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Foto: Pixabay/zzkonst

Wenn Seewege zur Waffe werden: Die neue Verwundbarkeit des Welthandels

Lesezeit 5 Min.

Die Münchner Sicherheitskonferenz sendet in diesem Jahr eine klare Botschaft: Die Phase bloßer „Unordnung“ ist vorbei, die Welt steht unter Zerstörung. Der Munich Security Report 2026 zeigt, dass die von den USA nach 1945 aufgebaute Ordnung nicht nur erodiert, sondern auch gezielt demontiert wird. Dies von Akteuren, die ihre Macht aus der Schwächung statt aus der Reform internationaler Institutionen ziehen. Für die maritime Wirtschaft und den Welthandel wird damit eine Frage zur Nagelprobe: Wie stabil ist die Globalisierung noch, wenn die Sicherheit der Seewege nicht länger als gegeben gilt?

Über Jahrzehnte ruhte die Globalisierung auf drei tragenden Säulen: offenen Märkten, verlässlichen Regeln und sicheren maritimen Routen. Heute geraten alle drei ins Rutschen. Ausgerechnet die Vereinigten Staaten, einst Architekt und Schutzmacht des Systems, setzen zunehmend auf Zölle, ziehen sich aus internationalen Gremien und Institutionen zurück und verfolgen eine konfrontative Wirtschaftspolitik. Parallel dazu betreiben Russland, Iran und andere Akteure hybride Kriegsführung von Cyberattacken bis hin zu Angriffen durch Stellvertreter. Die Folge ist eine schleichende Erosion eines zentralen globalen öffentlichen Guts: der sicheren, berechenbaren Seeschifffahrt.

Wenn Seewege unsicher werden

Seit Ende 2023 haben Angriffe der Huthi-Miliz im Roten Meer und im Golf von Aden Reedereien dazu gezwungen, den Suezkanal großflächig zu meiden und Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung zu routen. Bereits zur Jahresmitte 2024 war der Durchgangsverkehr durch Suez und Panama etwa halbiert, und das transportierte Tonnagevolumen im Golf von Aden um rund drei Viertel eingebrochen. Längere Distanzen, steigende Versicherungsprämien und ein de facto reduzierter nutzbarer Flottenbestand schlagen sich in höheren Frachtraten, schlussendlich in höheren Konsumentenpreisen und in längeren Laufzeiten nieder. Besonders importabhängige, weniger entwickelte Staaten spüren die Folgen. Wer die Seewege preisgibt, legt damit die Axt an die Geschäftsgrundlage offener Volkswirtschaften.

Der Rohstoffhändler Trafigura schätzt, dass Umroutungen über das Kap täglich zusätzliche 200.000 Barrel Schweröl in der Tankerflotte verbrauchen und damit die jährlichen Emissionen um rund 4,5 Prozent erhöhen. Mehr Seemeilen bedeuten mehr Treibstoff, höhere Emissionen und zusätzlichen Inflationsdruck. Diese Kosten tragen vor allem kleinere Volkswirtschaften, die keinerlei Einfluss auf die Konflikte entlang dieser Routen haben. Die sicherheitspolitische Störung maritimer Korridore führt direkt zu steigenden Transport- und Kapitalkosten.

Ökonomische Zwangspolitik auf See

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine stehen zudem Handelsschiffe und Hafeneinrichtungen im Schwarzen Meer unter wiederkehrendem Beschuss, werden durch Minen bedroht oder durch Blockaden behindert. Die Konsequenzen sind deutlich höhere Kriegsrisikoprämien und wiederholte Störungen bei den Getreideexporten. Rund 80 Prozent des globalen Warenhandels werden über See abgewickelt. Wenn zentrale Seewege gestört sind, geraten Energieversorgung, Ernährungssicherheit und Wachstumschancen vieler Entwicklungs- und Schwellenländer unter Druck. Maritime Engpässe sind längst kein Randthema der Schifffahrtsbranche mehr, sondern ein systemisches Risiko für die Weltwirtschaft.

