Der Dieselpreis ist für europäische Transportunternehmen wieder zu einem schwer kalkulierbaren Kostenfaktor geworden. Anfang September steigen die Preise in mehreren wichtigen Transportmärkten gleichzeitig. Die Unterschiede zwischen den Ländern bleiben groß, doch die gemeinsame Ursache liegt zunehmend auf der Angebotsseite des Dieselmarktes.
In Deutschland kostete Diesel am 7. September im bundesweiten Durchschnitt 2,32 Euro je Liter. Vor Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar waren es nach Daten der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe 1,75 Euro. Der Anstieg beträgt damit 57 Cent beziehungsweise knapp ein Drittel.
In Italien wurden am 8. September im normalen Straßennetz durchschnittlich 2,169 Euro und an Autobahnen 2,240 Euro je Liter verlangt. Spanien lag zuletzt mit 1,810 Euro für Gasóleo A deutlich darunter. Auch französische Tankstellen melden inzwischen vielerorts Dieselpreise oberhalb von 2,20 Euro.
In Polen rechnet die Północna Izba Gospodarcza in Stettin mit weiteren Erhöhungen. Die regionale Wirtschaftskammer hält im Fall einer Fortsetzung der Entwicklung sogar neun Złoty je Liter – umgerechnet rund 2,12 Euro – für möglich. Dabei handelt es sich nicht um einen bereits erreichten Preis und auch nicht um eine unabhängige Marktprognose, sondern um ein von der regionalen Wirtschaftskammer beschriebenes Szenario für die weitere Preisentwicklung. Damit würde Diesel in Polen die Marke von umgerechnet zwei Euro je Liter deutlich überschreiten und sich dem derzeitigen Preisniveau in Italien, Frankreich und Deutschland annähern.
Das Wichtigste im Überblick
- Deutschland: Diesel liegt bei durchschnittlich 2,32 Euro je Liter, 57 Cent mehr als Ende Februar.
- Italien: 2,169 Euro, an Autobahnen 2,240 Euro.
- Spanien: mit 1,810 Euro weiterhin deutlich niedriger.
- Polen: Transport- und Wirtschaftsverbände warnen vor weiter steigenden Betriebskosten.
- Der internationale Dieselmarkt ist deutlich enger geworden; Branchenvertreter erwarten auch im Winter ein knappes Angebot.
- Vitol beziffert die derzeitige globale Lücke zwischen Dieselbedarf und verfügbarem Angebot auf rund vier Millionen Barrel täglich.
- Ein Dieselpreis von drei Euro in Deutschland ist derzeit keine belastbare Prognose, sondern ein Szenario bei einer weiteren Verschärfung der Marktbedingungen.
Rohöl erklärt den Preissprung nur zum Teil
Für die Transportbranche ist die Entwicklung am Rohölmarkt nur ein Teil der Geschichte.
Brent stieg am 8. September zeitweise in Richtung 99 Dollar je Barrel. Die erneute Eskalation im Nahen Osten und die Störungen wichtiger Transportwege haben Rohöl verteuert.
Normalerweise würde ein höherer Rohölpreis entsprechend auf die Produkte der Raffinerien durchschlagen. Beim Diesel kommt derzeit jedoch ein eigener Engpass hinzu.
Raffinerieausfälle und eingeschränkte Exporte haben das verfügbare Angebot an Mitteldestillaten reduziert. Russland hat seine Exporte beschränkt, gleichzeitig belasten Produktionsausfälle im Nahen Osten den Markt. In Europa trifft dies auf einen Markt, der auf Dieselimporte angewiesen ist.
Das Resultat: Diesel hat sich gegenüber dem zugrunde liegenden Rohöl überproportional verteuert.
Für Transportunternehmen ist genau dieser Zusammenhang wichtiger als die tägliche Bewegung des Brent-Preises. Selbst eine Stabilisierung des Rohölmarktes würde nicht zwangsläufig bedeuten, dass Diesel im gleichen Tempo wieder billiger wird.
Dem Markt fehlen laut Vitol vier Millionen Barrel Diesel täglich
Wie angespannt die Versorgung ist, zeigen aktuelle Aussagen aus dem internationalen Energiehandel.
Russell Hardy, Vorstandschef des Rohstoffhändlers Vitol, bezifferte die derzeitige Lücke auf dem globalen Dieselmarkt auf rund vier Millionen Barrel pro Tag. Gleichzeitig gehen die Lagerbestände zurück.
Auch andere Vertreter der Energiebranche rechnen nicht mit einer schnellen Normalisierung. Nach einer aktuellen Reuters-Umfrage unter Führungskräften großer Energieunternehmen könnte das Dieselangebot bis in den Winter hinein knapp bleiben.
Das unterscheidet die gegenwärtige Situation von einer kurzfristigen Preisspitze an den Tankstellen.
