Die Corona-Krise erhöht den bereits bestehenden Druck weiter. Das Pandemiegeschehen wirkt weltweit, und so auch in Deutschland, wie ein Brandbeschleuniger auf die laufenden Entwicklungen in der Logistikindustrie und schafft darüber hinaus auch noch ganz neue Herausforderungen. Das hat gerade zum Beginn der Krise für einige Unternehmen überraschend rasant zu Dringlichkeiten geführt, auf die nicht in jedem Fall sofort reagiert werden konnte.

Exponentiell wachsende Sendungsvolumina

Mit Lockdown, Abstandsregeln und neuen Hygienerichtlinien hat sich in diesem Jahr das Verbraucherverhalten unerwartet schnell verändert. Davon profitiert der Onlinehandel überdurchschnittlich. Durch Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen stieg besonders die Nachfrage nach Home-Entertainment-Produkten. Auch technische Geräte für die Kommunikation von zu Hause aus, Sportartikel, Kleinelektronik zur Körperpflege und medizinische Produkte erleben einen Boom, ebenso wie der Online-Lebensmittelhandel.

Doch die Pandemie hat nicht nur Auswirkungen auf Bestellvolumina, sondern auf alle Abläufe im E-Commerce und Transport, an denen Menschen beteiligt sind.

Herausforderungen auf der letzten Meile: Geschwindigkeit und Effizienz

Das Geschehen auf der letzten Meile (eng.: Last Mile) ist ein besonders sensibler Punkt im Transport, der Versanddienstleistern enorme organisatorische Leistungen abverlangt und den finanziellen Aufwand nach oben treibt. Insbesondere erfolglose Zustellversuche verursachen über 50 Prozent der Gesamtkosten und sind deshalb der größte Kostenfaktor bei Sendungslieferungen.

Lösungsansätze für diese Problematik sind bereits im Lieferverkehr implementiert. So ist es inzwischen zum Beispiel gängige Praxis, dass kurzfristige Änderungswünsche bezüglich der Zustellungsart oder dem Zustellungsort geäußert werden können. Kunden haben die Möglichkeit, per App oder Internetbrowser Empfängeradresse und Ablageort bis kurz vor der Auslieferung zu wechseln.

Der Nachteil für die Dienstleister: Änderungswünsche von Kunden erzwingen häufig ein Umstellen bereits ausgewählter Routen. Doch die Änderungsoption birgt auch Vorteile, denn sie erhöht erheblich die Wahrscheinlichkeit, den Empfänger bereits beim ersten Zustellversuch anzutreffen. Statistiken zufolge sind bei über 33% der Sendungen die Empfänger bei der herkömmlichen Erstzustellung nicht anzutreffen, bis zu 10% der Sendungen müssen von den KEP-Diensten zurückgenommen und ein nächster Zustellversuch durchgeführt werden.

Unter dem Strich sind kurzfristige Änderungsoptionen zwar sehr kundenfreundlich, von den KEP-Dienstleistern jedoch nur mit einem extrem hohen Maß an Flexibilität und Personal erfolgreich realisierbar. Das macht diese Option momentan eher zu einem imagefördernden als einem ökonomisch wertvollen Angebot. Die erhofften Entlastungen auf der Kostenseite konnten bisher noch nicht erreicht werden, weshalb einige Anbieter ihre Angebote, wie z.B. DHL die Wunschzeitlieferung Anfang Mai 2020, auch schon wieder eingestellt haben.

Eine weitere Strategie, die sich im Gegensatz dazu schon erfolgreich etablieren konnte, liegt in der Selbstabholung. Dabei schließt der Kunde die letzte Meile selbst, indem er die Ware an einer Paketstation oder im Paketshop abholt. Diese Lösung entlastet die Dienstleister und wird von Kunden gern angenommen.

Neue Chancen für die traditionelle Logistik: Kooperation mit innovativen Start-ups

Große Logistikdienstleister und etliche Start-ups gehen mit eigenen innovativen Lösungen ins Rennen und fördern durch neue kundenfreundliche Convenience-Angebote die Entschärfung der Last-Mile-Problematik. Investitionen in Lösungen für die Last-Mile-Logistik betrugen 2017 1,7 Mrd. US-Dollar. Im Jahr 2018 wurden weltweit knapp 3,8 Mrd. US-Dollar in Start-ups mit Lösungen für die letzte Meile investiert, Tendenz steigend.

