„Ich biete 3.000 Euro im Monat an, aber ich finde niemanden” – lautet der Hilferuf

Als Gerardo Napoli, der Eigentümer des Logistikunternehmens Napolitrans, ankündigte, dass er Lkw-Fahrern ein monatliches Gehalt von 3.000 Euro anbiete, würde man annehmen, dass er eine Lawine von Bewerbungen bekäme. Doch bislang hat noch niemand auf das Angebot des italienischen Logistikers reagiert. Wieso?

„Ich biete 3.000 Euro im Monat an, aber ich finde niemanden” – lautet der Hilferuf
Foto: Pixabay/martaposemuckel

Ein Unternehmen, dass über 20 Jahre in der Logistik- und Transportbranche tätig ist, hat ein schwerwiegendes Problem mit dem Personalmangel. Am Gehalt und den Arbeitsbedingungen kann es nicht liegen, denn das Unternehmen bietet folgende Bedingungen an:

  • neun Stunden Arbeit pro Tag,
  • fünf Tage die Woche,
  • ein Monatsgehalt von 3.000 €.

Mein Unternehmen beliefert große Lebensmittelketten. Wir haben einen Umsatz von 80 Millionen und könnten noch höher messen, doch leider wird unser Umsatz durch den Personalmangel begrenzt, erklärt Napoli.

Derzeit sucht er 60 Trucker und würde, wie er zugibt, am liebsten unter einem Ernteausfall leiden. Leider ist Gerardo Napoli einer von vielen Spediteuren, die mit einem Fahrermangel zu kämpfen haben.

Ländervergleich – wo ist es am schlimmsten?

In Italien fehlen derzeit rund 17.000 Fahrer, schätzt die Zeitung Sole 24 Ore unter Berufung auf die Angaben des Frachtverbandes Anita (Associazione Nazionale Imprese Trasporti Automobilistici). Italien schlägt Alarm und will diese Lücke mit Arbeitsgenehmigungen für Ausländer schließen.

Immer weniger junge Italiener wollen sich hinter das Steuer eines Lastwagens setzen. Warum sollte man es also nicht mit Ausländern versuchen, die in unserem Land Arbeit suchen?”, fragte der Frachterverband ANITA, der vom Südtiroler Logistik-Unternehmer Thomas Baumgartner geführt wird.

Nicht nur in Italien ist das Problem vorhanden. Vor einigen Tagen haben wir die schwierige Situation in Großbritannien beschrieben, wo bereits 70.000 Lkw-Fahrer fehlen. In Deutschland schätzen die Verbände BGL und DSLV den Mangel auf 45.000 bis 60.000, in den USA werden bis 2023 bereits 100.000 Fahrer fehlen, berichtet huffingtonpost.it unter Berufung auf die Zahlen der American Trucking Association (ATA).

Bereits im März 2021 wies IRU darauf hin, dass das Problem des Fahrermangels in diesem Jahr mit der Erholung der Wirtschaft zunehmen wird. Unternehmen in Europa schätzten damals, dass der Mangel 17 Prozent erreichen würde, noch schlimmer in Mexiko, wo die Unternehmen einen Mangel von 18 Prozent angaben, in der Türkei von 20 Prozent, in Russland von 24 Prozent und in Usbekistan von fast 33 Prozent.

Niedrigere Altersuntergrenze und höheres Gehalt

In Europa sind die Hauptursachen des Problems der Mangel an Personen mit den erforderlichen Führerscheinen, das schlechte Image des Berufs, die unbefriedigenden Arbeitsbedingungen und die Schwierigkeit, junge Menschen für das Autofahren zu begeistern.

Die Italiener sagen es offen – die Hürde für den Berufseinstieg ist immer noch zu hoch.

Um Lkw-Fahrer zu werden, benötigt man einen Führerschein der Klasse E. Um sie zu bekommen, braucht man etwa 6.000 € und eine sechsmonatige Ausbildung. Nicht jeder hat so viel Ausdauer und Geld”, unterstreicht Gerardo Napoli von Napolitrans.

Der Unternehmer erwartet konkrete Unterstützung von den Behörden. Da die meisten Unternehmer nicht in der Lage sind, neue Fahrer zu finanzieren.

Es ist leicht zu berechnen: 6.000 Euro für 60 Mitarbeiter ergeben 360.000 Euro, was eine zu teure Investition ist, erklärt er an seinem Beispiel.

Wie er zugibt, besteht auch die Befürchtung, dass ein mit dem Geld des Unternehmers ausgebildeter Fahrer schnell zur Konkurrenz wechselt.

Führerschein in der Armee

Die italienischen Medien erinnern daran, dass es in der Vergangenheit keine Probleme bei der Erlangung eines Lkw-Führerscheins gab. Aus einem einfachen Grund: Als es noch die Wehrpflicht gab, durften die Wehrpflichtigen alle möglichen Fahrzeuge fahren, auch Lastwagen. Und die Fahrerlaubnis haben sie kostenlos gemacht.

Auch die Einstellung der jungen Menschen zur Arbeit hat sich geändert. Die lange Trennung von der Familie, die Nächte im LKW, die Unannehmlichkeiten, die das stundenlange Sitzen hinter dem Steuer mit sich bringt, werden für viele zu einem unüberwindbaren Hindernis.

Dieser Job zwingt zum Essen, wenn man nicht hungrig ist, und zum Schlafen, wenn man nicht müde ist”, heißt es auf huffingtonpost.it in einem kurzen, aber aussagekräftigen Kommentar zu den Jobs im Transportwesen.

Hinzu kommt das in vielen anderen Branchen zu beobachtende nachlassende Interesse junger Menschen an typisch körperlicher Arbeit, fügt Guido Rossi, Direktor des Verbands Astra Trasportatori Associati, hinzu.

Es gibt Licht am Ende des Tunnels

In der Lombardei, Italiens Wirtschaftsmotor, wird das Problem bereits behoben. Die Region hat das Programm „Formare per Assumere” (Ausbildung für Einstellung) ins Leben gerufen, das mit fünf Millionen Euro Fördergeld für Beiträge zur Ausbildung und Einstellung von Fachkräften zur Verfügung hat. Dazu zählen auch die Fahrer von Nutzfahrzeugen, die für den Lkw-Führerschein einen Berufsbeitrag erhalten. 8.000 Euro sind für Logistikunternehmen vorgesehen, die neue Fahrer einstellen, 3.000 Euro für jeden Arbeitnehmer, der einen Lkw-Führerschein erwerben möchte.

Der Mangel an italienischen Lkw-Fahrern und an technischem Fachpersonal hat uns in den letzten Jahren dazu veranlasst, uns in Brüssel und in Rom für öffentliche Maßnahmen einzusetzen, um die hohen Ausbildungskosten zu senken”, erklärt Paolo Ugge, Präsident des Frächterverbands Fai Conftrasporto.

Er freue sich, dass die Lombardei deren Vorschlag unterstützt, der neue Arbeitsplätze für junge Menschen in einem so wichtigen Sektor wie Transport und Logistik schaffen wird.

In Zusammenarbeit mit Dorota Ziemkowska.

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