Im Forschungsprojekt „CargoTrailSense_AI“ hat ein Team der Fachhochschule Dortmund untersucht, wie sich Achslasten, Lastverteilung und Fahrbahnbelastungen direkt am LKW-Trailer erfassen lassen. Ziel war ein praxistaugliches System, das ohne zusätzliche Stopps belastbare Daten liefert.
Vom Trailer zum „fahrenden Messlabor“
Im Projekt wurden Sattelauflieger mit einer Kombination aus Dehnungsmessstreifen, Beschleunigungssensoren und intelligenter Auswertungssoftware ausgestattet. Ergänzend kamen Luftfederbeläge mit integrierter Sensorik zum Einsatz, die gemeinsam mit Industriepartnern entwickelt wurden.
Die Sensoren erfassen kontinuierlich Belastungen, Achslasten und Schwingungen. Über eine Telematikanbindung werden die Daten in eine Cloud übertragen und dort ausgewertet. Getestet wurde die Technik nicht im Labor, sondern im realen Betrieb, auf unterschiedlichen Routen und mit verschiedenen Beladungsszenarien, um eine belastbare Datenbasis zu schaffen.
Präzise Lastdaten statt Wartezeiten an der Waage
Laut FH Dortmund erreicht das System bei der Last- und Achslastermittlung eine Abweichung von unter einem Prozent gegenüber stationären Waagen, zumindest im kalibrierten Zustand. Für Speditionen ist das mehr als ein technisches Detail. Es bedeutet:
- keine Wartezeiten an Waagen,
- kontinuierliche Kontrolle der Beladung während der Fahrt,
- weniger Risiko für Überladung und Bußgelder.
Zusätzlich eröffnet die Sensorik Potenzial für vorausschauende Wartung. Veränderungen in den Messdaten können frühzeitig auf Reifenverschleiß oder Bremsprobleme hinweisen, bevor es zu Ausfällen oder ungeplanten Standzeiten kommt.
Projektleiter Prof. Dr. Yves Rosefort zieht ein klares Fazit:
„Wir haben mit diesem Projekt gezeigt, dass durch die Kombination verschiedener Sensoren und einer ausgeklügelten Technik am LKW-Anhänger ein hochkomplexes, aber enorm leistungsfähiges System möglich ist.“
LKW als „Straßenscanner“ für Behörden
Neben dem Nutzen für die Logistik adressiert das Projekt auch die Infrastruktur. Mithilfe KI-gestützter Auswertung kann das System Straßenschäden wie Schlaglöcher während der Fahrt erkennen. Die FH Dortmund spricht von einer Trefferquote von rund 80 Prozent.
Solche Daten könnten für Straßenverwaltungen relevant sein, da sie nicht nur Schäden sichtbar machen, sondern auch Rückschlüsse auf die tatsächlichen Belastungen durch den Schwerverkehr zulassen. Nach Angaben der Hochschule hat das Bundesamt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt) bereits Interesse an den Forschungsdaten signalisiert.
Marius Jones, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projektteam, sieht darin einen notwendigen Schritt:
„Früher oder später wird eine solche Sensorik in LKW standardmäßig verbaut werden müssen.“
Nutzen für Speditionen und die Kostenfrage
Für die Transportbranche liegt der Mehrwert klar auf der Hand: weniger Standzeiten, geringeres Risiko, bessere Planbarkeit und neue Möglichkeiten im Flottenmanagement. Gleichzeitig könnten belastbare Daten helfen, Diskussionen über Achslasten und Infrastruktur sachlicher zu führen.
Bis zur Serienreife bleiben jedoch Hürden. Damit Hersteller und Flottenbetreiber die Technik flächendeckend einsetzen, muss sie günstiger werden. In einem hart umkämpften Markt können bereits einige hundert Euro Mehrkosten pro Trailer entscheidend sein.
Diskutiert werden deshalb Anreizmodelle, etwa Mautvergünstigungen für Speditionen, die ihre anonymisierten Straßenzustandsdaten der öffentlichen Hand zur Verfügung stellen. Denn ineffiziente Beladung, Überladung und ungeplante Standzeiten verursachen schon heute hohe wirtschaftliche Schäden.
Projektpartner und Förderung
Koordiniert wurde das Projekt von der Fachhochschule Dortmund. Beteiligt waren unter anderem BPW Bergische Achsen, ContiTech (Continental), OKIT, F&T LaSiSe, der Stadthafen Lünen sowie weitere Technologie- und Beratungspartner. Die Erprobung erfolgte gemeinsam mit Speditionen im realen Fahrbetrieb. „CargoTrailSense_AI“ hatte ein Projektvolumen von rund 2,8 Mio. Euro und wurde im Rahmen der Innovationsinitiative mFUND mit 2,19 Mio. Euro durch das Bundesministerium für Digitales und Verkehr gefördert.
EU-Rahmen zur Gewichtskontrolle: erlaubt, aber nicht verpflichtend
Auf europäischer Ebene gilt weiterhin die Richtlinie 96/53/EG in der durch die Richtlinie (EU) 2015/719 ergänzten Fassung. Sie regelt die zulässigen Gewichte und Achslasten von Lastkraftwagen und verpflichtet die Mitgliedstaaten, Überladungen wirksamer zu kontrollieren. Vorgeschrieben ist dabei nicht eine bestimmte Technik: Die EU erlaubt sowohl stationäre Wiegesysteme in der Infrastruktur als auch bordeigene Wiegesysteme im Fahrzeug oder am Anhänger, sofern diese zuverlässig und interoperabel sind. In der Praxis setzen die Mitgliedstaaten bislang vor allem auf punktuelle Kontrollen und „Weigh-in-Motion“-Systeme an Straßen. Eine Pflicht zur Ausstattung von LKW oder Trailern mit Sensorik besteht auch 2026 nicht, der Rechtsrahmen lässt sie jedoch ausdrücklich zu. Genau an dieser Stelle ordnet sich die im Projekt „CargoTrailSense_AI“ erprobte Trailer-Sensorik ein.











