Die deutsche Exportwirtschaft zeigt sich in einem zunehmend unsicheren globalen Umfeld bemerkenswert stabil. Laut aktueller Analyse von Allianz Trade rechnen 83 Prozent der Unternehmen mit steigenden Exportumsätzen – und damit deutlich mehr als im weltweiten Durchschnitt von 75 Prozent.
Grundlage ist die fünfte Auflage der „Allianz Trade Global Survey 2026“, für die rund 6.000 Unternehmen in 13 Märkten befragt wurden – darunter Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Spanien und Großbritannien sowie zentrale globale Handelsnationen wie die USA, China und Indien.
Doch dieser Optimismus hat eine Kehrseite: Die Risiken verlagern sich zunehmend in die operativen und finanziellen Strukturen des Handels.
Zahlungsrisiken nehmen deutlich zu – Europa im Vergleich
Besonders deutlich zeigt sich die Verschärfung bei den Zahlungsbedingungen.
Nur noch 7 Prozent der Unternehmen weltweit erhalten Zahlungen innerhalb von 30 Tagen. In einzelnen europäischen Märkten fällt dieser Anteil noch niedriger aus:
- Italien: 4 Prozent
- Deutschland: 6 Prozent
- Frankreich: Rückgang um 4 Prozentpunkte
- Polen und Spanien: ebenfalls deutliche Rückgänge
Gleichzeitig steigt der Anteil der Unternehmen, die länger als 70 Tage auf ihr Geld warten müssen, auf 24 Prozent.
Auch bei den Erwartungen zeigt sich eine klare Verschlechterung: In Deutschland rechnen 47 Prozent der Unternehmen mit einer schlechteren Zahlungsmoral, 40 Prozent erwarten steigende Zahlungsausfälle.
Für Transport- und Logistikunternehmen ist das besonders kritisch, da sie häufig entlang der Lieferkette in Vorleistung gehen und damit direkt von verzögerten Zahlungsströmen betroffen sind.
Lieferketten werden aktiv umgebaut
Parallel dazu reagieren Unternehmen zunehmend operativ auf die neuen Risiken.
Rund 80 Prozent der deutschen Unternehmen haben ihre Lieferketten oder Handelsrouten bereits angepasst. Gleichzeitig sucht fast jedes zweite Unternehmen gezielt nach alternativen Transportwegen oder Logistikpartnern.
Auch im europäischen Vergleich zeigt sich ein klarer Trend:
- Frankreich und Großbritannien passen Lieferpläne besonders aktiv an
- Deutschland reagiert stärker strategisch und abwartend
- Spanien zeigt eine deutlich höhere Sensibilität gegenüber geopolitischen Schocks
Global setzen Unternehmen verstärkt auf:
- Umleitung über Drittmärkte (57 Prozent)
- Zusammenarbeit mit Zollagenten (50 Prozent)
- Anpassung von Lieferplänen (48 Prozent)
Lagerbestände und Diversifizierung gewinnen an Bedeutung
Ein zentrales Instrument zur Risikosteuerung erlebt eine Renaissance: die Lagerhaltung.
64 Prozent der Unternehmen weltweit bauen gezielt Lagerbestände auf, in Deutschland sind es 60 Prozent. Gleichzeitig diversifizieren viele Unternehmen ihre Lieferanten und Absatzmärkte:
- 55 Prozent der deutschen Unternehmen beziehen Waren von neuen Lieferanten
- 52 Prozent erschließen neue Märkte
- 50 Prozent stärken Partnerschaften und Risikomanagement
Diese Entwicklung zeigt: Unternehmen setzen zunehmend auf Stabilität statt maximaler Effizienz – ein klarer Paradigmenwechsel in der Logistik.
Geopolitik wird zum dominierenden Risikofaktor
Die Ursachen für diese Entwicklung liegen vor allem in der geopolitischen Lage.
67 Prozent der deutschen Unternehmen sehen geopolitische Unsicherheiten als größtes Risiko – weltweit sind es 65 Prozent. Damit haben politische Risiken klassische Lieferkettenprobleme klar überholt.
„Geopolitische Unsicherheiten sind die neue Normalität“, heißt es von Allianz Trade.
Gleichzeitig zeigen sich Unterschiede innerhalb Europas: Frankreich und Deutschland verzeichnen sogar steigende Risikowahrnehmungen im Vergleich zur Zeit nach dem „Liberation Day“.
Exportwachstum bleibt – aber unter neuen Bedingungen
Trotz der Risiken bleibt die Exportstrategie expansiv.
41 Prozent der deutschen Unternehmen erwarten ein moderates Wachstum von zwei bis fünf Prozent. Gleichzeitig planen 95 Prozent eine Expansion im Rahmen neuer Freihandelsabkommen.
Auffällig ist die geografische Verschiebung:
- Europa und Asien gewinnen als Zielmärkte
- die USA verlieren an Attraktivität
- China wird kritischer bewertet
Für die Logistik bedeutet das vor allem eine stärkere Fokussierung auf regionale und alternative Handelsrouten.
Einordnung: Stabilität nach außen – Druck im Inneren
Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Der Export bleibt stabil – die Bedingungen werden schwieriger.
Für die Transport- und Logistikbranche bedeutet das:
- steigender operativer Aufwand
- komplexere Routenplanung
- wachsender Druck auf Liquidität
Die Herausforderung liegt damit weniger im Volumen als in der Organisation.
Oder anders gesagt: Die Waren bewegen sich weiter – aber unter deutlich anspruchsvolleren Bedingungen.
📊 Europa im Vergleich: Zahlungsrisiken und Marktreaktionen
Zahlungsbedingungen (Anteil Zahlungen ≤ 30 Tage):
- Deutschland: 6 % (rückläufig)
- Frankreich: deutlicher Rückgang (-4 Prozentpunkte)
- Italien: 4 % (niedrigster Wert unter großen EU-Märkten)
- Polen: rückläufige Zahlungsdisziplin
- Spanien: spürbarer Rückgang
- Großbritannien: stabiler, leicht bessere Entwicklung
Exporterwartungen:
- Deutschland: besonders optimistisch (83 % Wachstumserwartung)
- Spanien: deutlich sinkende Zuversicht
- Frankreich & Deutschland: steigende Risikowahrnehmung
Reaktionen der Unternehmen:
- Frankreich & UK: schnellere operative Anpassungen (Routen, Lieferpläne)
- Deutschland: eher strategisch und abwartend
Trend:
Europa wächst als Handelsraum zusammen – gleichzeitig entwickeln sich die Risiken innerhalb der Märkte zunehmend unterschiedlich.









