Digitalisierung: Die Herausforderungen wachsen weiter

Wohl jeder Logistiker will wissen, wann ein Lkw zum Be- und Entladen eintrifft. Weil Staus und andere Zwischenfälle die Ankunftszeit jederzeit verzögern können, haben IT - Tools Konjunktur, welche die Estimated Time of Arrival (ETA) aus Telematik-, Stau- und Wetterdaten regelmäßig berechnen und aktualisieren.

Digitalisierung: Die Herausforderungen wachsen weiter
Foto: Pixabay/geralt

Seit rund einem Jahr bietet auch die BTK Befrachtungs- und Transport GmbH, Rosenheim, ihren Kunden eine solche Lösung an. Ein IT-kundiger Mitarbeiter hat die Speditionssoftware um eine Applikation ergänzt, welches für den ETA zusätzlich die Ladezeiten an Rampen ermittelt. Das beherrschen andere Systeme nicht. Von einer „selbstlernenden Lösung“ spricht BTK stolz. „Vor allem Touren mit mehreren Stopps können jetzt optimiert werden“, sagt Geschäftsführer Joseph Heiß.

Ein solches Highlight ist das Resultat einer konsequenten Digitalisierung, welche BTK vor Jahren eingeleitet hat. Wenn der Logistikbranche heute eine hohe IT-Kompetenz zugesprochen wird, dann haben kleine und mittlere Unternehmen wie das Rosenheimer Unternehmen einen nicht zu unterschätzenden Anteil an diesem Ruf. Zwei Strategien haben sich durchgesetzt. Die meisten Branchenunternehmen rüsten zuerst ihre Lkw-Flotte mit Telematikgeräten aus und investieren dann in Flottenmanagement- und Tourenplanungslösungen. Andere digitalisieren zuerst ihre Buchhaltung und packen anschließend Transport- und Lagerprozesse an. „Gerade eine digitale Buchhaltung sorgt erfahrungsgemäß schnell für einen Aha-Effekt“, weiß Daniel Matthias Giel, Gründer der Unternehmensberatung “Die Speditionsexperten“ in Köln. Wenn ein Transport abgeschlossen ist, löst diese sofort die Rechnung aus, prüft den pünktlichen Zahlungseingang und verschickt, wenn nötig, Mahnungen. „Mit beiden Strategien können weiterhin auch sehr kleine Unternehmen erfolgreich in die Digitalisierung einsteigen“, resümiert Giel.

Mit einer digitalisierten Buchhaltung stellt der Logistikunternehmer nicht nur sicher, dass Rechnungen pünktlich an Auftraggeber verschickt werden. Außerdem erfüllt er alle Anforderungen des Gesetzgebers an ein ordnungsgemäßes Rechnungswesen und muss nicht bei Betriebsprüfungen Blut und Wasser schwitzen. Mit einer Telematiklösung können er bzw. die Disponenten Fahrzeuge jederzeit an den Bildschirmen ihrer Desktops bzw. Laptops verfolgen und für eine optimale Auslastung und Tourenführung sorgen. Wenn sie den Fahrern unterwegs zusätzliche Aufträge übermitteln, werden sie auch Routen neu planen bzw. Lenk- und Ruhezeiten sowie weitere Eckpunkte berechnen. Alternativ können auch die Fahrer mit dem Smartphone oder der Onboard Unit (OBU) auf Plattformen wie Trans.eu zusätzliche Sendungen und Ladungen abrufen und die optimale Route für die Rückfahrt ermitteln. „Sprechen Sie mit einem Berater über Lösungen, welche für ihr Unternehmen geeignet sind“, rät Giel. Denn die IT-Systeme müssen sorgfältig ausgesucht werden, die Produktvielfalt ist „riesig“ (Giel).

Aufbruch in die digitale Welt

Wer heute in Digitalisierung investiert, hat die Qual der Wahl. Auch Marktkenner können die Zahl der Lösungen, die logistische Prozesse verbessern und beschleunigen, kaum noch überschauen.

