Die wichtigsten Punkte:
- Unternehmen aus zehn Märkten zeigen laut Fulfilio Interesse an Polen als Lagerstandort und Ausgangspunkt für die weitere Expansion.
- Nach Angaben von CBRE umfasste der moderne Lager- und Logistikflächenbestand in Polen Ende Juni 2026 rund 38 Millionen Quadratmeter – 5,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
- Für internationale Onlinehändler zählen vor allem Lieferzeit und Versandkosten, die Retourenabwicklung sowie die Möglichkeit, Bestellungen aus einem Lager in mehrere Länder zu versenden.
- Die Einschätzung stützt sich auf Projekte und Geschäftsgespräche von Fulfilio und stellt eine Expertenbewertung des Dienstleisters dar.
In der Analyse „Polen als E-Commerce-Basis“ nennt Fulfilio zehn Märkte, aus denen Unternehmen in Polen logistische Unterstützung für ihre Expansion in Europa suchen: das Vereinigte Königreich, Litauen, Estland, Lettland, Bulgarien, Rumänien, Dänemark, China, Portugal und Spanien.
Die Ausgangslage ist in diesen Ländern jeweils unterschiedlich. Seit dem Brexit ist der Versand einzelner Bestellungen aus dem Vereinigten Königreich in die Europäische Union mit zusätzlichen Zoll- und Steuerformalitäten verbunden. Für Unternehmen aus dem Baltikum kann Polen als Sprungbrett in größere Absatzmärkte dienen. Firmen von der Iberischen Halbinsel könnten einen polnischen Standort dagegen als ergänzenden Hub nutzen, um Kunden in Mitteleuropa schneller zu erreichen.
Der gemeinsame Nenner ist die Möglichkeit, Waren näher bei den Kunden zu lagern und zugleich mit weniger separaten Lagern grenzüberschreitend zu verkaufen.
Das Vereinigte Königreich: Potenzial für weniger Zollabfertigungen bei einzelnen Paketen
Das Vereinigte Königreich gehört zu den Märkten, die Fulfilio besonders hervorhebt. Seit dem Brexit ist der direkte Versand einzelner Bestellungen an Kunden in der EU aufwendiger, weil zusätzliche Zoll- und Steuerprozesse erforderlich sind.
Für Unternehmen mit größeren Absatzmengen kann es sinnvoll sein, Waren gebündelt in die EU einzuführen, sie in Polen einzulagern und einzelne Pakete anschließend von dort aus zu verschicken. Die Einfuhrpflichten entfallen dadurch zwar nicht. Dieser Ansatz kann jedoch die Zahl der Zollabfertigungen für einzelne Sendungen verringern, die Verteilung effizienter machen und die Retourenabwicklung vereinfachen.
Ein polnisches Lager könnte dabei sowohl Kunden im Inland als auch Abnehmer in Deutschland, Tschechien und den baltischen Staaten versorgen.
Vom Baltikum bis Skandinavien: ein Warenbestand für mehrere Märkte
Auch Litauen, Lettland, Estland und Dänemark finden sich in der Analyse. Laut der Eurostat-Publikation „Digitalisierung in Europa – Ausgabe 2026“ verkaufen 43 Prozent der Unternehmen in Litauen und 39 Prozent der Unternehmen in Dänemark online. Im EU-Durchschnitt sind es 24 Prozent. In Dänemark entfallen zudem 33 Prozent des Unternehmensumsatzes auf den E-Commerce, verglichen mit einem EU-Durchschnitt von 19 Prozent.
Die Zahlen zeigen, wie weit der Onlinehandel in diesen Märkten entwickelt ist. Sie belegen jedoch nicht automatisch, dass die dort ansässigen Firmen Lagerflächen in Polen suchen. Fulfilio leitet diese Einschätzung aus eigenen Geschäftsgesprächen und bereits umgesetzten Projekten ab.
Für Unternehmen aus dem Baltikum könnte ein Logistikzentrum in Polen die Versorgung polnischer Kunden und die Weiterverteilung von Waren nach Deutschland, Tschechien und in weitere EU-Länder bündeln. Für dänische Firmen wäre ein vergleichbares Modell eine Möglichkeit, Bestellungen in Mitteleuropa abzuwickeln, ohne in jedem Zielland eigene Bestände vorzuhalten.
Bulgarien und Rumänien: Mehr Onlinehandel erhöht den Logistikbedarf
Eine weitere Gruppe bilden Unternehmen aus Bulgarien und Rumänien. Dem „European E-Commerce Report 2025“ zufolge wuchs der europäische E-Commerce 2024 um 7 Prozent. In Osteuropa lag das Wachstum bei 18 Prozent.
