Das Wichtigste im Überblick
- DHL Freight und Kühne+Nagel meldeten Ende Juli Verzögerungen im Straßen- und Schienenverkehr rund um Madrid, Bordeaux sowie in Südfrankreich.
- Direkte Hafenstörungen wurden in Spanien zunächst nicht gemeldet; betroffen waren vor allem Hinterlandverkehre und regionale Zufahrten.
- Besonders gefährdet sind Lieferketten mit spezialisierten Zulieferern, geringen Beständen und festen Zeitfenstern.
- Die Auswirkungen können noch anhalten, wenn Straßen bereits wieder freigegeben sind.
- Nach Angaben des Risikospezialisten Sphera wurden in Frankreich, Spanien, Portugal und Griechenland in den vergangenen drei Jahren mehr als 30 brandbedingte Lieferausfälle bei Zulieferern erfasst.
Nicht die Fernroute ist das größte Risiko
Die großen Brände in Frankreich und Spanien führten Ende Juli zu Sperrungen auf Straßen und Bahnstrecken. DHL Freight warnte deshalb vor Verzögerungen bei Abholungen und Zustellungen rund um Madrid und Bordeaux. Kühne+Nagel meldete ebenfalls Störungen im Straßen- und Schienenverkehr in Spanien und Südwestfrankreich. Direkte Einschränkungen spanischer Häfen waren zunächst nicht bekannt.
Für Lieferketten entsteht das größere Problem jedoch häufig abseits der Hauptachsen. Ein freier Autobahnkorridor hilft wenig, wenn ein Zulieferer wegen Evakuierung nicht produziert, ein Lager nicht erreichbar ist oder ein regionaler Frachtführer Personal und Fahrzeuge nicht einsetzen kann.
Damit verlagert sich das Risiko von der reinen Transitzeit auf die Verfügbarkeit der gesamten Lieferkette.
Produktionsausfälle können zeitversetzt sichtbar werden
Viele Auswirkungen zeigen sich nicht während des Brandes, sondern erst danach. Ein Werk kann zunächst aus vorhandenen Beständen weiterproduzieren. Fehlen anschließend einzelne Komponenten, entstehen Produktionsunterbrechungen mit Verzögerung.
Besonders kritisch sind Teile, die nur von wenigen Herstellern bezogen werden oder kundenspezifisch gefertigt sind. In solchen Fällen lässt sich ein ausgefallener Lieferant nicht kurzfristig ersetzen.
Das gilt etwa für die Luft- und Raumfahrtindustrie, Elektronikfertigung, Medizintechnik oder den Maschinenbau. Im Raum Bordeaux sind mehrere Hightech- und Luftfahrtunternehmen angesiedelt, deren Produktion von spezialisierten Zulieferern und eng getakteten Transporten abhängt.
Gefahr liegt oft unterhalb der direkten Lieferantenebene
Nach Einschätzung von Sphera entstehen die größten betrieblichen Probleme häufig bei Tier-2- und Tier-3-Lieferanten. Unternehmen kennen ihre direkten Partner meist gut, haben aber weniger Transparenz darüber, welche Vorlieferanten, Lager oder Logistikdienstleister hinter ihnen stehen.
Dadurch kann ein Brand einen Betrieb treffen, der dem Endkunden zunächst gar nicht bekannt ist. Fällt ein gemeinsamer Teilehersteller, Verpackungsspezialist oder Transportdienstleister aus, können mehrere Lieferketten gleichzeitig betroffen sein.
Sphera zufolge wurden in Frankreich, Spanien, Portugal und Griechenland innerhalb von drei Jahren mehr als 30 brandbedingte Vorfälle mit Lieferengpässen bei Zulieferern festgestellt. Der Risikospezialist warnt deshalb davor, die Folgen auf die direkt betroffene Region zu begrenzen.
Verpasste Anschlüsse vervielfachen Verzögerungen
In Stückgut-, Express- und Paketnetzen kann bereits ein verspäteter Lkw mehrere weitere Abläufe stören. Erreicht ein Hauptlauf den Hub nach dem Annahmeschluss, verpasst die Sendung den geplanten Anschluss. Aus wenigen Stunden Verzögerung kann so ein zusätzlicher Tag werden.
Ähnliches gilt für See- und Luftfracht. Auch wenn ein Hafen oder Flughafen regulär arbeitet, kann Fracht ihren gebuchten Abgang verpassen, wenn Vorläufe ausfallen oder Container nicht rechtzeitig am Terminal eintreffen.
Kühne+Nagel wies Ende Juli darauf hin, dass Brände in Südfrankreich die Verkehre rund um Marseille, Lyon und Fos-sur-Mer beeinträchtigen könnten. Damit waren auch die Anbindungen eines wichtigen französischen Hafen- und Industrieclusters gefährdet.
Mehrkosten durch Umplanung und Sondertransporte
Für Verlader und Logistikdienstleister entstehen nicht nur Verspätungen. Routen müssen umgeplant, Zeitfenster neu gebucht und teilweise Ersatzfahrzeuge oder Sonderfahrten organisiert werden.
Zusätzliche Kosten entstehen unter anderem durch:
- längere Fahrtstrecken und höheren Kraftstoffverbrauch,
- Standzeiten an Hubs, Lagern und Terminals,
- Express- oder Luftfracht für dringend benötigte Komponenten,
- zusätzliche Lagerhaltung zur Absicherung gefährdeter Lieferketten,
- Vertragsstrafen oder Produktionsausfälle bei verspäteter Lieferung.
Ob diese Kosten weitergegeben werden können, hängt von Transportverträgen, Notfallklauseln und der konkreten Ursache ab.
Mode, Handel und Ersatzteile besonders zeitsensibel
Nach Einschätzung von Sphera gab es bereits Störungen im Bekleidungsvertrieb während der Sommerschlussverkäufe. Dort ist das Zeitfenster besonders eng: Erreicht saisonale Ware die Filialen verspätet, verliert sie schnell an Wert.
Auch die Ersatzteillogistik reagiert empfindlich. Fällt eine Maschine oder Produktionsanlage aus, können wenige Stunden Verzögerung bei einem kritischen Bauteil hohe Stillstandskosten verursachen.
Im Lebensmittelbereich kommen begrenzte Haltbarkeit und Kühlketten hinzu. Umleitungen und längere Standzeiten erhöhen dort nicht nur die Kosten, sondern auch das Risiko, dass Lieferfenster oder Temperaturvorgaben nicht eingehalten werden.
Warum die Folgen länger dauern als die Brände
Selbst nach der Freigabe von Straßen und Bahnstrecken kehrt ein Logistiknetz nicht sofort in den Normalbetrieb zurück. Fahrzeuge befinden sich auf Ausweichrouten, Fahrerzeiten sind verschoben und Lager arbeiten Rückstände ab.
Zulieferer müssen möglicherweise erst Schäden prüfen, Anlagen wieder hochfahren oder fehlendes Personal ersetzen. Gleichzeitig konkurrieren viele Unternehmen um dieselben alternativen Transportkapazitäten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob die Straße wieder offen ist. Wichtiger ist, ob Material verfügbar ist, Lieferanten produzieren, Umschlagpunkte funktionieren und Ersatzrouten ausreichend Kapazität bieten.