Die Fritz-Gruppe in Heilbronn erlebt diese Vielfalt im eigenen Haus. Gleich vier Softwares setzt das Logistikunternehmen für Sendungserfassung – und verfolgung ein. Zwei Tools überwachende Stückgut und Packstücke zum Gegenstand, zwei weitere werden für Sonderfahrten und CargoLine – Touren eingesetzt. Das schwäbische Unternehmen ist langjähriger Partner dieser mittelständischen Stückgutkooperation in 43 überwiegend europäischen Ländern.

Außerdem steuert die Fritz – Gruppe Disposition und Fuhrpark mit digitalen Lösungen. Seit kurzem gibt es auch ein Tool für die „Estimated Time of Arrival“ (ETA), welche die voraussichtliche Ankunftszeit für Lkw berechnet. „Wir haben die einzelnen Lösungen über Datenkonverter miteinander verknüpft“, sagt Speditions- und Projektleiter Christian Czemmel. „Auf Dauer ist eine systemübergreifende Plattform jedoch die bessere Alternative.“ Mit dem Systemhaus TIS fand Fritz einen Partner für ein solches Vorhaben; das Bocholter Unternehmen hat zahlreiche mittelständische Logistikdienstleister als Kunden. Jetzt wird die Plattform Schritt für Schritt aufgebaut. Anfang 2021 führte Fritz die mobile Telematiklösung von TIS ein und stellte die Tourenplanung um, in den nächsten Monaten sollen weitere TIS-Produkte folgen. „Mit unseren bisherigen Partnern konnten wir uns auf eine solche Lösung nicht einigen, weil diese sich auf wesentlich größere Kunden konzentrieren“, sagt Czemmel.

Mit den Problemen der Fritz – Gruppe haben zahlreiche Branchenunternehmen zu kämpfen. Vor Jahren haben sie schnell erkannt, wie sie mit digitalen Produkten ihre Transport- und Lagerangebote verbessern können, und in entsprechende IT – Tools investiert. Allerdings haben sie häufig auf aktuelle Anforderungen kurzfristig reagiert und für einzelne Fahrzeugklassen bzw. – marken sowie Lagerstandorte unterschiedliche Lösungen eingekauft. Wenn die Mitarbeiter auf ihren Desktops, Laptops und Smartphones aktuelle Fahrzeug- und Standortdaten abrufen wollen, müssen sie ständig zwischen einzelnen Systemen wechseln, was die Arbeit erheblich erschwert. Außerdem haben sie Mühe, die Daten in andere Systeme zu überführen, und müssen dies häufig mit Eingaben per Hand tun.

Wenn solche Unternehmen auch in Zukunft von der Digitalisierung profitieren wollen, müssen sie weitere Gelder investieren. Mit der Programmierung von Schnittstellen oder Datenkonvertern allein können sie weitere Optimierungen kaum erreichen. Wenn sie jedoch auf neue Plattformen wechseln, können sie solche Investitionen erfahrungsgemäß schnell einfahren. Egal ob die Unternehmen die Transport- und Lagerlösungen der Plattformen nutzen oder vorhandene Systeme anbinden. Mit beiden Strategien können sie ihre IT – Performance verbessern und mit neuen Tools wie ETA ergänzen. Möglich macht dies auch ein optimiertes Datenmanagement: An entsprechenden Lösungen haben zuletzt einige Startups gearbeitet. Mit ihren verfeinerten Analysen werden die Unternehmen nicht nur vorhandene Daten besser auswerten, sondern auch zusätzliche Informationen aus dem eigenen Haus sowie aus Kundenaufträgen gewinnen.

Der Wechsel auf solche Plattformen muss allerdings gut vorbereitet werden. Viele Mitarbeiter geben erfahrungsgemäß nur ungern Lösungen auf, welche sich in ihren Augen seit Jahren bewährt haben. Das Logistikunternehmen C. E. Noerpel in Ulm hat diese Gefahr erkannt und seine IT in mehreren Stufen umgestellt. Der Dienstleister hat an allen 14 Standorten ein Transportmanagementsystem (TMS) auf Microsoft ERP Dynamics – Basis eingeführt, das alle Prozesse entlang der einzelnen Lieferketten steuert, kontrolliert und verbessert. Das neue System ist auch mit den vorhandenen Lagerlösungen kompatibel und fällt mit einer überzeugenden Ereignissteuerung auf. „Mit dem Wechsel auf ein Produkt konnten wir Kosten sparen und Synergieeffekte realisieren“, berichtet Judith Noerpel-Schneider, Juniorchefin des Unternehmens.

