Die Diskussion um E-Commerce gleicht dem Bildnis von den vier blinden Weisen und dem Elefanten: Jeder erklärt „das Tier“ E-Commerce aus dem heraus, was er als Bezugsrahmen erfassen kann. Fühlt man nur den Stoßzahn, bekommt man Angst. Fühlt man die warme, weiche Flanke, wird es kuschelig. Fühlt man den Rüssel, liegt Ekel nahe und die Ohren assoziiert man mit einem Schutzschild. Aber: Die Teile und ihre Summe machen nicht notwendig das Ding an sich komplett.

Was ist daher E-Commerce? Pakete statt Läden oder der Handel der Zukunft? Und was ist seine Bedeutung für die Wirtschaft insgesamt? Verdrängungswettbewerb und Automatisierung oder ein Leuchtturm für die notwendige Digitalisierung?

Solche Fragen stellen sich brennend, wenn die Politik Regulierung über operative oder fiskalische Hebel versucht, als Bezugsrahmen dabei aber zwischen dem Kirchturm und den globalen Handelsbeziehungen spannt. Hier Paketsteuer, da Onlinesteuer, hüben Obhutspflicht, drüben Retourenporto. Der Beispiele ließen sich mehr aufzählen.

Aber wer ist dieses unbekannte und für viele merkwürdig anmutende „Tier“ E-Commerce wirklich, das inzwischen von Versicherungen über Handwerk, von Dienstleistungen bis zum Handel mit Waren jeglicher Art die Wirtschaftsprozesse beeinflusst?

Die Frage haben wir im vergangenen November ganz bewusst nach außen gegeben und den Forschern des dänischen Ökonomie-Think Tanks „Copenhagen Economics“ gestellt, die Fragen der digitalen Wertschöpfung für private Unternehmen wie öffentliche Institutionen in ganz Europa bearbeiten. Wir haben gemeinsam nach Quellen gesucht, die Antwort auf die Frage geben, was der „Impact“, die Auswirkungen auf die ganze Wirtschaft im Hinblick auf E-Commerce bedeutet.

  • E-Commerce hat über 1,2 Millionen Beschäftigte,
  • schafft zu 100 neuen Arbeitsplätzen direkt im Handel weitere 66 im Umfeld
  • leistet 100 Milliarden Euro Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt, entsprechend 2,9 %.

Zum Vergleich: Die immer wieder von der Politik „gepamperte“ deutsche „Schlüsselindustrie Automobil“ kommt auf 4,9 % und gibt annähernd gleich vielen Menschen Lohn und Brot wie wir.

Diese Erkenntnisse sind nur ein erster Aufschlag. Denn die Genese der Studie hat gezeigt, wie ergänzungsdürftig vielfach die einzelne Datenbasis ist, auf der heute politische Willensbildung im Hinblick auf einzelne Aspekte des E-Commerce fußt. Daher brauchen wir mehr Wissen um die Wertschöpfungstreiber – wie etwa ist die Bedeutung des „Consumer Welfare“ (im Deutschen etwas altertümlich „Konsumentenwohfahrt“ genannt) zu taxieren, die sich im Bruttoinlandsprodukt nicht fassen lässt? Wir müssen den Saldo der Leistungen bilanzieren – aber nicht Sektor für Sektor, sondern übergreifend. Dafür braucht es die Einsicht, dass E-Commerce heute keine besondere Form des Einzelhandels mehr ist: E-Commerce-Prozesse gestalten heute Wertschöpfungsketten von Industrie und Manufaktur über Dienstleistungen und Finanzsektor bis zum Gesundheitswesen und öffentlichen Raum um.

Die Politik nach der Pandemie muss die Wirtschaft angesichts einer durch öffentliche Schulden kaschierten globalen Krise stärken. Im nationalen Rahmen ist das bei einem schrumpfenden Binnenmarkt nicht mehr möglich. Dabei hat Deutschland heute schon „Hidden Champions“ in allen Sektoren, die digitale Exzellenz von globalem Rang aufweisen. Es wäre also fatal, die Bedeutung des E-Commerce zu klein zu schätzen und seine Behinderung durch gesetzgeberische Fehler für verschmerzbar zu halten. Regulierung „pars pro toto“, um einzelne Wettbewerber zu bremsen, wirft allen Knüppel zwischen die Beine, die im globalen Rennen mitlaufen. Und wir sind maßgeblicher Wirtschaftsfaktor und Zukunftsbranche, E-Mobilität und nicht „Dieselgate“!

Darum: Diskutieren Sie mit! Wie schätzen Sie die Bedeutung des E-Commerce „fair“ ein? Ist das Bruttoinlandsprodukt eine sinnvolle Kenngröße um seine Bedeutung abzumessen? Welche Aspekte sollten wissenschaftlich weiter untersucht werden?

Wir sind sicher, dass dies Thema in nächster Zeit durch weitere Studien und Untersuchungen bezogen auf die deutsche Wirtschaft sowie europaweit und international „Fahrt aufnehmen“ wird.

Foto: pixabay

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