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Fahrermangel: EU-Speditionen rekrutieren Lkw-Fahrer in Brasilien

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Der Fahrermangel zwingt Europas Speditionen zu neuen Wegen – und einer davon führt zunehmend nach Brasilien. Über Online-Formulare und virtuelle Beratungsgespräche werden dort Fahrer angesprochen, die später in EU-Flotten arbeiten sollen. Für die Bewerber ist der Weg nach Europa jedoch kein Schnellverfahren: Bis zum Einsatz im internationalen Fernverkehr vergehen meist mehrere Monate mit Vorbereitung, Behördengängen und teilweise erheblichen Vorabkosten.

Dieser Text wurde vollständig von einem Redakteur verfasst – basierend auf fachlichem Wissen, journalistischer Erfahrung und sorgfältiger Recherche. Künstliche Intelligenz kam dabei nicht zum Einsatz.

Ein brasilianischer Vermittler beschreibt das Modell als „ „Fahrerauktion“: Transportunternehmen in Europa melden ihren Bedarf für die kommenden zwölf Monate, anschließend beginnt die gezielte Suche nach passenden Kandidaten. Wer schließlich nach Europa reist, bringt in der Regel sieben persönliche Dokumente mit – sowie rund 800 Euro in bar. In vielen EU-Ländern ist die Arbeitserlaubnis zudem an den jeweiligen Arbeitgeber gebunden. Endet das Arbeitsverhältnis, hängt das Aufenthaltsrecht oft davon ab, wie schnell ein Wechsel gelingt.

Zwei Brancheninsider geben Einblick in die aktuelle Praxis der Rekrutierung aus Drittstaaten im europäischen Straßengüterverkehr: Ein Vermittler bringt bereits brasilianische Fahrer in mehrere EU-Länder, während ein zweites Projekt ein stärker standardisiertes Programm aufbaut – bislang jedoch noch ohne festen Arbeitgeber.

Gemeinsam ist beiden Ansätzen: Die eigentliche Arbeit beginnt lange vor der Einreise und endet nicht mit dem ersten Arbeitstag. Vermittler begleiten die Fahrer auch nach ihrer Ankunft, um den Übergang in den europäischen Arbeitsalltag zu erleichtern.

„Fahrerauktion“ als Modell für kleinere Speditionen

Marcelo Toledo, Betreiber des brasilianischen Recruiting-Unternehmens M/Brazil (auch Caterer Brazil genannt), bringt Fahrer mit Transportunternehmen in Litauen, Polen, Österreich, Lettland, Italien und Spanien zusammen. Das Vorgehen ist aus seiner Sicht unkompliziert: Firmen nennen ihren erwarteten Personalbedarf für die kommenden zwölf Monate, danach startet die Kandidatensuche. Toledo spricht von einer „Fahrerauktion“ und betont, das Konzept richte sich besonders an kleinere Speditionen, die sich große Recruiting-Agenturen nicht leisten können.

Bevor es überhaupt Richtung Europa geht, müssen die Fahrer sieben persönliche Unterlagen zusammenstellen:

  • einen Reisepass,
  • einen brasilianischen Führerschein,
  • einen internationalen Führerschein,
  • ein polizeiliches Führungszeugnis,
  • einen Auszug aus dem Führerscheinregister,
  • medizinische Untersuchungen,
  • Empfehlungsschreiben.

Nach Toledos Angaben übernehmen Arbeitgeber in rund 90 Prozent der Fälle die wichtigsten Kosten – etwa Flug, Unterkunft, Schulungen (Code 95) und Vermittlungsgebühren. Dennoch sollen Fahrer mit etwa 800 Euro Eigenmitteln anreisen, um die ersten Wochen zu überbrücken.

Toledo sagt, er habe in den vergangenen zwei Jahren etwa 95 Fahrer vermittelt – überwiegend nach Österreich und Litauen. Weitere Einstellungen seien für Polen geplant, sobald die Visaverfahren abgeschlossen sind. Den Bedarf beziffert er für dieses Jahr auf zweitausend Fahrer – wobei es sich um Anfragen von Arbeitgebern und über sein System eingereichte Formulare handelt, nicht ausschließlich um bereits unterschriebene Verträge.

