In unserer Kurzinterview-Serie präsentieren wir, wie Vertreter der Transport-und Logistikbranche sowie der Automobilindustrie das Jahr 2020 in Erinnerung behalten werden und was sie für das kommende Jahr und die nahe Zukunft erwarten. Die Interviews finden Sie bis kurz vor Weihnachten immer dienstags und donnerstags auf unserem Portal.

Heute resümiert Marten Bosselmann das Jahr 2020 und blickt in die Zukunft. Der Vorsitzende des Bundesverbandes Paket und Expresslogistik erklärt, warum er sich auch 2021 für eine Novellierung des Postgesetzes einsetzen wird und warum nur ein echter und intensiver Wettbewerb Garant für verbraucherfreundliche Dienstleistungen sein kann.

Natalia Jakubowska, Trans.INFO: Was waren die Highlights des Jahres 2020? Gab es etwas, was Sie besonders begeistert hat?

Marten Bosselmann, Vorsitzender des Bundesverband Paket & Expresslogistik e. V: Ein Highlight war für mich ganz klar, dass das Bundesverwaltungsgericht im Mai dieses Jahres auf unsere Klage hin geurteilt hat, dass die Portoerhöhung der Deutschen Post vom Jahr 2015 rechtswidrig war. Das war ein deutliches Urteil für den Wettbewerb und zugunsten der Verbraucher. Auch das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln in Bezug auf die Lenk- und Ruhezeiten war ein wichtiger Sieg für die Wettbewerber. Das Gericht hat unsere Auffassung bestätigt, dass die Deutsche Post sich nicht, wie sie es bisher tut, dadurch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen darf, dass sie – anders als die Wettbewerber – Zustellfahrzeuge nutzt, ohne die Lenk- und Ruhezeiten zu dokumentieren. Der Paketverband BIEK hat außerdem zusammen mit seinen Mitgliedsunternehmen und der Zertifizierung Bau GmbH mit dem „PQ KEP“ ein Prüfsiegel eingeführt, das Vertragspartnern von Paketdiensten die Möglichkeit gibt, rechtssicher und transparent zu belegen, dass sie den hohen Arbeitsschutz- und Sozialstandards der Paketbranche genügen, die auch in dem Ende 2019 in Kraft getretenen Paketboten-Schutz-Gesetz geregelt sind. Dieses Präqualifizierungsverfahren ist bisher deutschlandweit einmalig und wird von den Vertragspartnern unserer Mitgliedsunternehmen gut aufgenommen. Darauf sind wir durchaus stolz.

Was waren die Downlights?

Enttäuschend für die Wettbewerber im Paketmarkt ist die Tatsache, dass die im Koalitionsvertrag der Bundesregierung festgelegte Novellierung des Postgesetzes immer noch nicht in den Gang gebracht wurde. Das Postgesetz in seiner jetzigen Form ist über 20 Jahre alt und wird den heutigen Marktgegebenheiten nicht gerecht. Wir haben uns daher bei der Politik sehr dafür eingesetzt, dass die dringend notwendige Modernisierung des Gesetzes nun endlich kommt. Leider stagniert der Prozess und die schon seit 2019 angekündigte Veröffentlichung eines Referentenentwurfs immer noch nicht erfolgt. Aber wir bleiben dran und sind dazu weiter mit den politischen Entscheidungsträgern im Gespräch.

Vor welchen Herausforderungen stehen wir heute?