In Bulgarien stieg der Anteil der 16- bis 74-Jährigen, die online einkauften, von 31 Prozent im Jahr 2020 auf 50 Prozent im Jahr 2024. In Rumänien nahm der Wert im selben Zeitraum von 38 Prozent auf 56 Prozent zu.
Mit dem Wachstum des Onlinehandels steigt auch der Bedarf, Kunden außerhalb des Heimatmarktes zuverlässig zu beliefern. Fulfilio zufolge betrachten Unternehmen aus beiden Ländern Polen nicht nur als zusätzlichen Absatzmarkt, sondern auch als logistische Basis für Lieferungen nach Mittel- und Westeuropa.
Für Logistikdienstleister kann daraus ein Modell entstehen, das die Nachschubversorgung der Lager mit der Weiterverteilung von Kundenbestellungen in mehrere Länder verbindet.
China: Große Plattformen bauen bereits Logistikstrukturen in Polen auf
Für global tätige Unternehmen kann der Aufbau von Warenbeständen in Europa den Bedarf an Direktversand einzelner Bestellungen aus Asien verringern. SHEIN ist dafür ein Beispiel. Die Plattform eröffnete im Dezember 2025 ein neues Logistikzentrum nahe Wrocław. Nach Angaben des Unternehmens soll der Standort als wichtigster europäischer Logistik-Hub dienen und Lieferungen an mehr als 100 Millionen Kunden auf dem Kontinent unterstützen.
SHEIN hat außerdem angekündigt, in der Region Wrocław insgesamt 740.000 Quadratmeter Logistikfläche schaffen zu wollen.
Dabei handelt es sich um ein Vorhaben, dessen Umsetzung nach Unternehmensangaben bereits läuft – nicht lediglich um ein allgemeines Interesse am polnischen Markt. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Unternehmen aus allen anderen genannten Ländern vergleichbare Entscheidungen getroffen haben.
Spanien und Portugal: ein zweites Lager näher an Mitteleuropa
Für Unternehmen aus Spanien und Portugal könnte sich laut Fulfilio ein anderes Szenario abzeichnen. Wer hauptsächlich Westeuropa beliefert, kann den zentralen Logistikstandort weiterhin auf der Iberischen Halbinsel betreiben. Wenn jedoch die Zahl der Bestellungen aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Deutschland und Österreich zunimmt, können lange Wege aus einem einzigen Lager zu längeren Lieferzeiten führen.
Ein zweiter Standort in Polen kann die Auftragsabwicklung auf mehrere Regionen verteilen und die Entfernung zwischen Warenbestand und einem Teil der Kunden verkürzen.
Dem stehen zusätzliche Kosten für Lagerbestände und den Betrieb eines weiteren Standorts gegenüber. Kürzere Lieferwege in der letzten Meile bringen daher nicht automatisch ausreichende Vorteile, um ein zusätzliches Lager wirtschaftlich zu rechtfertigen.
38 Millionen Quadratmeter Lager- und Logistikflächen – doch die Größe allein entscheidet nicht
Polen verfügt bereits über ein dichtes Netz an Lagerstandorten. Nach Daten von CBRE belief sich der Bestand an modernen Lager- und Logistikflächen Ende Juni 2026 auf 38 Millionen Quadratmeter – 5,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl bezieht sich auf den gesamten Lager- und Logistikmarkt und nicht ausschließlich auf Flächen für den E-Commerce.
Bei der Standortwahl müssen Unternehmen über die verfügbare Fläche und die Miete hinausblicken. Verkehrsanbindung, Kosten auf der letzten Meile, Bestellschlusszeiten, lokale Zustellmöglichkeiten und die Organisation der Retouren können ebenso entscheidend sein.
Die zentrale Frage ist, ob sich mehrere Märkte effizienter aus einem polnischen Lager versorgen lassen als mit getrennten Beständen in den einzelnen Ländern.
Die Analyse von Fulfilio zeigt, in welchen Märkten der Dienstleister Interesse feststellt – nicht das Volumen neuer Investitionen. Sie enthält keine Angaben dazu, wie viele Unternehmen bereits Warenbestände nach Polen verlagert haben oder welches zusätzliche Transportaufkommen daraus entstanden ist.
Für die Transport- und Logistikbranche ist die Entwicklung dennoch relevant: Lagerstandorte sollen zunehmend mehrere Länder bedienen und nicht nur einen nationalen Markt. Damit gewinnen zuverlässige Transporte zu den Verteilzentren, internationale Auftragsabwicklung und eine effiziente Retourenlogistik weiter an Bedeutung.









