Die Ankündigung von Zalando, das Logistikzentrum im thüringischen Erfurt bis Ende September 2026 schließen zu wollen, sorgt seit Tagen für Proteste. Wie unter anderem die dpa berichtet, wären rund 2.700 Arbeitsplätze betroffen. Der Standort zählt zu den ältesten Logistikzentren im Zalando-Netzwerk.
Der Betriebsrat wirft dem Unternehmen vor, seinen Informationspflichten nach dem Betriebsverfassungsgesetz nicht ausreichend nachgekommen zu sein. „Dies muss umfassend nachgeholt werden“, heißt es in einer Stellungnahme. Erst dann könne über Sozialpläne verhandelt werden.
Task Force und politische Kritik
Die Thüringer Landesregierung kündigte nach Gesprächen mit der Arbeitnehmervertretung die Einrichtung einer Task Force „Zalando“ an. Diese soll laut Wirtschafts- und Arbeitsministerium Maßnahmen zur Arbeitsplatzvermittlung, Standortentwicklung und Investorensuche koordinieren.
Arbeitsministerin Katharina Schenk (SPD) äußerte deutliche Kritik am Vorgehen des Unternehmens. Sie vermute, dass die Beschäftigten bis zuletzt über die wirtschaftliche Lage des Standorts im Unklaren gelassen wurden. Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU) erklärte, eine frühzeitige Einbindung des Landes hätte Chancen für Investitionen in die Modernisierung des Logistikzentrums eröffnen können.
Gewerkschaften fordern Konsequenzen
Scharfe Kritik kommt auch von Gewerkschaftsseite. Der DGB-Bezirksvorsitzende Michael Rudolph forderte, Zalando müsse sich „in erheblichem Umfang“ an der Zukunftssicherung der Beschäftigten beteiligen. Angesichts von rund 22 Millionen Euro an Fördermitteln für die Ansiedlung in Thüringen sprach Rudolph von „Subventionstourismus“ und verlangte, dass Zalando für neue Standorte keine weiteren Steuergelder erhalte.
Auch die Gewerkschaft Verdi kritisierte die geplante Schließung scharf. Gewerkschaftssekretär Matthias Adorf erklärte, statt in den Erhalt der Infrastruktur zu investieren, habe Zalando „Tatsachen geschaffen“. Nach Angaben von ver.di habe der Vorstand die Beschäftigten noch bis zuletzt über die Zukunftsfähigkeit des Standorts beruhigt.
Strategische Standortentscheidung stößt auf Kritik
Die geplante Schließung des Logistikzentrums in Erfurt wird branchenübergreifend als strategische Neuausrichtung interpretiert. Beobachter verweisen darauf, dass Zalando parallel den Aufbau neuer Logistikkapazitäten in Mittelhessen vorantreibt und damit sein Netzwerk strukturell verschiebt. Während ältere Standorte mit hoher Personalbindung und gewachsenen Mitbestimmungsstrukturen aufgegeben werden, entstehen neue Logistikzentren mit moderner Automatisierung und anderen Kostenstrukturen.
Kritiker sehen darin weniger eine kurzfristige wirtschaftliche Notwendigkeit als vielmehr eine langfristige Optimierung des Logistiknetzwerks. Der Standort Erfurt gilt als personell stark besetzt und logistisch funktional, jedoch vergleichsweise kostenintensiv. Die Entscheidung, ihn aufzugeben, während an anderer Stelle investiert wird, wirft aus Sicht von Arbeitnehmervertretern Fragen zur sozialen Verantwortung und zur Nachhaltigkeit von Standortstrategien auf.
Zalando selbst spricht von einer schwierigen, aber notwendigen Entscheidung im Zuge der Weiterentwicklung des eigenen Logistiknetzwerks. Das Unternehmen betont, man wolle die betroffenen Beschäftigten im weiteren Prozess fair begleiten und Unterstützungsangebote schaffen. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Konzern an seiner grundlegenden Netzwerkstrategie festhält, auch wenn dies regional erhebliche Einschnitte bedeutet.
Für die Logistikbranche insgesamt sendet der Fall ein klares Signal: Standortentscheidungen werden zunehmend entlang von Effizienz-, Automatisierungs- und Skalierungsfaktoren getroffen. Langjährige Betriebszugehörigkeit, regionale Förderung oder bestehende Belegschaftsstrukturen bieten dabei offenbar keinen dauerhaften Schutz vor Schließungen.
Ausgang offen, Widerstand angekündigt
Noch ist die Schließung nicht vollzogen. Betriebsrat, Gewerkschaften und Landespolitik setzen auf Gespräche, Alternativkonzepte und mögliche Investoren für eine Nachnutzung des Standorts. Parallel laufen Gespräche mit der Arbeitsagentur und regionalen Logistikunternehmen, um Anschlussbeschäftigungen zu ermöglichen.
Ob Zalando an den Plänen festhält oder nachbessert, ist offen. Klar ist jedoch: Der Widerstand gegen die Schließung des Logistikzentrums Erfurt wächst und dürfte das Thema weiter auf der Agenda halten.









