesagt, es gäbe kein Problem. Im Falle einer Kontrolle zahlt die Firma die Strafe”, erklärt Gabriel von den Philippinen.

Das Unternehmen bestreitet jedoch vehement, dass es im Unternehmen zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.

– „Dies ist nicht der Fall. Ich kann nur sagen, dass wir alle Vorschriften, einschließlich der Kabotage, zu 100 Prozent einhalten”, erklärt Henrik Hansen, der Eigentümer des Unternehmens.

– „Wir halten uns strikt an die Regeln. Wir werden oft angehalten und erhalten praktisch keine Geldstrafen,” fügt der von 3F zitierte Hansen hinzu.

„Weit entfernt von Sozialdumping“

Die Contrans-Niederlassung in Polen wurde Ende Sommer 2018 in Warschau gegründet. Damals half die dänische Botschaft dem Spediteur.

„Die Botschaft hat uns geholfen, den polnischen Markt zu analysieren. Wir wurden beraten, wie wir ein Unternehmen gründen können, welche rechtlichen Anforderungen und Vorschriften in Polen gelten und so weiter“, erklärte im April 2019 Axel Junker, der damalige Geschäftsführer von Contrans, dem Portal Netavisen Pio.

Junker betonte zudem damals, dass die von der polnischen Firma Contrans beschäftigten Fahrer nicht nach den dänischen Tarifverträgen bezahlt werden.

„Wer in Polen beschäftigt ist, bekommt natürlich einen polnischen Lohn, aber von Sozialdumping sind wir weit entfernt. Wir behandeln unsere Fahrer angemessen. Wir wollen das Beste für unsere Mitarbeiter und versuchen, alles zu tun, sowohl für diejenigen in den Lkw als auch für diese im Büro“, so Junker.

Kommentar der Redaktion

Das Problem des europäischen Transportsektors sind nicht die von einigen westlichen Politikern verteufelten Spediteure aus Osteuropa. Der faire Wettbewerb auf dem EU-Transportmarkt wird durch „Briefkastenfirmen“ verzerrt, die von westlichen Unternehmen mit dem alleinigen Zweck gegründet werden, die Betriebskosten zu senken. Häufig begehen diese Unternehmen die im obigen Artikel genannten Verstöße, was dazu führt, dass die östlichen Spediteure als Schwindler und Ausbeuter gebrandmarkt werden. Es waren vor allem die Handlungen dieser Unternehmen, die die Aufmerksamkeit der Europäischen Kommission auf das angebliche „osteuropäische Sozialdumping“ lenkten und zur Ausarbeitung des Mobilitätspakets beitrugen. Die neuen Vorschriften über die Entsendung von Fahrern werden es jedoch für „kreative“ westliche Spediteure schwieriger machen, solche Praktiken anzuwenden. Denn jetzt müssen Fahrer, die in mittel- und osteuropäischen Ländern beschäftigt sind, wo die Arbeitskosten zweifellos niedriger sind, bei vielen Transporten ohnehin nach den gleichen Tarifen bezahlt werden wie ihre Kollegen aus den westlichen Ländern, in denen sie Kabotage durchführen.

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