EU-Industriekommissar Stéphane Séjourné sagte der Financial Times, die Europäische Kommission wolle Handelsschutzmaßnahmen auf komplette Industriesektoren ausweiten. Für Zollabwicklung, Transportketten und die Planung von Importströmen könnte das spürbare Folgen haben.
Séjourné bezeichnete den Druck durch chinesische Importe als „existenziell“ – vor allem für europäische Hersteller in der Chemie, bei Metallen und in der Clean-Tech-Industrie. In diesen Bereichen hätten staatlich gestützte Überkapazitäten über längere Zeit die Preise gedrückt und Produzenten in Europa unter Druck gesetzt.
Am deutlichsten zeigt sich die neue Richtung derzeit beim Stahl. Im April einigten sich der Rat der EU und das Europäische Parlament vorläufig auf ein neues System für Stahleinfuhren, das die bisherigen Schutzmaßnahmen ersetzen soll. Vorgesehen ist, die jährlichen zollfreien Importkontingente auf 18,3 Millionen Tonnen zu senken (etwa 47 Prozent unter dem Niveau des Schutzkontingents von 2024). Gleichzeitig soll der Zollsatz für Mengen außerhalb der Quote auf 50 Prozent steigen.
Für Importeure heißt das: Der Spielraum für zollfreie Mengen wird enger – und sobald die Kontingente ausgeschöpft sind, steigen die Kosten deutlich.
Genau dieses Prinzip könnte nun als Blaupause dienen. Laut Financial Times will die Kommission Schutzklauseln deutlich breiter und sektorweit einsetzen – insbesondere in Branchen, die besonders stark von chinesischen Überkapazitäten betroffen sind, darunter Chemie, Metalle und Clean-Technologies.
Handelsdefizit mit China nimmt weiter zu
Der Handlungsdruck in Brüssel speist sich auch aus der Größenordnung der Schieflage. Die EU-Ausfuhren nach China gingen 2025 um 6,5 Prozent zurück, während die Einfuhren aus China um 6,4 Prozent zulegten. Zugleich stieg das Defizit auch mengenmäßig: von 44,8 Millionen Tonnen 2024 auf 58,1 Millionen Tonnen 2025. Damit wird das Thema unmittelbar relevant für Hafenabfertigung, Frachtströme und die Logistikinfrastruktur in Europa.
Die EU beschreibt ihren Kurs als „De-Risking“ und nicht als wirtschaftliche Entkopplung: Kritische Abhängigkeiten sollen sinken und aus Sicht Brüssels unfairer Wettbewerb eingedämmt werden – ohne die Handelsbeziehungen grundsätzlich zu kappen. In der Praxis wird die Trennlinie jedoch zunehmend unscharf.
Auch Kleinsendungen geraten ins Visier
Parallel zur Diskussion über Industrieimporte nimmt die EU auch das andere Ende der Lieferkette ins Visier: den Boom bei günstigen E-Commerce-Kleinsendungen. Viele dieser Pakete kommen direkt über Plattformen wie Shein, Temu und AliExpress nach Europa.
Ab dem 1. Juli 2026 soll ein pauschaler Zoll von drei Euro auf niedrigwertige Online-Pakete eingeführt werden. Für Paketdienstleister bedeutet das deutlich mehr Zollanmeldungen, Kontrollen und Zahlungsprozesse – bei Sendungen, die bisher mit weniger Aufwand abgefertigt wurden.
Die Logistikbranche warnt allerdings vor Problemen durch den Zeitplan. DHL, FedEx und UPS forderten die EU-Finanzminister auf, die neuen Regeln schrittweise einzuführen. Begründung: Offene regulatorische Details seien zu komplex, um sie sofort umzusetzen. Laut Reuters könnte ein überhasteter Start zu Verzögerungen an EU-Grenzen führen und Lieferketten stören – auch für Industrieproduktion und medizinische Versorgung. Das ist ein Hinweis darauf, dass Maßnahmen für „Fairness“ im Konsummarkt in der Praxis zuerst als Stau in Zollabfertigung, Umschlag und Lagerprozessen sichtbar werden können.
Mehr Zollaufwand, weniger Planbarkeit
Sollten Schutzmaßnahmen künftig auch Chemikalien, Metalle oder Clean-Tech-Produkte umfassen, wird die Importpraxis komplexer: mehr Kontingentsteuerung, stärkere Aufmerksamkeit für Ursprungsregeln und eine engere Taktung der Sendungsplanung rund um Zollschwellen.
Zudem wächst der Druck aus den Mitgliedstaaten, schneller zu handeln. Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande und Litauen drängen darauf, die handelspolitischen Schutzinstrumente auszubauen und zu beschleunigen. Aus ihrer Sicht sind Anti-Dumping- und Anti-Subventionsverfahren oft zu langsam und zu eng gefasst, um auf plötzliche Importwellen oder breitflächige Marktverwerfungen reagieren zu können.
Später im Jahr wird erwartet, dass die Kommission ihre Instrumente zum Handelsschutz überprüft. Für Logistikunternehmen, die Importe aus China abwickeln, zeichnet sich die Richtung jedoch schon ab: mehr Zoll- und Tarifrisiken, mehr Arbeit rund um Quoten – und eine deutlich geringere Vorhersehbarkeit in der Zoll- und Transportplanung.
Lesetipp
Wenn Sie nach den möglichen Folgen der EU-Maßnahmen auf Transportströme und Planung noch tiefer einsteigen möchten, helfen diese Beiträge beim Einordnen von Handelspolitik und Risiko-Management in der Logistik.
- EU und Mexiko modernisieren Freihandelsabkommen: Neue Chancen für Logistik und Transport– zeigt, wie neue Handelsregeln Warenströme und Transportsegmente (z. B. Container und Automotive) verschieben können und liefert damit einen Vergleich zu den nun diskutierten EU-Eingriffen gegenüber China.









