Die Covid-19-Pandemie hat das Wesen globaler Lieferketten deutlich vor Augen geführt: Der freie und offene Waren- und Dienstleistungsverkehr ist ein schönes, aber risikobehaftetes Prinzip, und dieses Risiko wird in jeder Phase, in der man sich auf Menschen verlässt, betont. Kürzere, einfachere Lieferketten, bei denen die Widerstandsfähigkeit im Vordergrund steht, sind ein Muss.

Darunter sind neue Modelle, die auf Near Shoring und kleinere, örtlich begrenzte Tätigkeit ausgerichtet sind, sowie die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit bei der Strategieentwicklung und beim Management zu verstehen, die es ermöglichen, von weniger sicheren Positionen aus zu arbeiten. Eine Untermauerung der Mechanismen von Industry/Supply Chain 4.0 – z.B. von Automatisierung, autonomen Systemen, künstlicher Intelligenz – ist erforderlich, um eine Basisebene für Maβnahmen zu schaffen, die ein „Business as usual”, eine Funktionalität für den Handel und die Wirtschaft insgesamt, die unabhängig von konstanten – und zwangsläufig weniger zuverlässigen – menschlichen Eingriffen ist, erleichtern.

Wie immer im Geschäftsleben gibt es unter sich verändernden Umständen Gewinner und Verlierer. In diesem Fall werden die Abgrenzungslinien um die Unternehmen gezogen, die das Nötigste liefern, und um die übrigen, die „Luxusgüter” anbieten. Die Zeit des Lockdowns bedeutet die Rückkehr zu einer Gesellschaft, die sich auf die Grundbereiche der Maslowschen Bedürfnishierarchie konzentriert: Nahrung, Unterkunft, Gesundheitsprodukte (zu denen im 21. Jahrhundert unser Bedarf an WiFi und digitaler Konnektivität hinzugekommen ist).

Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die Verbraucher in der Zeit nach dem COVID-19, zumindest anfänglich, psychologisch auf diese Bereiche beschränkt sein werden. Nachdem sie sich an die Hauszustellung gewöhnt haben und diese mit Bequemlichkeit und Sicherheit in Verbindung bringen, kann es durchaus sein, dass diese Modelle fortbestehen und zu einem größeren, festeren Bestandteil der Verbrauchererwartungen und -verhaltens werden, mit den damit verbundenen Kostenimplikationen für die Wirtschaft (da so viele Hauszustelldienste kostenlos oder zu unwirtschaftlich niedrigen Kosten angeboten werden). Auch das bedeutet wiederum einen weiteren Anstoß für automatisierte Alternativen zu den Menschen in Geschäften und Lagern, die für die Kommissionierung und Verpackung eingesetzt werden.

Vor allem die Anpassungsfähigkeit wird mittelfristig für Unternehmen aller Sektoren Priorität haben. Unternehmen, die ihre Fähigkeiten verstehen und in der Lage sind, flexibel zu sein, werden in bester Verfassung überleben. Wir haben bereits gesehen, wie Louis Vuitton und Brewdog ihre Betriebe auf Handdesinfektionsmittel umgestellt haben: weil sie die grundlegende Fähigkeit besitzen, Flüssigkeiten in Flaschen abzufüllen. Automobilfirmen stellen Atemschutzmasken her.

Die Unternehmen müssen sich jetzt auf Abläufe in diesem Post-Covid-19-Kontext vorbereiten und planen:

1. Verstehen Sie die Schlüsselkompetenzen Ihrer Organisation. Überlegen Sie, was Ihre Organisation tut und wie diese Fähigkeiten in anderen, weniger von der Pandemie betroffenen Märkten genutzt werden könnten.

2. Machen Sie eine Übersicht über den gesamten Umfang Ihrer Lieferkette, inklusive aller Rohstoffströme, der geografischen Lage der wichtigsten Lieferanten und der Transportströme, die sie verbinden. Bauen Sie stärkere Beziehungen zu den Lieferanten auf, damit vollständige Transparenz herrscht (entscheidende Qualität in der Welt nach dem Covid-19). Stellen Sie sicher, dass Sie verstehen, wo Ihre eigenen Produkte nach der Herstellung landen.

3. Beginnen Sie zu beurteilen, welche Elemente Ihrer Lieferkette das Potenzial haben, automatisiert zu werden – auch wenn es sich nicht um ein unmittelbares, sondern um ein langfristiges Ziel handelt. Was sind die Zwischenschritte – wie kollaborative Robotik -, die zur Erreichung dieses zukünftigen Ziels beitragen werden?

4. Untersuchen Sie die Möglichkeiten für Near Shoring. Gibt es eine Beschaffungsmöglichkeit in Ihrer örtlichen Umgebung oder könnte sie entwickelt werden? Betrachten Sie das Potenzial für kooperativen Wettbewerb (oder „Kooperationswettbewerb”) als Mittel zum Aufbau einer stärker lokal ausgerichteten Lieferkette.

5. Seien Sie realistisch, was die Kostenimplikationen von Hauslieferungsmodellen betrifft: Kennen Sie die wahren Kosten der Lieferung (Cost to Serve) an einzelne Kunden für bestimmte Produkttypen? Kennen Sie die Kosten für Rücksendungen? So etwas wie kostenlose Lieferung oder kostenlose Rückgabe gibt es nicht, jemand wird bezahlen, und das könnten Sie sein.

Richard Wilding OBE ist ein britischer Akademiker und Geschäftsmann, der sich auf Logistik, Transport und Supply Chain Management spezialisiert hat. Er gilt als einer der weltweit führenden Experten für Logistik und Supply Chain Management. Mehr erfahren Sie unter: http://www.richardwilding.info/ und https://www.linkedin.com/in/richardwilding/

Foto: Pixabay

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