Nach monatelangen Verhandlungen haben sich Zalando und der Betriebsrat im Rahmen einer Einigungsstelle auf einen Sozialplan geeinigt. Das Logistikzentrum in Erfurt wird wie angekündigt Ende September 2026 geschlossen. Ein Interessenausgleich kam nicht zustande, ebenso scheiterte die Forderung nach einer Transfergesellschaft für die Beschäftigten.
Für Thüringens Arbeitsministerin Katharina Schenk ist das ein falsches Signal.
Gerade ein Unternehmen dieser Größe und wirtschaftlichen Stärke hätte die Möglichkeit und aus meiner Sicht auch die soziale Verantwortung gehabt, den betroffenen Beschäftigten in dieser schwierigen Situation stärker zur Seite zu stehen“, erklärte sie.
Eine Transfergesellschaft hätte insbesondere älteren Beschäftigten sowie Menschen mit Behinderungen den Übergang in neue Beschäftigung erleichtern können.
Keine Krise, sondern Umbau des Logistiknetzes
Die Standortschließung ist jedoch nicht auf eine schwache Geschäftsentwicklung zurückzuführen. Zalando begründet den Schritt mit der strategischen Neuausrichtung seines europäischen Logistiknetzwerks nach der Übernahme des Hamburger Onlinehändlers About You.
Der Konzern verfolgt das Ziel, Lagerkapazitäten effizienter zu bündeln und sein europaweites Netzwerk stärker auf automatisierte Standorte auszurichten. Gleichzeitig gewinnt das B2B-Geschäft an Bedeutung. Über die Plattform ZEOS bietet Zalando inzwischen auch Logistikdienstleistungen für andere Marken und Händler an. Zusammen mit der E-Commerce-Software Scayle, die durch die About-You-Übernahme zum Konzern gehört, soll das Logistiknetz künftig flexibler und wirtschaftlicher genutzt werden.
Im Zuge dieser Neuordnung entsteht unter anderem ein neuer Logistikstandort in Gießen. Transportvolumen werden damit innerhalb des Netzwerks neu verteilt.
Auswirkungen reichen über den Standort hinaus
Für die Transportbranche endet mit Erfurt einer der größten konzerneigenen Zalando-Standorte in Ostdeutschland. Auch wenn Zalando keine Angaben zu betroffenen Logistikpartnern macht, dürfte die Schließung Auswirkungen auf zahlreiche Dienstleister haben.
Zum Standort gehörten über Jahre regelmäßige Linienverkehre zwischen den Fulfillment-Centern, Pakettransporte, Shuttleverkehre sowie Anlieferungen und Retourentransporte. Mit der Schließung werden sich diese Warenströme verlagern.
Während regionale Speditionen und Subunternehmer in Thüringen Transportaufträge verlieren könnten, dürften Logistikdienstleister an anderen Standorten – insbesondere im Umfeld neuer Distributionszentren – künftig zusätzliche Mengen übernehmen. Für viele Unternehmen bedeutet dies eine Anpassung bestehender Liniennetze und Tourenplanungen.
Arbeitsmarkt steht vor einer Herausforderung
Die größte Herausforderung bleibt jedoch die Vermittlung der Beschäftigten. Nach Angaben der Agentur für Arbeit Thüringen Mitte sind in der Region derzeit rund 4.700 offene Stellen gemeldet. Allerdings richten sich mehr als 80 Prozent dieser Angebote an Fachkräfte.
Gleichzeitig arbeiten nach Schätzungen der Behörde rund 1.300 der noch etwa 2.100 Zalando-Beschäftigten in Anlern- oder Helfertätigkeiten. Für diese Berufsgruppe stehen lediglich rund 650 offene Stellen zur Verfügung.
Ab August soll deshalb ein 14-köpfiges Transformationsteam direkt am Standort beraten, Qualifizierungen organisieren und Beschäftigte möglichst noch vor Eintritt der Arbeitslosigkeit in neue Arbeitsverhältnisse vermitteln.
Strukturwandel im E-Commerce setzt sich fort
Für die Logistikbranche zeigt der Fall Erfurt einen Trend, der sich seit einigen Jahren abzeichnet: Nicht die Zahl der Sendungen entscheidet über den Fortbestand einzelner Standorte, sondern deren Rolle innerhalb europaweiter Netzwerke. Betreiber investieren zunehmend in hochautomatisierte Logistikzentren und bündeln Volumen an strategisch günstig gelegenen Standorten.
Für Transportdienstleister bedeutet dies, dass sich Auftragsströme künftig noch stärker verschieben können. Regionale Nähe zu einem großen Lager bietet damit immer weniger Planungssicherheit – entscheidend wird vielmehr die Einbindung in überregionale Netzwerke und langfristige Logistikpartnerschaften.