Die Vorbereitungsphase – von ihm als „Viking“-Training bezeichnet – dauert nach seinen Worten etwa drei Monate. Ziel sei es, Fahrer aus Südamerika auf die europäische Realität einzustellen: lange Zeit fern der Familie, eine andere Arbeitskultur und je nach Zielland deutlich kälteres Wetter. Brasilianische Fahrer, die bereits in Europa arbeiten, unterstützen dabei neue Kollegen und begleiten sie als Mentoren durch die Umstellung.

Auch nach Arbeitsbeginn bleibt Toledo nach eigener Aussage in die Betreuung eingebunden. Verliert jemand den Job, versucht er schnell neue Gespräche zu organisieren, damit der Fahrer nicht nach Brasilien zurück muss. Will ein Fahrer den Arbeitgeber wechseln, werde zunächst versucht, den Konflikt zu lösen – bleibt der Wechselwunsch bestehen, sucht er eine neue Stelle. Vor Vertragsabschluss übersetzt er außerdem Informationen zu Job und Beschäftigungsbedingungen ins Portugiesische.

Standardisiertes Programm mit strengeren Regeln

Einen strukturierteren Ansatz verfolgt das Projekt „The One Driver“. Gründer James setzt auf ein stärker standardisiertes Verfahren zur Integration von Fahrern aus Nicht-EU-Staaten.

Ein konkreter Arbeitgeber fehlt bislang, jedoch stehen rund 70 Fahrer auf einer Warteliste. In diesem Modell übernimmt der Arbeitgeber die wesentlichen Kosten, während Fahrer nur Visa- und Genehmigungsgebühren tragen – je nach Land zwischen etwa 200 und 800 Euro.

Die Schulung erfolgt im Heimatland über lokale Partner und dauert vier Tage. Inhalte sind unter anderem Verkehrssicherheit, Risikomanagement, EU-Lenk- und Ruhezeiten sowie praktische Aspekte des Lebens und Arbeitens in Europa. Ergänzt wird das Programm durch kognitive und praktische Tests.

Nach der Einreise absolvieren die Fahrer die verpflichtende Code-95-Weiterbildung und beginnen anschließend ihre Tätigkeit.

Teilnehmende Unternehmen müssen bestimmte Standards erfüllen, insbesondere bei Unterbringung, Bezahlung und Einhaltung gesetzlicher Vorschriften. Firmen mit negativen Auffälligkeiten sollen ausgeschlossen werden.

Ein zentrales Kriterium: Die regelmäßige wöchentliche Ruhezeit muss außerhalb des Fahrzeugs erfolgen – inklusive bereitgestellter Unterkunft.

Rechtlicher Rahmen bleibt entscheidend

Die EU-Vorschriften sind eindeutig: Die regelmäßige wöchentliche Ruhezeit sowie Ausgleichsruhezeiten über 45 Stunden dürfen nicht im Lkw verbracht werden. Arbeitgeber müssen hierfür geeignete Unterkünfte bereitstellen.

Beim sogenannten „Single Permit“ gibt es Bewegung: Arbeitnehmer aus Drittstaaten erhalten unter bestimmten Bedingungen mehr Flexibilität beim Arbeitgeberwechsel und können – je nach Aufenthaltsdauer – mehrere Monate arbeitslos bleiben, ohne ihre Genehmigung sofort zu verlieren.

Dennoch bleiben nationale Regelungen entscheidend. In Litauen etwa kann der Aufenthaltstitel entzogen werden, wenn kein rechtzeitiger Arbeitgeberwechsel erfolgt.

Auch der geplante EU-Talentpool ändert daran nichts Grundsätzliches: Er dient lediglich als Vermittlungsplattform, während Visa- und Aufenthaltsverfahren weiterhin national geregelt bleiben.

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