Gemeinsam sind diesen Entwicklungen die zunehmende Waffenisierung und die Interdependenz. Energie, Nahrungsmittel und Industriegüter bewegen sich im Weltmaßstab vor allem auf dem Seeweg. Wer diese Ströme gezielt stört, kann wirtschaftliche Kosten weit jenseits des eigentlichen Konfliktraums auslösen und dabei unterhalb der Schwelle eines formalen Kriegs bleiben. Es handelt sich um ökonomische Zwangspolitik: politisch attraktiv, weil Regierungen innenpolitische Härte demonstrieren und Gegner treffen können, ohne große Truppenkontingente zu entsenden oder eine offene militärische Eskalation zu riskieren.

Autarkie ist keine Lösung

Gerade die vermeintlich einfache Antwort – nationale Abschottung, Reshoring, Autarkie – erweist sich bei näherem Hinsehen als eine riskante Illusion. Die vollständige Verlagerung von Produktion und Versorgung ins Inland wäre teuer und für viele Volkswirtschaften schlicht nicht machbar. Ebenso unrealistisch ist die Hoffnung auf eine Rückkehr zu den Verhältnissen der Vorkrisenjahre. Stattdessen muss maritime Resilienz zu einem Kernbestandteil der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik werden.

Staaten sollten Transportwege und Bezugsquellen breiter aufstellen, gezielt in belastbare Häfen, Korridore und Kanäle investieren und jene Länder unterstützen, die einem hohen Engpass-Risiko ausgesetzt sind. Für Reedereien, Verlader und Logistikdienstleister bedeutet das, Netzwerke so zu gestalten, dass sie flexibel zwischen Routen wechseln können, ohne dass Lieferketten kollabieren. Entscheidungen über Fahrgebiete, angelaufene Häfen, Flaggenstaat und die Nutzung von Dateninfrastrukturen gewinnen damit eine geopolitische Dimension. Sie bestimmen, welche Volkswirtschaften dauerhaft unter Stressbedingungen agieren müssen und welche nicht.

Maritime Sicherheit als Kernaufgabe

Auch die Politik ist gefordert, ihr Rollenverständnis zu schärfen. Der Schutz maritimer Handelsrouten ist keine Sonderleistung zugunsten einzelner Branchen, sondern eine staatliche Kernaufgabe, wenn offene, regelbasierte Märkte und verlässliche Versorgungsketten erhalten bleiben sollen. In einer Welt, in der kaum ein Land vollständig autark existieren kann, wird die Sicherung der Seewege zur Voraussetzung wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit – insbesondere für export- und importabhängige Industriestaaten.

„Im Zeichen der Zerstörung“ ist damit weniger eine Zustandsbeschreibung als eine Mahnung zum Handeln. Die Waffenisierung von Interdependenz ist eine politische Entscheidung, ebenso wie die bewusste Stärkung einer maritimen Ordnung mit geschützten Engpässen, verlässlichen Regeln und gemeinsam getragenen Verpflichtungen für offene Seewege. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem Regierungen, Institutionen und Unternehmen gemeinsam nachziehen müssen, damit die Handelsschifffahrt das bleibt, was sie über Jahrzehnte war: ein öffentliches Gut und das tragende Fundament der Weltwirtschaft.

Über den Autor

Wolfgang Lehmacher ist Board-Mitglied, Operating Partner, Berater und Business Angel. Er arbeitet mit Konzernen, Kapitalgebern und Start-ups zusammen, um Wachstumspotenziale freizusetzen und technologiegestützte Transformationen zu gestalten. Der globale Vordenker und Praktiker in Supply Chain, Logistik und Transport hat strategisches Denken, Innovation, Expansion, Wachstum und Investitionen unter anderem beim Weltwirtschaftsforum, bei der Strategieberatung CVA, bei La Poste/GeoPost und bei TNT erfolgreich vorangetrieben.

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