Auch wenn derzeit kein bestätigter europaweiter Mangel vorliegt, deuten mehrere Quellen darauf hin, dass der Konflikt die vorgelagerten Lieferketten bereits unter Druck setzt, die Preise steigen lässt und Sorgen hinsichtlich der Verfügbarkeit in den kommenden Wochen verstärkt.
Gasmarkt unter Druck und direkte Folgen für AdBlue
Laut Reuters wurden Katars LNG-Exporte nach der Stilllegung des riesigen Verflüssigungskomplexes Ras Laffan beeinträchtigt, woraufhin Unternehmen wie Shell für einige Ladungen höhere Gewalt (Force Majeure) erklärten. Reuters berichtet, dass die Auswirkungen auf LNG-Lieferungen voraussichtlich ab April sichtbar werden, während die März-Sendungen weitgehend unbeeinflusst bleiben.
Das ist für AdBlue relevant, weil sein Hauptbestandteil, technischer Harnstoff, in einem gasintensiven chemischen Prozess hergestellt wird. Wie Yara in seinem eigenen Kostenmodell erläutert, ist Erdgas ein wesentlicher Bestandteil der Produktionskosten von Ammoniak und Harnstoff. Steigen die Gaspreise stark, wird die europäische Produktion schnell weniger wettbewerbsfähig.
Energiepreise steigen – Deutschland besonders betroffen
Der Gasmarkt hat bereits heftig auf die Störung reagiert. Reuters berichtete, dass die Referenzpreise für niederländisches TTF-Gas Anfang März nach der Stilllegung in Katar deutlich sprangen. Gleichzeitig wurde der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus massiv beeinträchtigt. Laut S&P Global Commodity Insights kam der Verkehr durch die Meerenge bis zum 12. März nahezu zum Erliegen, was die Sorgen um den Transport von Energie und chemischen Vorprodukten verstärkte.
Dieser Schock in der vorgelagerten Kette wirkt sich nun auf den Harnstoffmarkt aus. Daten von Trading Economics zeigen, dass der globale Harnstoffpreis am 16. März bei rund 601 US-Dollar pro Tonne lag – ein Plus von etwa 35 % im vergangenen Monat und 57 % im Jahresvergleich.
Italienische Transportmedien berichten bereits von direkten Auswirkungen auf AdBlue. Laut Uomini e Trasporti waren die AdBlue-Preise in Italien bis zum 10. März um 20–25% gestiegen. Die Publikation warnt, dass die Verfügbarkeit am Markt unter Druck geraten könnte, falls die Störung anhält.
Eine ähnliche Warnung kommt auch von außerhalb Europas. In den USA erklärte der Kraftstoffhändler Mansfield Energy am 9. März, dass steigende Harnstoffpreise und Versandstörungen im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt bereits Aufwärtsdruck auf den Markt für Diesel Exhaust Fluid (DEF) ausüben. In Indien warnte die Society of Indian Automobile Manufacturers, zitiert von The Economic Times, es gebe „keine klare Sicht“ auf die Versorgung mit technischem Harnstoff über Anfang April hinaus – was Bedenken hinsichtlich der DEF-Verfügbarkeit für Dieselfahrzeuge auslöst.
Diese Warnungen belegen nicht, dass Europa unmittelbar vor einem AdBlue-Mangel steht. Sie zeigen jedoch, dass das Risiko in mehreren Märkten, die von denselben Rohstoffen und Schifffahrtsrouten abhängen, ernst genommen wird.
Die aktuelle Lage hat zudem ein klares Vorbild. Im September 2022 zwangen hohe Gaspreise den deutschen Hersteller SKW Piesteritz, die Produktion zu stoppen – und stellten die AdBlue-Versorgung infrage. Damals zeigte die Episode, wie schnell ein Gasschock auf den Straßentransportbetrieb durchschlagen kann.
Lesetipp:
Wenn Sie die Folgen des Nahostkonflikts für den Straßengüterverkehr weiter einordnen möchten, helfen die folgenden Hintergrundstücke dabei, die Energiepreis- und Kostendynamik hinter AdBlue besser zu verstehen.
- Krisenmaßnahmen wegen Dieselpreisen – zeigt, wie stark steigende Kraftstoffkosten Transportunternehmen belasten und welche kurzfristigen politischen Maßnahmen diskutiert werden, wenn Energiepreise die Lieferketten unter Druck setzen.