Für einen Straßentransporteur ist nicht nur entscheidend, ob Brent morgen zwei Dollar fällt oder steigt. Bleiben Raffineriekapazitäten eingeschränkt und die Dieselbestände niedrig, kann die Marge zwischen Rohöl und fertigem Diesel hoch bleiben.
Deutschland: Vom Tankrabatt bleibt nichts mehr übrig
Deutschland gehört derzeit zu den teureren großen Transportmärkten.
Der durchschnittliche Dieselpreis von 2,32 Euro je Liter liegt 57 Cent über dem Niveau unmittelbar vor Beginn des Iran-Kriegs.
Zwischenzeitlich hatte die Bundesregierung die Energiesteuer auf Kraftstoffe gesenkt. Die Entlastung von rund 17 Cent je Liter Diesel galt für Mai und Juni. Seit dem 1. Juli greift wieder der reguläre Steuersatz.
Für Fuhrparks zeigt der Vergleich mit Februar die Größenordnung des Kostensprungs besser als die Rechnung eines einzelnen Tankstopps.
Ein Sattelzug mit 120.000 Kilometern Jahresfahrleistung und 30 Litern Verbrauch je 100 Kilometer benötigt rechnerisch rund 36.000 Liter Diesel im Jahr. Ein dauerhaft um 10 Cent höherer Nettokraftstoffpreis verändert die jährlichen Kraftstoffkosten eines solchen Fahrzeugs um rund 3.600 Euro. Bei 50 Fahrzeugen wären es 180.000 Euro.
Das ist eine Modellrechnung. Flottenpreise, Tankkartenrabatte, Steuern und Erstattungen unterscheiden sich je nach Unternehmen und Land. Sie zeigt aber, warum bereits relativ kleine dauerhafte Veränderungen beim Dieselpreis für die Kalkulation von Frachtraten relevant werden.
Europa bleibt ein Markt mit großen Preisunterschieden
Gleichzeitig laufen die nationalen Tankstellenpreise deutlich auseinander.
In Italien kostete Self-Service-Diesel am 8. September durchschnittlich 2,169 Euro je Liter. Auf Autobahnen waren es 2,240 Euro.
Spanien meldete zuletzt für Gasóleo A einen Durchschnitt von 1,810 Euro je Liter.
Damit liegen zwischen Spanien und Deutschland mehr als 50 Cent je Liter. Für international eingesetzte Flotten ist diese Differenz erheblich – allerdings sind die öffentlich sichtbaren Tankstellenpreise nicht mit den tatsächlichen Beschaffungskosten eines großen Transportunternehmens gleichzusetzen.
Speditionen arbeiten mit Tankkarten, individuellen Rabatten und Nettopreisen. Hinzu kommen je nach Land unterschiedliche Möglichkeiten zur Erstattung von Verbrauchsteuern beziehungsweise Mehrwertsteuer. Für die operative Tankplanung zählt deshalb der effektive Nettopreis nach Erstattungen, nicht allein die Zahl auf dem Preispylon.
Genau deshalb sollte aus dem europäischen Vergleich keine simple Rangliste „hier tanken, dort nicht tanken“ abgeleitet werden.
Frankreich über zwei Euro, Niederlande methodisch nicht direkt vergleichbar
Auch Frankreich liegt auf hohem Niveau. Die staatliche Tankstellendatenbank weist am 8. September bei zahlreichen Stationen Dieselpreise oberhalb von 2,20 Euro je Liter aus.
Für einen belastbaren europaweiten Vergleich fehlt für den heutigen Tag allerdings ein unmittelbar vergleichbarer nationaler Mittelwert. Einzelne Stationspreise sollten deshalb nicht zu einem französischen Durchschnitt hochgerechnet werden.
Ähnliches gilt für die Niederlande aus einem anderen Grund.
Dort liegt der Gemiddelde Landelijke Adviesprijs für Diesel am 8. September bei 2,689 Euro je Liter. Dieser Wert ist ein durchschnittlicher landesweiter Richtpreis großer Mineralölgesellschaften und kein Mittelwert der tatsächlich an allen niederländischen Tankstellen gezahlten Preise.
Die knapp 2,70 Euro sollten deshalb nicht neben 2,32 Euro für Deutschland oder 2,169 Euro für Italien in eine gemeinsame Rangliste gestellt werden.
Das ist für einen europäischen Preisvergleich wichtig: Die veröffentlichten nationalen Kraftstoffdaten beruhen nicht überall auf derselben Methodik.
Polen: Transportverbände sehen Margen unter Druck
In Polen richtet sich die Aufmerksamkeit inzwischen stärker auf die Auswirkungen für Unternehmen.
Die Północna Izba Gospodarcza in Stettin erwartet kurzfristig weitere Preissteigerungen. Nach Angaben ihres Pressesprechers Michał Kaczmarek hält die Kammer bei einer Fortsetzung der Entwicklung neun Złoty je Liter für zunehmend möglich.
