Gut einen Monat nach der Einigung im Palazzo Chigi, mit der ein landesweiter Stillstand im Straßengüterverkehr abgewendet werden sollte, treten die Konfliktlinien in der Branche erneut zutage. Trasportounito kündigt für den 22. Juni eine landesweite Kundgebung an. Sie soll im Umfeld des Ministeriums für Infrastruktur und Verkehr an der Porta Pia im Zentrum Roms stattfinden.
Mit der Aktion will der Verband nach eigenen Angaben den Druck auf die Institutionen erhöhen und Themen zurück auf die politische Agenda bringen, die aus Sicht vieler Unternehmer seit Jahren ungelöst sind. Die Branche, die den Großteil der Waren in Italien bewegt, berichtet weiterhin von zunehmend schwierigen Rahmenbedingungen im Tagesgeschäft.
Warum der Konflikt weit über Dieselpreise hinausgeht
Auslöser ist das in den vergangenen Wochen geschlossene Maßnahmenpaket zwischen der Regierung und anderen Speditions- und Transportverbänden. Vorgesehen sind unter anderem Steuererleichterungen in Form von Steuergutschriften im Umfang von rund 300 Millionen Euro sowie verlängerte Fristen für bestimmte Steuerzahlungen von Transportunternehmen. Trasportounito hält das jedoch für unzureichend, um der aktuellen Lage gerecht zu werden.
Generalsekretär Maurizio Longo bezeichnete die Vereinbarung als „eine der schlechtesten Abmachungen, die es in der Branche je gab“. Die vorgesehenen Mittel könnten die Kostensteigerungen, die viele Betriebe – insbesondere beim Kraftstoff – getragen hätten, nicht annähernd ausgleichen.
Die Kritik richtet sich jedoch nicht nur auf kurzfristige Entlastungen. Nach Darstellung des Verbands habe sich die Verhandlungsrunde auf kurzfristige Krisenmaßnahmen beschränkt und zentrale Ursachen für den schwindenden Wettbewerbsvorteil des italienischen Straßengüterverkehrs ausgeblendet.
Strukturelle Probleme bleiben ungelöst
Im Vorfeld der Kundgebung in Rom bringt Trasportounito Forderungen erneut auf den Tisch, die nach eigenen Angaben seit Jahren nicht gelöst werden: klare Marktregeln, ein wirksames Sanktionssystem, Verkehrssicherheit sowie Investitionen in die Infrastruktur – und vor allem Maßnahmen gegen die zunehmend schwierige Suche nach Berufskraftfahrern.
Der Fahrermangel gilt als eine der größten Gefahren für die Funktionsfähigkeit vieler Transportunternehmen. Zwar ist das Problem europaweit spürbar, in Italien verschärfen es laut Verband eine alternde Belegschaft, die sinkende Attraktivität des Berufs und eine steigende Nachfrage nach Logistikleistungen.
Ohne strukturelle Maßnahmen, so die Warnung von Trasportounito, könne die wirtschaftliche Tragfähigkeit Tausender Unternehmen ins Wanken geraten. Viele Betriebe arbeiteten bereits mit immer geringeren Margen, während sie gleichzeitig hohe Energiekosten, neue Umweltvorgaben und zunehmenden Wettbewerbsdruck bewältigen müssten.
Signal an das Ministerium
Dass die Kundgebung in unmittelbarer Nähe des Ministeriums für Infrastruktur und Verkehr stattfinden soll, ist bewusst gewählt. Der Verband sieht die Behörde in direkter Verantwortung und spricht von einer langen Phase „totaler Gleichgültigkeit“ gegenüber dem Straßengüterverkehr.
Longo beschreibt die Eskalation als „ohne Alternative“: Die Branche könne sich nicht länger mit reinen Notmaßnahmen zufriedengeben, sondern brauche eine grundlegende Neuaufstellung der Rahmenbedingungen für den Straßengüterverkehr. Dass er das Maßnahmenpaket aus dem Palazzo Chigi als „staatliche Almosen“ bezeichnet, verdeutlicht zugleich die tiefe Distanz zu jenen Verbänden, die den Kompromiss mit der Regierung akzeptiert haben.