Wir beobachten seit etlichen Jahren, dass der Online-Handel boomt – und damit auch die Sendungsmengen im B2C-Bereich. In der Corona-Pandemie zeigt sich deutlich, wie wichtig die Paketdienste sind: Sie versorgen – auch und gerade in der Krise – die Endverbraucher in Stadt und Land zuverlässig mit Waren und Gütern des täglichen Bedarfs. Aber nicht nur für Privatkunden, auch für die Wirtschaft sind die Paketdienste von großer Bedeutung. Sie beliefern Handel, Industrie, Gewerbe, Handwerk und Dienstleistungsunternehmen. Attraktiver Handel ist besonders auf die regelmäßige bzw. bedarfsgerechte Lieferung kleinerer Warenmengen durch die Paketdienste angewiesen. Damit passt sich der stationäre Handel an die Kundenerwartungen an und reduziert Kosten für die ansonsten benötigten Lagerflächen. Durch die Corona-Pandemie scheinen sich nun auch Verbraucherinnen und Verbraucher für den Online-Handel geöffnet zu haben, die diesbezüglich bisher eher zurückhaltend waren, so dass das Sendungsaufkommen im B2C-Bereich sich stärker erhöht als es unter normalen Umständen der Fall gewesen wäre. Insgesamt handelt es sich allerdings um die Fortschreibung eines – wie gesagt – seit Jahren bestehenden Trends, der durch die besonderen Umstände verstärkt wurde. Die Herausforderung für die Paketdienste besteht also unter anderem darin, die stetig wachsenden Paketmengen zuverlässig und in gewohnter Qualität zuzustellen. Hierfür werden laufend neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht und Sortier- und Zustellprozesse ausgebaut und optimiert. Die Paketbranche ist sehr erfahren im Handling zunehmender Sendungsvolumina und auch erprobt im Umgang mit Peak-Phasen, wie beispielsweise der Weihnachtszeit oder dem sprunghaften Anstieg der Sendungsmengen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Die Paketdienste stellen jährlich rund 10.000 Menschen neu ein, schaffen neue Standorte für Sortier- und Verteilzentren und treiben Innovationen in allen Bereichen voran. Insofern bin ich gewiss, dass die Branche den Herausforderungen mehr als gewachsen ist.

Welches Projekt steht bei Ihnen für das Jahr 2021 auf der Agenda?

In Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wurde noch einmal sichtbar, wie wichtig die Wettbewerber der Deutschen Post/DHL sind. Sie bewegen rund 40 Prozent der Sendungen und tragen einen ganz wesentlichen Beitrag zur Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft bei. Es ist vollkommen offensichtlich: Ohne die Wettbewerber geht es nicht. Echter und intensiver Wettbewerb ist der Garant für verbraucherfreundliche Dienstleistungen. Deshalb ist es dringend notwendig, den Postmarkt zu modernisieren und das jahrzehntealte Postgesetz grundlegend zu überarbeiten. Der derzeitige Gesetzesrahmen führt klar zu Wettbewerbsverzerrungen zugunsten des Ex-Monopolisten und zu Ungunsten der Wettbewerber. Daher werde ich mich weiter dafür einsetzen, dass die Bundesregierung, wie im Koalitionsvertrag festgelegt, das Postgesetz endlich novelliert. Ganz grundsätzlich ist es mir ein Anliegen, dass die Paketbranche noch erfolgreicher wird. Dabei möchte ich unsere Mitgliedsunternehmen gemeinsam mit meinem Team durch unsere Verbandsarbeit unterstützen.

Welche Themen und Trends werden die nahe Zukunft prägen?

Eine große Rolle spielen aus meiner Sicht bereits jetzt und sicherlich in Zukunft in noch höherem Maße die Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung – und zwar in allen Bereichen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Für die Paketbranche wird es darum gehen, Sortier- und Zustellprozesse noch energie- und zeiteffizienter, noch ressourcenschonender zu gestalten – im Interesse der Umwelt, der Empfänger und nicht zuletzt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und das wird mit Sicherheit gelingen, denn die Paketbranche ist sehr dynamisch und passt sich neuen Herausforderungen nicht nur an, sondern nimmt sie mit der stetigen Entwicklung neuer und zukunftsgerichteter Konzepte vorweg. Die Paketdienste sind Innovationstreiber – das zeigt sich zum Beispiel in der stetigen Weiterentwicklung nachhaltiger Zustellkonzepte, z.B. mit Lastenfahrrädern und Mikrodepots, oder der Digitalisierung verschiedener Abläufe im Lager, bei der Sortierung sowie bei der Zustellung zur Effizienzsteigerung logistischer Prozesse, zur Entlastung der Zusteller und um noch besser auf Kundenwünsche eingehen zu können. Ihre Flexibilität, Agilität und Kreativität haben die Paketdienste nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie bewiesen, als sie innerhalb kürzester Zeit neue Lösungen für kontaktlose Zustellung entwickelt und umgesetzt haben. Ich bin sicher: Die Branche wird auch in den kommenden Jahren mit neuen Ideen und Konzepten – zum Beispiel in den Bereichen Nachhaltigkeit und Digitalisierung – Innovationen vorantreiben.

Foto:BIEK

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