Dabei sind die eingesetzten Technologien und Konzepte bisher sehr unterschiedlich ausgereift. Manche befinden sich in der Entwicklung, andere werden bereits prototypisch in der Praxis erprobt und einige sind längst als gängige Lösungen im Logistikalltag implementiert. Technologie- und Serviceplattformen wie beispielsweise „Liefery“ oder „Tiramizoo“ haben ihre Pilotprojekte unter anderem auch auf die zeitkritische Zustellung im Onlinehandel ausgerichtet und können sich damit im Markt halten. Der Erfolg ihres 90-Minuten-Lieferkonzepts beweist, dass baugleiche Vorhaben, wie die Wunschzeitzustellung von DHL, mit der richtigen Strategie überlebensfähig sind.

Die Bemühungen unter den Start-ups demonstrieren schon heute, dass in der letzten Meile noch sehr viel Innovationspotenzial steckt.

Auch die Belieferung von Verbrauchern durch Drohnen wird getestet. Der UPS-CEO* geht davon aus, dass möglicherweise auch Test-Kits oder, wenn verfügbar, der Impfstoff gegen das Coronavirus mithilfe der Drohnen verteilt werden können.

Die Bemühungen unter den Start-ups demonstrieren schon heute, dass in der letzten Meile noch sehr viel Innovationspotenzial steckt. Der nächste logische Schritt ist der Ausbau von Kooperationen zwischen traditionellen Logistikdienstleistern und jenen Start-ups, um Lücken in der eigenen Zustellstruktur zu schließen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Auswirkungen der Corona-Krise werden bestehende Last-Meile-Schwierigkeiten vermutlich erst einmal weiter verschärfen. Das macht neue entlastende Konzeptinnovationen künftig umso interessanter für die klassische Logistik.

Same-Day-Delivery – Convenience-Angebot mit hohen Hürden für Dienstleister

E-Commerce-Anbieter wie Amazon treiben schon länger mit Hochdruck den Ausbau ihrer eigenen Infrastruktur vor allem in der Nähe von Ballungszentren voran, um Bestellung und garantierte Lieferung am selben Tag in diesen Regionen flächendeckend zu realisieren. So soll der Kunde auch mit dem stärksten Argument des stationären Handels gewonnen werden – er erhält seine Ware praktisch sofort. Gelingt das zufriedenstellend, so entfällt die Notwendigkeit, die Bequemlichkeit der eigenen vier Wände zu verlassen und sich in den stationären Handel zu begeben, zumal im Internet eine wesentlich größere Produktvielfalt als in einem Ladengeschäft angeboten werden kann.

Für die Lieferung am gleichen Tag ist die Verteilung von Waren auf weit gestreute, engmaschige Netzwerke regionaler Umschlagslager und Depots notwendig. Nur wenn die zu liefernde Ware bereits nah beim Kunden lagert, lässt sich die zügige Last-Mile-Delivery erfolgreich umsetzen.

Der Prozess läuft mittlerweile so fein abgestimmt, dass teilweise sogar die Kapazitäten in den Wechselbrücken von LKWs als temporäre Lagerfläche mit eingeplant werden. So wird selbst die Straße zum Lager.

Neue Serviceangebote durch Corona: Kontaktlose Lieferung

Im B2B- und Overnight-Liefergeschäft ist kontaktlose Lieferung, beispielsweise außerhalb von Bürozeiten, bereits gängig. Ausgelöst durch das Corona-Virus hält sie nun zum Schutz vor Ansteckung auch Einzug in die Belieferung von Konsumenten, mit allen Vor- und Nachteilen.

Da die persönliche Entgegennahme und ein Gegenzeichnen als Empfangsbestätigung bei der kontaktlosen Lieferung entfallen, müssen neue Wege gefunden werden, um Liefernachweise zu erzeugen.

Inwieweit sich die kontaktlose Lieferung auch im B2C-Geschäft möglicherweise zu einem generellen Trend entwickeln wird, hängt von Anwendungsmöglichkeiten und entsprechenden Angeboten ab.

Zumindest auf absehbare Zeit wird das Infektionsrisiko auch im Lieferverkehr weiterhin eine Rolle spielen.

Foto: sendcloud

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