In den vergangenen Wochen hat sich diese Entwicklung in konkreten Entscheidungen manifestiert: Ein Komponentenwerk soll schließen, ein etablierter Zulieferer hat Insolvenz angemeldet. Parallel dazu richten große Lkw-Hersteller ihren Blick verstärkt auf Mittel- und Osteuropa – Regionen, die geringere Kosten und mehr Flexibilität in der Produktion versprechen.
Standortschließung bis Ende 2028 geplant
Ein aktuelles Beispiel liefert Mann+Hummel, Hersteller von Filtrationssystemen. Das Unternehmen will den Standort Speyer bis Ende 2028 schließen. Produktion und Logistik sollen schrittweise auf andere Werke innerhalb des Konzerns verteilt werden.
Betroffen sind rund 600 Beschäftigte, darunter etwa 400 in der Produktion und in eng damit verbundenen Bereichen.
Mann+Hummel betont, dass die Entscheidung nichts mit der Leistung des Teams vor Ort zu tun habe. Ziel sei vielmehr, das europäische Produktionsnetz so auszurichten, dass es besser zu den aktuellen Marktbedingungen passt.
Als Gründe nennt das Unternehmen:
- gestiegene Energiekosten,
- hohe Arbeitskosten,
- schwaches Wirtschaftswachstum in Europa,
- Unsicherheiten im Welthandel.
Mit der Bündelung der Produktion will Mann+Hummel Skaleneffekte nutzen und die Wettbewerbsfähigkeit im gesamten Werksverbund stärken.
Zulieferer mit langer Tradition meldet Insolvenz an
Auch bei Zulieferern wird die finanzielle Belastung immer sichtbarer. Die Erich Jaeger GmbH, seit über 90 Jahren am Markt und vor allem auf Komponenten sowie elektrischen Systemen für Pkw und Lkw spezialisiert, hat beim Amtsgericht Friedberg Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 1.000 Menschen.
Erich Jaeger ist in Deutschland, Mexiko, Tschechien und China aktiv und unterhält zudem Vertriebsbüros unter anderem in Polen, Frankreich, den Vereinigten Staaten und Italien.
Nach den vorliegenden Informationen stehen kurzfristig drei Punkte im Vordergrund:
- den Betrieb aufrechtzuerhalten,
- die Lieferfähigkeit zu stabilisieren,
- einen Investor für das gesamte Unternehmen oder Teile davon zu finden.
Das ist kein Einzelfall: Von 2019 bis 2025 wurden in der deutschen Automobilindustrie rund 120.000 Stellen abgebaut – etwa zwei Drittel davon bei Zulieferern.
Produktion verlagert sich zunehmend nach Osteuropa
Die Veränderungen in Deutschland passen zu einem europaweiten Trend: Hersteller ordnen ihre Standorte neu und verlagern Kapazitäten. Ein Beispiel ist Daimler Truck. Das Unternehmen errichtet in Cheb im Westen Tschechiens, nahe der deutschen Grenze, ein neues Montagewerk. Die Anlage soll eine Kapazität von etwa 25.000 Lkw pro Jahr erreichen und rund 1.000 Arbeitsplätze schaffen. Das Vorhaben ist Teil des Sparprogramms „Cost Down Europe“.
Daimler Truck erwartet davon, Kosten zu senken, die Flexibilität in der Produktion zu erhöhen und komplexe Abläufe im europäischen Werksverbund zu vereinfachen.
Teile der derzeit in Deutschland und der Türkei produzierten Volumina sollen nach Tschechien verlagert werden. Das entspricht einer zunehmenden Arbeitsteilung in Europa: Anspruchsvollere Prozessschritte bleiben in Deutschland, während Montage und volumenstarke Fertigungsschritte stärker in kostengünstigere Regionen wandern.
Ähnliche Wege gehen auch andere Hersteller – darunter MAN, das ebenfalls Teile seiner Produktion nach Mittel- und Osteuropa verlegt.
Tiefer Strukturwandel mit Folgen für die Logistik
Werkschließungen, Insolvenzen im Zulieferbereich und Produktionsverlagerungen führen zu einem klaren Bild: Die deutsche Automobilindustrie befindet sich mitten in einem intensiven Transformationsprozess.
Kostendruck, Energiepreise, globaler Wettbewerb und technologischer Wandel verändern das klassische westeuropäische Produktionsmodell Schritt für Schritt. Teile der Wertschöpfung verschieben sich Richtung Mittel- und Osteuropa, während Deutschland stärker auf besonders anspruchsvolle Prozesse setzt.
In den kommenden Jahren dürfte diese Entwicklung die europäische Produktionslandkarte weiter neu zeichnen – und damit auch die Logistiknetzwerke, die diese Industrie stützen.