Dariusz Matulewicz, Präsident des westpommerschen Straßentransportverbands, berichtet von stark steigenden Kosten bei den Mitgliedsunternehmen.
Die Preise sind gigantisch, und wir sind uns dessen bewusst“, sagt Matulewicz.
Die Wirtschaftskammer berichtet außerdem von zunehmendem Kostendruck in Handel, Lebensmittelproduktion, Gastronomie und Industrie. Besonders Unternehmen mit niedrigen Margen seien betroffen.
Diese Einschätzungen stammen von Interessenverbänden und erlauben keine Aussage darüber, wie viele Unternehmen tatsächlich wirtschaftlich gefährdet sind. Für die Transportbranche ist aber ein anderer Punkt relevant: Steigt Diesel schneller als sich Frachtraten anpassen lassen, verschlechtert sich kurzfristig die Marge eines Auftrags.
Das trifft vor allem Verträge, bei denen Kraftstoffzuschläge fehlen, mit Verzögerung angepasst werden oder auf Referenzwerten basieren, die den aktuellen Preissprung erst später abbilden.
Was passiert mit Dieselzuschlägen in Transportverträgen?
Damit verlagert sich das Thema von der Tankstelle in die Frachtkalkulation.
Bei langfristigen Transportverträgen werden Dieselpreisänderungen häufig über sogenannte Fuel Surcharges beziehungsweise Dieselfloater weitergegeben. Wie schnell das geschieht, hängt vom Vertrag ab: Referenzpreis, Basiswert, Anpassungsintervall und Berechnungsformel können sich erheblich unterscheiden.
Bei einem abrupten Preisanstieg entsteht dadurch ein zeitlicher Effekt. Die Tankrechnung steigt sofort, während der vereinbarte Kraftstoffzuschlag unter Umständen erst im nächsten Abrechnungszeitraum angepasst wird.
Für Unternehmen mit hohen Dieselvolumina und niedrigen Margen kann gerade diese zeitliche Differenz problematischer sein als das absolute Preisniveau.
Das lässt sich aus den veröffentlichten Tankstellenpreisen nicht ablesen, gehört aber zu den wichtigsten betriebswirtschaftlichen Folgen der aktuellen Entwicklung.
Drei Euro Diesel? Mögliches Szenario, keine Prognose
Vor diesem Hintergrund taucht in Deutschland bereits die Frage auf, ob Diesel auf drei Euro je Liter steigen könnte. Dafür gibt es derzeit keine belastbare Prognose.
Die entsprechenden Szenarien basieren vor allem auf der Annahme, dass börsengehandelter Diesel nochmals deutlich steigt und dieser Anstieg weitgehend an die Tankstellen weitergegeben wird. Das muss nicht eintreten.
Trotz erheblicher Störungen lag Brent am 8. September weiterhin knapp unter 100 Dollar je Barrel. Zusätzliche Produktion außerhalb der OPEC, alternative Exportrouten aus den Golfstaaten und eine schwächere Nachfrage gleichen einen Teil der Lieferausfälle aus.
Andererseits könnte eine weitere Verschärfung der Versorgungslage bei fertigem Diesel den Preis auch dann hoch halten, wenn Rohöl nicht entsprechend weiter steigt.
Drei Euro sind deshalb derzeit ein Stressszenario für die Kalkulation, aber kein erwartbarer Referenzpreis.
Der Winter wird für den Dieselmarkt wichtiger als der nächste Tagespreis
Für den europäischen Straßengüterverkehr entscheidet sich die weitere Entwicklung nicht allein an den Preistafeln der Tankstellen.
Wichtiger ist, ob Raffinerien ihre Produktion wieder erhöhen können, Exportbeschränkungen aufgehoben werden und sich die Handelsströme aus dem Nahen Osten normalisieren. Gleichzeitig steigt mit Beginn der Heizperiode die saisonale Nachfrage nach Mitteldestillaten.
Branchenvertreter rechnen deshalb derzeit mit einem angespannten Dieselmarkt bis in den Winter.
Für Transporteure ergeben sich daraus zwei unterschiedliche Risiken: ein höheres absolutes Preisniveau und stärkere kurzfristige Schwankungen.
Das erste erhöht dauerhaft die Kilometerkosten. Das zweite erschwert die Kalkulation von Frachtraten und kann bei zeitverzögerten Dieselklauseln dazu führen, dass ein Teil des Preisanstiegs zunächst beim Frachtführer hängen bleibt.
Damit ist die entscheidende Zahl für die kommenden Wochen nicht die spekulative Drei-Euro-Marke. Entscheidend ist, ob sich das Angebot an Diesel wieder dem Bedarf annähert. Solange auf dem Weltmarkt mehrere Millionen Barrel pro Tag fehlen und die Bestände sinken, bleibt der Kostendruck auf dieselabhängige europäische Flotten bestehen.









