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Nahostkrise trifft Westeuropas Lieferketten: Allianz rechnet mit 3.750 zusätzlichen Insolvenzen

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Aus der Krise im Nahen Osten wird für Westeuropa zunehmend ein Solvenzproblem. Nach Einschätzung von Allianz Trade könnten allein in 2026 rund 3.750 zusätzliche Unternehmensinsolvenzen hinzukommen. Das Risiko wandert dabei durch die Lieferketten – etwa wenn Abnehmer Rechnungen nicht mehr bezahlen oder Zulieferer während laufender Aufträge ausfallen.

Dieser Text wurde vollständig von einem Redakteur verfasst – basierend auf fachlichem Wissen, journalistischer Erfahrung und sorgfältiger Recherche. Künstliche Intelligenz kam dabei nicht zum Einsatz.

Im Straßengüterverkehr geht es dabei nicht nur um Spediteure, die in Schieflage geraten. Kritisch sind vor allem verspätete Zahlungen oder komplette Zahlungsausfälle, Lieferanten, die mitten im Vertrag wegbrechen, und ein anhaltender Kostendruck, der sich entlang der Wertschöpfungskette fortsetzt – bis das schwächste Glied nachgibt. Allianz warnt: Mit steigenden Insolvenzzahlen bleiben sowohl das Ausfallrisiko bei Forderungen als auch das Risiko von Störungen durch Lieferantenausfälle hoch.

Laut Allianz wirkt der Nahost-Schock zunächst über Energiemärkte, Transportkosten auf See und Lieferketten – und anschließend über Inflation, strengere Finanzierungsbedingungen und sinkendes Vertrauen. Für den Straßentransport ist diese Abfolge besonders problematisch: Dieselpreise liegen außerhalb der Kontrolle der Unternehmen, Kostensteigerungen lassen sich oft nicht sofort weitergeben. Viele arbeiten mit geringen Margen und hohem Bedarf an Betriebskapital. Kommt dann noch Druck auf Kundenseite hinzu, tragen Transportunternehmen im Zweifel beides: höhere laufende Kosten und später eingehende Zahlungen.

Allianz nennt ausdrücklich Unternehmen als besonders anfällig, die wenig Preissetzungsmacht, dünne Margen, hohe Verschuldung oder strukturell hohen Working-Capital-Bedarf haben. Zudem wird der Transportsektor als energieintensiver Bereich beschrieben, der entsprechend stark von solchen Schocks betroffen sein kann.

Westeuropa im Fokus: Prognosen werden greifbar

Allianz erwartet, dass der globale Insolvenzindex in 2026 um 6 Prozent steigt – das wäre das fünfte Jahr in Folge mit zunehmenden Unternehmensinsolvenzen. Der direkte Effekt des Nahost-Schocks wird für 2026 mit 7.000 zusätzlichen Fällen weltweit beziffert, für 2027 mit 7.900. Davon entfallen laut Allianz auf Westeuropa 3.750 zusätzliche Fälle in 2026 und 3.600 in 2027.

Für Westeuropa rechnet Allianz in 2026 mit einem weiteren Plus von 3 Prozent – und damit mit einem Wert, der um vier Prozentpunkte schlechter ausfällt als vor dem Konflikt erwartet. Erst in 2027 wird ein moderater Rückgang prognostiziert. Für Deutschland nennt Allianz 24.650 Fälle in 2026, für Frankreich 69.900, für Belgien 11.750. Das Vereinigte Königreich soll laut Prognose auf einem hohen Niveau bei 26.550 bleiben.

Gerade der Blick auf das Vereinigte Königreich ist laut Allianz wichtig: Der Markt dürfte auf erhöhtem Niveau festhängen. Für Fracht- und Logistikunternehmen kann das genauso riskant sein wie ein sprunghafter Anstieg – denn schwache Geschäftspartner bleiben länger aktiv, während sich die Zahlungsmoral oft verschlechtert, bevor eine Insolvenz offiziell sichtbar wird.

Transport steht nicht im Rampenlicht – taucht aber immer wieder auf

Global sieht Allianz in 2026 vor allem Bau, Einzelhandel und Dienstleistungen als besonders gefährdet. Gleichzeitig macht der Bericht deutlich, dass der unmittelbare Druck auch im Transport, in der Chemie und in der Metallindustrie spürbar ist. Steigende Kosten ziehen sich demnach durch viele Wertschöpfungsketten – von Agrar- und Lebensmittelwirtschaft über Industrieproduktion bis hin zu Gesundheitswesen und Technologie. Auf der Vulnerabilitätskarte werden sowohl die Schifffahrt als auch Transport und Logistik als Bereiche ausgewiesen, die anfällig für Lieferkettenstörungen und Folgewirkungen sind.

