Der Global Trade Observatory Annual Outlook Report 2026 basiert auf den Antworten von mehr als 3.500 leitenden Supply‑Chain‑ und Logistik‑Experten weltweit. Er dokumentiert eine deutliche Verschiebung in der strategischen Bewertung von Logistik, Infrastruktur und Handelspolitik.
Wachstumserwartungen trotz Unsicherheit
Laut Umfrage rechnen 54 % der Führungskräfte damit, dass das Welthandelswachstum 2026 höher ausfällt als 2025. Weitere 40 % erwarten ein vergleichbares Niveau. Gleichzeitig gehen 53 % der Befragten von hoher politischer Unsicherheit aus, und 90 % erwarten steigende oder unverändert hohe Handelsbarrieren.
Sultan Ahmed bin Sulayem, Group Chairman und CEO von DP World, betont den Unterschied zwischen dem tatsächlichen Handelsvolumen und den dahinter stehenden Systemen und Netzwerken:
„Der Handel selbst ist resilient. Er kommt nicht zum Stillstand. Fragil sind die Lieferketten, die ihn tragen und genau hier machen Investitionen und bessere Koordination den größten Unterschied.“
Diversifizierung und neue Märkte prägen die Strategie
Die Umfrage zeigt eine deutliche Verschiebung der strategischen Prioritäten. Auf die Frage nach ihren drei wichtigsten geplanten Veränderungen für 2026 nannten 51 % der Führungskräfte die Diversifizierung der Lieferanten. Der Eintritt in neue Märkte wurde als am häufigsten genannter Grund für die Diversifizierung von Lieferketten genannt, noch vor der Einführung von Technologien sowie dem Streben nach mehr Agilität oder Resilienz.
Dieser Anspruch spiegelt sich auch in der Wachstumsplanung wider. Fast die Hälfte der Befragten nannte neue Märkte und Verbraucher als zentralen Treiber des Unternehmenswachstums in den nächsten ein bis drei Jahren, gefolgt von der Einführung künstlicher Intelligenz sowie Verbesserungen bei Infrastruktur und Transportkapazität.
Laut Sultan Ahmed bin Sulayem signalisiert dies einen breiteren Wandel darin, wie Logistik auf den oberen Entscheidungsebenen behandelt wird.
„Über Märkte und Branchen hinweg sehen wir, dass Lieferketten neu gestaltet, anders investiert und anders gesteuert werden“, merkt er an.
Lagerhaltung als strategischer Engpass
Infrastrukturengpässe bleiben ein zentrales Thema. Als Führungskräfte gebeten wurden, die wichtigsten Infrastrukturinvestitionen zu benennen, die zur Unterstützung von Handel und Logistik erforderlich sind, rangierten Lagerhaltung und Logistik-Hubs an erster Stelle, ausgewählt von 39 % der Befragten.
Der Bericht verknüpft diesen Fokus mit Veränderungen in der Arbeitsweise von Lieferketten, darunter höhere Lagerbestände, die Diversifizierung von Routen und die wachsende Bedeutung spezialisierter Einrichtungen wie Kühllager sowie gesicherte Lager für hochwertige Güter. Entscheidungen über Standort und Kapazität von Lagerhäusern prägen zunehmend den Marktzugang, die Liefergeschwindigkeit und die Resilienz.
DP World hebt jüngste Investitionen in Logistikparks und temperaturgeführte Lagerhaltung in Märkten wie Indien und Ägypten als Beispiele dafür hervor, wie Infrastrukturentwicklung mit Strategien für das Wachstum des Handels in Einklang gebracht wird – betont jedoch zugleich, dass Kapazitätslücken weiterhin weit verbreitet sind.
Zollprozesse als größtes Hemmnis
Während Investitionen in die Infrastruktur als entscheidend gelten, nannten Führungskräfte durchgängig Grenzprozesse als wichtigste Quelle von Störungen. Jede befragte Person führte den Zoll unter den drei größten Ursachen für Verzögerungen an; 60 % nannten ihn als den einzelnen wichtigsten Faktor, der ihre Abläufe beeinflusst.
Die Digitalisierung von Zoll- und Grenzverfahren gilt daher – neben der physischen Infrastruktur, als Priorität. Der Bericht argumentiert, dass schnellere und besser planbare Abfertigungsprozesse eine entscheidende Rolle dabei spielen könnten, neue Handelsrouten zu ermöglichen und Kosten zu senken, insbesondere für kleinere Unternehmen.
Wie Sultan Ahmed bin Sulayem es ausdrückt, reichen Ambition und Technologie allein nicht aus.
„Wenn Ambition vorhanden ist und Technologie verfügbar ist, stellt sich die Frage, ob Infrastruktur und Grenzprozesse schnell genug vorankommen, um Schritt zu halten.“
Logistik im Zentrum der Wertschöpfung
Die zentrale Botschaft der Umfrage ist keine Selbstzufriedenheit, sondern eine Neuausrichtung: Trotz positivem Ausblick auf das Welthandelswachstum erwarten Führungskräfte steigende Kosten bei Transport, Arbeit, Energie und Compliance. Resilienz erfordere daher nachhaltige Investitionen.
Laut DP World spiegelt der Report einen Mentalitätswandel wider: Logistik wird zunehmend als strategischer Vermögenswert verstanden, der Wachstum ermöglicht und nicht nur als unterstützende Funktion.
Ob sich dieser Anspruch in messbaren Verbesserungen niederschlagen wird, hängt maßgeblich von koordinierten Investitionen in Infrastruktur, Technologie und Grenzprozesse ab Bereiche, in denen weiterhin erheblicher Nachholbedarf besteht.









