Für die Studie hat Intrum 8.385 Unternehmen in 20 Ländern befragt. Ein zentrales Ergebnis: Zahlungsverzug verlagert sich zunehmend entlang der Lieferkette – aus einer verspäteten Kundenzahlung wird schnell ein verspäteter Zahlungseingang beim nächsten Glied. Entsprechend reichen inzwischen 62 Prozent der Firmen die Verzögerungen an ihre eigenen Lieferanten weiter.
Besonders deutlich spüren das Speditionen und Logistikdienstleister. Denn Kosten wie Kraftstoff, Löhne, Maut, Fahrzeugleasing, Wartung und Versicherungen laufen weiter und müssen fristgerecht bezahlt werden – unabhängig davon, wann eine Rechnung tatsächlich beglichen wird.
Am stärksten zeigt sich dieser Effekt in Deutschland: Dort sagen 70 Prozent der Unternehmen, dass sie Lieferanten später bezahlen, weil sie selbst zu spät bezahlt wurden. Es folgen Polen mit 69 Prozent sowie Österreich, Dänemark und die Slowakei mit jeweils 68 Prozent. Italien kommt auf 67 Prozent, das Vereinigte Königreich auf 64 Prozent – alle liegen damit über dem europäischen Durchschnitt.
Zahlungsziel im B2B-Geschäft und Realität driften um 20 Tage auseinander
Im Geschäftskundenbereich (B2B) räumen Unternehmen ihren Kunden im Schnitt 43 Tage Zahlungsziel ein – tatsächlich kommt das Geld jedoch durchschnittlich erst nach 63 Tagen. Das ergibt eine Lücke von 20 Tagen. Bei öffentlichen Auftraggebern liegt das Zahlungsziel bei 53 Tagen, bezahlt wird im Mittel nach 70 Tagen. Rechnungen an Privatkunden werden nach 32 Tagen beglichen, obwohl die üblichen Fristen bei 22 Tagen liegen.
Intrum betont, dass die vereinbarten Zahlungsziele in den vergangenen fünf Jahren insgesamt relativ stabil geblieben sind – verlängert haben sich vor allem die tatsächlichen Zahlungszeiten. Im B2B-Bereich wuchs die Lücke von 16 Tagen im Jahr 2023 auf 20 Tage im Jahr 2026.
Zudem liegt der Anteil der Umsätze, die verspätet eingehen, inzwischen knapp über dem, was Unternehmen noch als verkraftbar ansehen. Als noch ohne größere Störungen verkraftbar geben Firmen im Schnitt 12,08 Prozent verspätet bezahlter Umsätze an. Real liegt der Wert bei 12,13 Prozent.
Am stärksten ist diese Abhängigkeit von verspäteten Zahlungen in Ungarn (14,52 Prozent), gefolgt von Frankreich (14,16 Prozent) und Österreich (14,13 Prozent).
Sorgen wegen Zöllen vor allem bei großen Exportnationen
Europaweit sagen 34 Prozent der Unternehmen, dass das aktuelle Zollumfeld in den kommenden zwölf Monaten zu einer ernsthaften Gefahr für das eigene Überleben werden könnte. Intrum schätzt, dass das – bezogen auf die im Bericht erfassten Unternehmen – rund 10,9 Millionen Unternehmen und 66 Millionen Arbeitsplätze betreffen würde.
Am ausgeprägtesten ist die Sorge in Irland (44 Prozent), danach folgen Frankreich (42 Prozent), Italien (41 Prozent) und Deutschland (39 Prozent). Alle vier Länder zählen zu wichtigen Exporteuren in die Vereinigten Staaten – unter anderem in Branchen wie Pharma, Automobil, Industriegüter, Maschinenbau, Luxusgüter und Komponenten für die Luftfahrt.
Größere Unternehmen stufen Zölle häufiger als existenzielle Bedrohung ein als kleine und mittlere Unternehmen: 40 Prozent gegenüber 31 Prozent. KMU rechnen laut Intrum eher mit zusätzlichen Störungen, weil ihre finanziellen Puffer bei verzögerten Zahlungseingängen kleiner sind.
Mehr Vorkasse, mehr Bonitätsprüfungen: Unternehmen ziehen die Zügel an
Jedes zweite Unternehmen in Europa verlangt inzwischen Vorkasse – nach 46 Prozent im Vorjahr und 31 Prozent im Jahr 2020. Der Anteil der Firmen, die Bonitätsprüfungen durchführen, stieg auf 39 Prozent. 26 Prozent setzen zudem Maßnahmen zur Betrugsprävention ein.
Auch die Nutzung der EU-Richtlinie gegen Zahlungsverzug nimmt zu: Laut Intrum machen 60 Prozent der Unternehmen inzwischen ihr Recht auf Zinsen und Entschädigung geltend, wenn Rechnungen zu spät bezahlt werden. Im Jahr 2021 waren es noch 42 Prozent.
58 Prozent der Unternehmen wünschen sich außerdem strengere staatliche Vorgaben gegen verspätete Zahlungen. Diskutiert wird unter anderem, Zahlungsziele für KMU auf 30 Tage zu begrenzen, während größere Unternehmen weiterhin frei verhandeln könnten. 71 Prozent halten diesen Ansatz für fair gegenüber KMU, und 66 Prozent erwarten dadurch ein besseres Zahlungsverhalten in Europa.