Ein Standort nach dem anderen hat die Neuerungen übernommen. Als der Stammsitz in Ulm auf die neue Lösung wechselte, hatten bereits drei Niederlassungen mit dieser Erfahrung gesammelt. „Wir wollten möglichst jeden Mitarbeiter mitnehmen“, erklärt Noerpel-Schneider. „Mit einem Big Bang – also der unternehmensweiten Umstellung zu einem Stichtag – wäre das kaum möglich gewesen.

Für Noerpel haben der Logistikmanagerin zufolge Lösungen Priorität, die einen unmittelbaren Nutzen für das Unternehmen haben, zusätzlich Kunden begeistern und den Mitarbeitern den Betriebsalltag erleichtern. Wenn diese drei Ziele auf einmal realisiert werden können, haben sich demnach die Investitionen ausgezahlt. Außerdem rücken möglicherweise Tools näher, auf die der Markt seit Jahren wartet.

„Wir benötigen dringend ein dynamisches Routing für Transportunternehmen, welche im Nahverkehr unterwegs sind“, nennt Achim Klukas, Logistikwissenschaftler am Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund, ein Beispiel. Weil die Fahrer solcher Dienstleister während ihrer Touren häufig neue Aufträge empfangen, müssen sie ihre Routen laufend neu berechnen. Solche Aufgaben erledigen sie am besten selbst und überlassen sie nicht der Disposition. Hier können Startups den Markt auch in Zukunft mit neuen Lösungen überraschen.

Fördergelder nutzen

Wer sich von der Produktvielfalt überfordert fühlt, kann auf einen externen Berater zurückgreifen. Die Leistungen können mit Fördergeldern bezahlt werden, wenn diese nachweislich der „Effizienzsteigerung“ des Unternehmens dienen. Das De Minimis-Förderprogramm des Bundesamts für Güterverkehr (BAG) übernimmt dann maximal 80 Prozent der förderfähigen Kosten. Die Zuwendungen selbst müssen bis 31. Dezember 2021 verwendet werden, der Förderhöchstbetrag liegt bei 33.000 Euro und wird in der Regel nur ausgeschöpft, wenn mehrere Förderanträge gestellt werden.

„Mit Digitalisierungsmaßnahmen steigern Unternehmen eigentlich immer ihre Effizienz“, macht der Unternehmensberater Giel Mut. Bei Buchhaltung und Rechnungswesen werden viele Berater auch auf Datev hinweisen. Der 1966 gegründete IT-Dienstleister hat nicht nur für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, sondern auch für deren Mandanten praxisnahe Lösungen entwickelt. Alternativ werben unzählige Softwarehäuser mit Produkten, welche sich vor allem an kleine Unternehmen oder Existenzgründer wenden. Bei Telematiklösungen ist der Markt noch unübersichtlicher. Weil unternehmensübergreifende Standards fehlen, haben eine Flut von Anbietern Einzelsysteme und Extraschnittstellen entwickelt. Vor allem für Flotten unter zehn Lkw gibt es unzählige Lösungen, die allenfalls nach Fahrzeugklassen ab Transportern aufwärts differieren.

Wenn der Flottenbetreiber zusätzlich Lagerdienstleistungen anbietet, liegt eine Speditionssoftware nahe. Solche Produkte bündeln Auftrags-, Fuhrpark-, Lager- und Dokumentenmanagement in einem System. Das macht Sinn: Erfahrungsgemäß können Speditionen, die in der digitalen Welt schnell Fuß gefasst haben und über ausreichend Investitionsmittel verfügen, auch ihre Angebote für Lagerlogistik rasch ausbauen. Häufig sind sogar anspruchsvolle Kontraktlogistiklösungen für verladende Unternehmen möglich. Weil die meisten Geschäftspartner in Industrie und Handel ihre Betriebsprozesse längst digitalisiert haben, setzen sie solche Erfahrungen auch bei den Dienstleistern voraus. Ausschließlich Bewerber, welche ihre Systeme über Schnittstellen an die Lösungen ihrer künftigen Auftraggeber andocken können, kommen in die engere Wahl.

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