Die Auswertung für Europa fällt noch deutlicher aus. In den 28 europäischen Ländern, die Allianz beobachtet, stiegen die Insolvenzen in Transport und Lagerung in mehr als zwei Dritteln dieser Staaten in 2025. Zudem liegt der Sektor in auffällig vielen Ländern über dem Niveau von vor der Pandemie.

Die Ländertabelle zeigt allerdings große Unterschiede. In 2025 stiegen die Insolvenzen in Transport und Lagerung um 15 Prozent in Deutschland, 7 Prozent in Frankreich, 15 Prozent in Belgien, 21 Prozent in Luxemburg, 24 Prozent in Finnland und 41 Prozent in Portugal. Im Vereinigten Königreich gab es hingegen einen Rückgang um 12 Prozent, die Niederlande verzeichneten ein Minus von 26 Prozent.

Das größte Risiko: der Dominoeffekt in der Kette

Allianz berichtet, dass große Insolvenzen Anfang 2026 weiterhin in hohem Tempo auftraten. Solche Fälle können wegen ihrer weit verzweigten Lieferantennetze einen Dominoeffekt auslösen. Genau so breitet sich Druck im Transport aus: Kraftstoffzuschläge können zwar einen Teil der Dieselpreissprünge abfedern. Wenn jedoch ein großer Kunde aus Bau, Chemie, Industrie, Handel oder Maschinenbau Zahlungsziele streckt, Mengen reduziert oder ganz ausfällt, ist die Wirkung schnell in der gesamten Kette zu spüren. Eine ausbleibende Zahlung trifft zuerst den Frachtführer – mehrere Ausfälle in Folge belasten dann Subunternehmer, Werkstätten, Reifenlieferanten, Finanzierungspartner und auch Risiken rund um Tankkarten.

In der Allianz-Prognose bleibt Asien der größte Treiber des globalen Insolvenzanstiegs – vor allem wegen der Größe Chinas und anhaltender struktureller Schwächen. Europas Verwundbarkeit ist jedoch anders gelagert: Die Region steht stärker unter Druck durch die Kombination aus schwachem Wachstum, teuren Vorleistungen, knapper Finanzierung und weiterhin erhöhter Fragilität nach mehreren Krisenjahren.

Der Bericht betont außerdem: Schon vor dem jüngsten Kriegsschock habe Europa in energieintensiven Branchen ein deutlich steigendes Risiko von Zahlungsausfällen gesehen. Folgewirkungen dürften sich besonders in europäischen Konsumbranchen zeigen. Für den Straßengüterverkehr ist das relevant, weil die Nachfrage stark von konsumnahen Industrien, industriellen Lieferketten und baugetriebener Aktivität abhängt.

Allianz weist zudem darauf hin, dass weniger als die Hälfte der westeuropäischen Länder den Rückstau „fehlender“ Insolvenzen vollständig abgebaut hat, der durch Unterstützungsmaßnahmen in der Pandemiezeit entstanden war. Deutschland, Frankreich, Italien, Irland und Belgien gehören zu den Ländern, die diese Anpassung noch nicht komplett hinter sich haben. Ein Teil des heutigen Risikos ist damit nicht neu: Ältere Schwächen, die durch Hilfen zeitweise verdeckt wurden, treten durch einen neuen externen Schock wieder stärker zutage.

Warum das UK-„Plateau“ keine Entwarnung ist

Auf den ersten Blick wirkt die Prognose für das Vereinigte Königreich moderat, weil Allianz für 2026 einen Rückgang um 1 Prozent erwartet. Entscheidend ist jedoch das Niveau: 26.550 Fälle – laut Länderabschnitt rund 30 Prozent über dem Niveau vor dem Schock.

Laut Bericht verdeckt dieses hohe Plateau zudem sehr unterschiedliche Entwicklungen je nach Branche. In 2025 gingen die Insolvenzen im Bau, in der Gastronomie und im Einzelhandel zurück, stiegen aber in Industrie, Großhandel, Information und Kommunikation sowie B2B-Dienstleistungen.

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